Kirch-Gruppe Rennet, rettet, flüchtet

Leo Kirch hat den ungeordneten Rückzug angetreten. Der Börsengang wird verschoben, strategisch wichtige Positionen sukzessive geräumt. Die Tragik dabei: Kirch erstickt langsam in seinem eigenen Netz von undurchsichtigen Geschäftsbeziehungen.

München - Aus dem Gemunkel und Getuschel in Bankenkreisen ist fast Gewissheit geworden: Der Börsengang von Kirchs Kernunternehmen KirchMedia, schon einmal verschoben, ist zum vorgesehenen Termin nicht zu schaffen. Im Boom-Jahr 1999 war der Gang aufs Parkett erst für Ende 2001 angesetzt worden, dann nahmen die Kirch-Manager den Juni 2002 ins Visier.

Offen ist nun im Grunde nur noch, um wie viele Monate sich der essenzielle Plan verzögert - oder ob er gar ganz platzt. Bankenkreise und Medien unken inzwischen im Einklang, dass die KirchMedia allerfrühestens im August gelistet wird. Die Dementis aus der Ismaninger Kirch-Zentrale klingen zunehmend halbherzig.

Einerseits heißt es, die Börsenpläne stünden nicht zur isposition. Andererseits sagte ein Kirch-Sprecher "Dow Jones Newswire", der Zeitplan werde natürlich laufend überprüft - so auch in den kommenden Wochen. Die "Financial Times Deutschland" ("FTD") zitiert einen hochrangigen Kirch-Manager mit dem Satz: "Im Grund genommen haben wir uns vom angepeilten Termin im Juni bereits verabschiedet."

Wovon hatten die Kirch-Manager nicht alles geträumt: Der Aufstieg in die Dax-30-Liga schien sicher, die KirchMedia wäre zu einem der größten gelisteten Medien-Konzerne Europas geworden. In Deutschland hätte allenfalls ein Börsengang des Gütersloher Konkurrenten Bertelsmann der neuen Kirch AG den Rang ablaufen können.

Der Börsengang ist nicht das Ei des Kolumbus

Der Börsengang sollte - so die zurechtgestutzten Pläne - ein indirekter sein, bei dem das Grundkapital nicht erhöht wird, keine neuen Aktien platziert werden. Insofern hätte er Kirchs Liquiditätsprobleme mittelfristig nicht gelöst. Er sollte durch eine Verschmelzung mit der ProSiebenSat.1 Media AG ablaufen, die bereits an der Börse notiert ist. Dass Gerüchte über ein Scheitern des Vorhabens oder gar eine Scheidung von Kirch der Fernseh-Aktie zu einem steilen Anstieg und am Montag zu einem Tagesgewinn von 8,5 Prozent verholfen haben - es spricht Bände darüber, was Börsenhändler und Analysten momentan von Kirchs Ideen halten.

Neben dem miserablen Klima an den Kapitalmärkten, das in diesem Jahr schon die Börsenpläne von Private Media und BHW verhagelte, sprechen noch andere Gründe dafür, dass Kirch seinen Terminplan ändern muss. So können die Wirtschaftsprüfer, die vor der Verschmelzung aktiv werden müssten, den Wert der KirchMedia derzeit kaum realistisch taxieren - erst einmal müsste die KirchGruppe wieder in ruhigeres Fahrwasser steuern. Und erst einmal müsste klar sein, welche Beteiligungen Kirch in seiner Not verkauft und welche er behält.

Zudem streitet sich Kirch mit dem Axel Springer Verlag, dessen wichtigster, familienfremder Großaktionär er einstweilen noch ist, über jene Verkaufsoption, durch die seine Finanzkrise erst richtig akut wurde: Wenn sich die beiden Ex-Partner nicht einigen, müssen Richter klären, ob Springer das Recht hat, von Kirch gut 770 Millionen Euro für seinen 11,5-Prozent-Anteil an der ProSiebenSat.1 zu fordern. Vorher wird es für den Börsenplan kaum ein Startsignal geben können. Ende März, beim nächsten Eignertreffen der KirchMedia, dürfte Genaueres und Offizielles über die Zeitplanung zu erfahren sein.

Kirchs Verstrickungen, Kirchs Verhängnis

Am Börsen-Hickhack wird wieder einmal deutlich: Kirch hat sich in einem Gewirr von Optionen, Verkaufsrechten und Bedingungen verstrickt, das ihm zum Verhängnis werden könnte. Die Verkaufsrechte des Springer-Verlages und des Wahlamerikaners Rupert Murdoch sind nicht die einzigen. Zumindest vier Minderheitsgesellschaftern der KirchMedia, die sich jeweils mit dreistelligen Millionenbeträgen engagierten, hat Kirch Presseberichten zufolge einen Börsengang im Juni versprochen.

Zu diesen Investoren gehören der saudische Prinz al-Walid, der einst die Citibank sanierte, die Holding des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, die amerikanische Capital Research und die Investmentbank Lehman Brothers. Sollten diese Gesellschafter ihre Put-Optionen ziehen, käme auf Kirch laut "FTD" die Zahlung von 833 Millionen Euro zu. Das "manager-magazin" berichtet gar von einer potenziellen Ausstiegsforderung in Höhe von 1,5 Milliarden Euro.

Kaum wahrscheinlich, dass Kirch wirklich so viel zahlen muss. Berlusconi zum Beispiel wird schwerlich einerseits Teile von Kirchs spanischer Beteiligung aufkaufen - und den Franken im nächsten Moment ans Messer liefern. Längst seien die Investoren in die Gespräche über Kirchs Sanierung eingebunden, heißt es außerdem. Doch Kirch kann weitere Unsicherheit kaum gebrauchen. Es ist nicht mehr ein einzelnes Damoklesschwert, das über seinem Kopf schwebt, sondern eine halbe Waffenkammer.

Die Spekulationen über Kirchs tatsächliche Schuldenlast nehmen derweil fast hysterische Ausmaße an. Nachdem das "Wall Street Journal" am Montag berichtet hatte, Kirch sei mit insgesamt 13 Milliarden Euro Krediten und Verbindlichkeiten doppelt so hoch verschuldet wie bisher angenommen, legt die "Financial Times" die Latte noch höher. Einige "Medienführungskräfte" seien überzeugt, dass Kirch tatsächlich mit 15 oder gar 18 Milliarden in der Kreide stehe.

Bankenkreise in Frankfurt halten diese Zahlen offenbar für völlig überzogen. Aber das Streuen von Gerüchten über Kirch ist längst zum Sport geworden. Und es zeigt: Der Kollaps oder zumindest die Aufteilung der KirchGruppe sind unausweichlich. Offen ist nur noch, wie laut der Knall wird.