Talkline Trauerspiel ohne Ende

Seit Monaten sucht die dänische Mutter einen Käufer für den Mobilfunker. Nun droht die Zerschlagung.

Gerhard Schmid

(49), Vorstandsvorsitzender von Mobilcom, winkte ab. Auch Debitel-Lenker Peter Wagner (48) verlor schnell das Interesse. Beiden Mobilfunkmanagern erschien Talkline bei weitem zu teuer.

Noch vor zwei Jahren rechneten Finanzexperten den Wert von Talkline auf eine Milliarde Euro hoch. Jetzt ist das angeschlagene Unternehmen noch nicht einmal für 300 Millionen Euro loszuwerden, vermuten Insider. Und das, obwohl die Tochter der dänischen Telefongesellschaft TDC die Nummer drei unter den netzunabhängigen Serviceprovidern ist.

Keine schöne Situation. Frustriert warf Talkline-Geschäftsführer Klaus Rasmussen (47) Ende September den Job hin. Aber offenbar glaubt er noch immer an das Unternehmen und prüft nun einen Management-Buyout.

Sehr fraglich, ob Rasmussen das schafft. Womöglich wird die Firma zerschlagen, bevor er das Geld zusammenhat.

Rasmussens Nachfolger, Henning Vest (54), drückt aufs Tempo. Vest, in Personalunion Vorstand bei der Muttergesellschaft TDC, will möglichst rasch die hoch defizitäre Festnetz- und Internet-Sparte von Talkline loswerden und sich auf das Mobilfunkgeschäft konzentrieren.

Ein Trauerspiel. Talkline wurde durch wiederholte Eigentümer- und Führungswechsel nahezu zugrunde gerichtet. Mitte 1997 übernahm Tele Danmark (heute: TDC) den Mobilfunker für 578 Millionen Mark von RWE. Von da an ging es bergab.

Kai-Uwe Ricke (40), der damalige Sprecher der Geschäftsführung und jetzige Vorstandschef von T-Mobile International, zerstritt sich rasch mit den Dänen und quittierte seinen Job.

Rickes Nachfolger Dirk Reupke hielt es immerhin zwei Jahre aus. Seine Pläne, Talkline in eine börsennotierte AG umzuwandeln, fanden jedoch keine Unterstützung in Kopenhagen – Reupke musste gehen. Ihm folgten die dänischen Manager Kim Frimer, Rasmussen und schließlich Vest (siehe "Rein und raus").

Nach gut vier Jahren unter dänischer Regie gilt das einstige Vorzeigeunternehmen Talkline als Sanierungsfall. Schuld ist nicht allein Tele Danmark. Die Talkline-Mutter geriet selbst in den Übernahmestrudel der Branche. Zunächst schluckte der US-Telekommunikationskonzern Ameritech den dänischen Marktführer, später dessen US-Konkurrent SBC.

Pausenlos wechselten Strategien und Topmanager bei der TDC. Was Wunder, dass die deutsche Tochter ins Abseits geriet. Diese Entwicklung wurde noch durch hausgemachtes Missmanagement verstärkt.

Reupke und seine Nachfolger setzten auf ungezügelte Expansion im Festnetz- und Internet-Geschäft. Weil die Preise in diesen Märkten jedoch dramatisch verfielen, kamen bei der Aktionitis nur Verluste heraus.

Im Jahr 2000 machte Talkline bei einem Umsatz von 1,35 Milliarden Euro nur noch einen Gewinn (Ebitda) in Höhe von 37 Millionen Euro.

Einzige Ertragsperle des Unternehmens bildet die Talkline ID GmbH. Der Anbieter von Servicenummern - darunter 0800er-Anschlüsse - ist hier zu Lande nach der Telekom der zweitgrößte Anbieter von Telefon-Mehrwertdiensten.

Talkline-ID-Chef Renatus Zilles (46) konnte im letzten Jahr bei einem Umsatz von 193 Millionen Euro eine zweistellige Netto-Umsatzrendite erzielen. Genau diesen Bereich wollen die Dänen nun verkaufen, um etwas Geld in ihre Kassen zu bekommen.

Doch der Zeitpunkt stimmt nicht. Nach mehrwöchigen Verhandlungen mit Talkline ID winkte Harald Stöber (49), Chef der Telefongesellschaft Arcor, ab. Für Talkline wird es eng. Die Dänen sind inzwischen mit fast jeder Lösung einverstanden: einem Verkauf im Block oder in Einzelteilen. Nur schnell muss es gehen.

Anne Preissner

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