Madonna Maulkorb dank Murdoch?

In England weht liberalen Medien ein scharfer Wind ins Gesicht. Das bekam jetzt der TV-Sender Channel 4 zu spüren. Nachdem Madonna bei einer Live-Übertragung geflucht hat, folgte die Abmahnung der Sittenwächter.
Von Karsten Schmidt

Vor zwanzig Jahren, Anfang der Achtziger, trafen Touristen mitten in London verlotterte Punks, Mods und Rocker. Die saßen zusammen mit ihren Ratten auf dem Picadilly Circus und warteten auf die "Spießer", die ihnen ein paar Cent für ein Foto gaben. Die Sex Pistols waren Bürgerschrecks und ließen sich nach ihren Konzerten von der Polizei abführen.

Es gab Schallplatten, die verboten wurden, weil die Texte zu destruktiv waren, aber selbst Jahre später, als ein kleinwüchsiger Sänger mit dem Namen "Prince" sich anschickte, die Popwelt zu erobern, war es in England möglich, zu reden, wie einem der Schnabel gewachsen war. Die Zensur selbst ließ Milde walten und verhinderte das Schlimmste, nur ab und an wurde der prägnante "Piep" über die Unwörter der Subkultur gelegt. Ergebnis waren unvergessene Liedzeilen wie der Prince-Song "You sexy mother -piep-" - ein Vermächtnis der Popultur.

In Keuschheit und Demut

Und heute? Da beschimpft das Murdoch-Massenblatt "Sun" Bush-Kritiker unverholen als "korrupte, undemokratische und moralisch bankrotte Schreiberlinge", und der Fernsehsender Channel 4 entschuldigt sich öffentlich für die Ausdruckweise seiner Gastmoderatorin. Die war keine Geringere als Madonna. Was war geschehen?

Diese Frau, diese Muskeln... Madonna bei ihrem Auftritt im St. Jordi Palace in Barcelona am 7. Juni

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Foto: REUTERS
Miss American Pie: Madonna am 13. Juni in Mailand

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Foto: DPA
Sogar ihre Tänzer tragen sie auf Händen: Madonna in Barcelona

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Foto: DPA
Fast wie zu "Like A Virgin"-Zeiten: Noch einmal Madonna in Barcelona

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Lampenfieber? Keine Spur. Madonna auf dem Weg zum Tourneeauftakt in Barcelona

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Freizeit in Mailand: Madonna wohnte in der Villa des verstorbenen Modeschöpfers Gianni Versace und shoppte im Stadtzentrum

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Foto: AFP


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Am 9. Dezember 2001 war die Popdiva als Laudatorin zur Verleihung des angesehenen Turner-Preises nach London eingeladen worden, Channel 4 übertrug die Veranstaltung live – und Madonna überreichte dem Konzeptkünstler Martin Creed den Preis mit den Worten: "Gut gemacht, motherfucker..."

Madonnas vulgäre Ausdrucksweise kam bei den britischen Medienwächtern nicht gut an und bescherte Channel 4 nun eine Verwarnung der Medienanstalt ITC: Der Fernsehsender hätte nämlich, so verlangt es der Fernseh-Verhaltenskodex, das beanstandete Wort mit einem Piepton unkenntlich machen müssen.

Channel 4 zeigt sich reumütig. Agenturberichten zufolge erklärte der Sender, Madonna habe das Vertrauen missbraucht, das man in sie gesetzt habe. Vor ihrem Auftritt habe nichts darauf hingewiesen, dass die Musikerin derart ausfällig werden würde. Allerdings habe sie sich geweigert, dem Sender vorab ihre Laudatio zu zeigen.

Karsten Schmidt