Digital-TV Amerika gegen Microsoft

Während in Deutschland der Streit zwischen Fernsehanbietern und Liberty Media um den Digital-TV-Standard MHP tobt, hat sich die US-Kabelindustrie schon für MHP entschieden und erteilt damit Microsoft eine Absage. Denn hinter den Kulissen kämpfen der Softwareriese und Erzkonkurrent Sun um den milliardenschweren Markt TV-Software.

Hamburg - Die deutsche Fernsehbranche streitet sich mit dem Kabelbetreiber Liberty Media um den Digital-TV-Standard Multimedia Home Platform (MHP). Die Absage der Deutschland-Chefin des US-Unternehmens, Miranda Curtis, an MHP empörte die TV-Sender wie auch die Industrie. Denn erst im September hatten sich in Deutschland die Fernsehanstalten RTL, ARD, ZDF, die Kirch-Gruppe und die Landesmedienanstalten auf diesen Standard für digitales und interaktives Fernsehen geeinigt.

Dabei sind sie nicht alleine auf der Welt. Wie Ulrich Reimers, Professor an der Technischen Universität Braunschweig, in einem Interview mit manager-magazin.de erklärt, steht der europäische Standard für Digital-TV MHP, den das Digital-Video-Broadcasting-Projekt (DVB) entwickelt hat, weltweit vor dem Durchbruch. Mehr als 70 Unternehmen von Sony bis zu Canal Plus wollen mit MHP arbeiten. Und in der Nacht auf Mittwoch dieser Woche hat sich auch das Konsortium CableLabs, das Kabelbetreiber aus Nord- und Südamerika vereint - unter anderem AT&T Broadband und Comcast, auf den europäischen Standard geeinigt. "Am Dienstag ging eine Periode intensiver Gespräche mit CableLabs in den USA erfolgreich zu Ende. Nun ist die vom DVB-Projekt entwickelte MHP für die Kabelnetze in USA gesetzt", so Reimers. Das Board of Directors der CableLabs habe in New York diese Entscheidung getroffen.

Dabei geht es den Fernsehsendern, Unternehmen und Kabelnetzbetreibern nicht nur einfach um die Softwareplattform MHP, mit der interaktives Fernsehen ermöglicht wird, erläutert Reimers, der am Institut für Nachrichtentechnik in Braunschweig und als Mitbegründer des DVB-Projekts entscheidend an MHP mitgearbeitet hat. In Wahrheit ist die Entscheidung für MHP "eine Entscheidung gegen Microsoft". Denn längst hat der Softwareriese das lukrative Geschäftsfeld TV-Software für sich entdeckt.

Es geht um Milliarden Dollar. Jede Box und jedes Fernsehgerät für digitales TV soll einmal mit einer Software ausgestattet sein, mit der die Verschmelzung von Fernsehen und Internet möglich wird. Kein Wunder also, wenn Microsoft versucht, massiv in diesen Zukunftsmarkt mit Eigenentwicklungen und dem Kauf von Kabelnetzen einzudringen.

Die Kernelemente der Softwareplattform MHP liefert aber ein alter Erzfeind von Microsoft: Sun Microsystems. Und wie es aussieht, könnte Microsoft in diesem Fall den Kürzeren ziehen. Erste Erfolge von MHP zeigen sich bereits. In Finnland ist der Standard per Gesetz beschlossene Sache, in Australien wird ebenfalls an einer ähnlichen Vorgabe gearbeitet und in Deutschland einigten sich die Fernsehsender. Auch große Hersteller von Fernseh- und Zusatzgeräten wollen MHP einsetzen. Mit dem Entschluss der CableLabs hat sich nun auch der US-Mutterkonzern der deutschen Liberty Media ebenfalls für MHP entschlossen. Und schon bald dürften die Aussagen von Liberty-Deutschland-Chefin Miranda Curtis ins Vergessen geraten, denn dem Konsortium CableLab gehört auch Liberty-Konzern-Chef John Malone an. Und bald wird niemand mehr etwas vom Streit hier zu Lande wissen wollen. Dem Einsatz von MHP in Deutschland steht also nichts mehr entgegen.

Alexandra Knape


Der Streit um MHP

Ulrich Reimers, MHP-Mitinitiator und Professor an der TU Braunschweig, äußert sich im mm.de-Gespräch zu den Hintergründen der Auseinandersetzung

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