UMTS "Spätestens im Herbst werden die Weichen gestellt"

Der europäische Telekommunikationsmarkt befindet sich in einer umfassenden Konsolidierungsphase. Für sieben Unternehmen tickt einer Gartner-Studie zufolge die Uhr, der Ex-Oberregulierer Scheurle erwartet Fusionen. Von Karsten Schmidt

Hamburg - Weiterhin sinkende Investitionen, hohe Schulden für die UMTS-Lizenzen und die schleppende Nachfrage werden in den nächsten Quartalen zu einer Konsolidierung des westeuropäischen Telekommunikationsmarktes führen. Zu dieser Erkenntnis kommt das Beratungsunternehmen Gartner Group.

Vor allem die Anbieter Carrier , Global Crossing,  Level , Royal KPN , Sonera , Telekom Austria  und United Pan-Europe Communications gelten bei den Marktforschern als Kandidaten für Restrukturierungen, Übernahmen oder Insolvenzen. Hauptursache dafür sind nach Ansicht der Analysten die bislang 65 zu einem Gesamtpreis von 130 Milliarden Dollar in Westeuropa ausgegebenen UMTS-Lizenzen und ein gemeinsamer billionenschwerer Schuldenberg aller westeuropäischen Konzerne.

Eric Paulac, Research Direktor Telecommunication und Networking, erläutert die Ergebnisse seiner Analyse. "Das größte Risiko, das auf alle sieben Unternehmen gleichermaßen zutrifft, sind starke finanzielle Schwankungen." Dazu gehörten umfangreiche Ausgaben, große Schuldenanhäufung, aber auch hohe Gewinne in einem relativ kurzen Zeitraum.

Deutsche Telekom steht gut da

"Die Deutsche Telekom  ist trotz ihrer roten Zahlen und rechtlicher Probleme nicht auf unserer Liste, da die Schulden hier eng mit der Firmengeschichte verbunden und fast schon traditionell sind", so der Research Direktor. Schulden hätten bei den Bonnern demnach "lange nicht die verheerenden Auswirkungen wie bei anderen Firmen".

In der Riege der ehemaligen Monopolisten verfüge die Telecom Italia  über eine solide finanzielle Basis. Die Mehrheitseigner Olivetti und Pirelli würden den Betreiber deshalb nicht Stück um Stück verkaufen, wie es sonst bei einem Engagement anderer Industriezweige üblich sei.

Besonders schlecht stehe es dagegen um die niederländische KPN. Hier sieht der Analyst eine Übernahme oder Zerschlagung in greifbarer Nähe. "Wegen des starken Wettbewerbs auf dem heimischen Markt hatte KPN wesentlich mehr Ausgaben als vergleichbare Unternehmen", so Paulac.

Der mangelnde Konkurrenzdruck durch starke Neulinge auf dem Heimatmarkt ermögliche dem schwedischen Ex-Monopolisten Telia nicht nur ein sicheres Überleben. Er könne sogar auf lange Sicht durch Zukäufe den gesamten skandinavischen Markt beherrschen und besitze jetzt schon über Beteiligungen und Lizenzen Zugang zu den wichtigsten und lukrativsten Bereichen, wie zum Beispiel dem norwegischen Mobilfunknetz. Sowohl Tele Danmark als auch Sonera in Finnland und Telenor  in Norwegen werden in den nächsten beiden Jahren "auf der Speisekarte von Telia  zu finden" sein, prophezeit Paulac.

"Preisverfall von zehn Prozent monatlich"

"Preisverfall von zehn Prozent monatlich"

Bei den Glasfaser- und Kabelunternehmen sei hingegen der Internetboom von 1999 und 2000 direkt verantwortlich für die jetzige Misere. Er habe für überhöhte Erwartungen gesorgt: "Die entstandene Überkapazität hat einen schnellen Preisverfall nach sich gezogen."

So habe das auf Überseekabel spezialisierte Unternehmen Global Crossing die physikalische Kabelmenge in den letzten zehn Jahren um das 200fache erhöht, rechnet der Analyst vor. "In den letzten 18 Monaten gab es deshalb als Quittung einen Preisverfall von durchschnittlich zehn Prozent monatlich", so Paulac.

Auch Klaus-Dieter Scheurle ist von einer Marktbereinigung im europäischen Mobilfunkmarkt überzeugt. Der frühere Telekom-Regulierer ist heute Telekommunikationsberater und Managing Director der Investmentbank Credit Suisse First Boston.

Für seine Einschätzung nennt Scheurle zwei Gründe: Die Unternehmen, die mit einer UMTS-Mobilfunklizenz neu in den Markt einsteigen wollen, werden dies finanziell nicht durchhalten. Gleichzeitig werden andere UMTS-Lizenzbesitzer Wettbewerber übernehmen wollen. "Spätestens im Herbst werden die Weichen gestellt", meint Scheurle.

Der Grund: Im größten europäischen Mobilfunkmarkt Deutschland müssen nach den Lizenzbedingungen die neuen UMTS-Mobilfunknetze bis Ende 2003 ein Viertel der Bevölkerung erreichen. Spätestens ab der zweiten Jahreshälfte 2002 müssen daher die milliardenteuren Netze gebaut werden. Eine Übernahme mache daher vor dieser Phase Sinn, so Scheurle.

Hoffnung auf Ende der Flaute

Investmentbanker hoffen weltweit darauf, dass die Flaute ihrer Branche endet und es wieder zu Fusionen im Telekommunikationsmarkt kommt. Für eine wahrscheinliche Paarung hält Scheurle Telefónica Móviles mit der britischen MMO2, der verselbstständigten Mobilfunksparte von British Telecom . Vieles spreche auch für eine Übernahme der KPN-Mobilfunksparte durch die France-Télécom-Tochter Orange , meint Scheurle.

Bei diesem Szenario würden in Deutschland die beiden kleinen Mobilfunkanbieter mit den Neueinsteigern zusammengehen: E-Plus mit der France-Télécom-Beteiligung Mobilcom  und Viag Interkom  mit der Telefónica-Tochter Quam. Die Marktführer T-Mobile und D-2-Vodafone  mit je 40 Prozent Marktanteil dürfen in Deutschland nach Scheurles Auffassung aus Kartell-Gründen nichts übernehmen. Im Gegensatz zu seinem Nachfolger als Telekom-Regulierer, Matthias Kurth, glaubt Scheurle nicht, dass bei diesen Fusionen jeweils eine der je acht Milliarden Euro teuren UMTS-Lizenzen einschließlich der begehrten Frequenzen zurückgegeben werden muss.

Scheurle, der die Lizenzbedingungen mit entwickelt hat, glaubt vielmehr, dass die Unternehmen die für den Mobilfunkbetrieb wichtigen Frequenzen behalten dürfen. Er begründet dies damit, dass nach den Lizenzbedingungen ein Unternehmen alleine so viele Frequenzen hätte ersteigern können wie heute zwei UMTS-Anbieter haben. Der Besitz daran widerspreche den Regeln nicht.

ks