Sonntag, 25. August 2019

EM.TV Die schiefen Zahlen des Florian Haffa

Die Staatsanwaltschaft München wirft den Haffa-Brüdern vor, im August 2000 bewusst falsche Halbjahreszahlen veröffentlicht zu haben. Das Buch "Der Minus-Milliardär" weist nach, dass Ex-Finanzvorstand Florian Haffa auch zu anderen Gelegenheiten unrichtige Zahlen nannte.

Florian Haffa: Applaus zwischen den Ergebniszahlen
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Florian Haffa: Applaus zwischen den Ergebniszahlen

Hamburg – Hauptversammlungen gelten gemeinhin als dröge Veranstaltungen. Besonders der Teil, in dem der Finanzvorstand lange Zahlenkolonnen verliest, ruft nur selten Gemütsregungen hervor. Bei EM.TV war das lange anders. "Mit jeder verlesenen Ergebnisziffer wurde Florian Haffa von den rund 800 anwesenden Aktionären mit Applaus unterbrochen", berichtete die "Börsenzeitung" über die EM.TV Hauptversammlung am 15. Februar 1998.

Aus damaliger Sicht war der Jubel der Anteilseigner durchaus verständlich. Die EM.TV-Aktie Börsen-Chart zeigen kannte im Frühjahr 1998 nur eine Richtung: steil nach oben. Außerdem klangen die Zahlen, die Finanzchef Florian Haffa verkündete, sehr beeindruckend. Die "Börsenzeitung" schrieb:

"Haffa betonte, dass alle Beteiligungen und Tochtergesellschaften ein positives Ergebnis ausweisen würden (wieder Applaus). Der Umsatz erreichte 1998 mit 100,3 Millionen Mark knapp das Vierfache des Vorjahres (26,6 Millionen)."

Der Minus-Milliardär

Der Hamburger Wirtschaftsjournalist Detlef Gürtler zeichnet in seinem Buch Aufstieg und Fall von EM.TV nach und beleuchtet, welche Analysten, Journalisten und Fondsmanager für das Kurswunder EM.TV verantwortlich waren.

Detlef Gürtler: "Der Minus-Milliardär. Wie Thomas Haffa EM.TV erst zur heißesten Aktie und dann zur heißesten Luft am Neuen Markt machte." Lardon Media AG, Berlin 2001; 256 Seiten; 34,99 Mark.
Wie der Hamburger Wirtschaftsjournalist Detlef Gürtler in seinem Buch "Der Minus-Milliardär" nachweist, ist im EM.TV-Jahresabschluss für 1998, der etwa zehn Wochen nach Florian Haffas Rede veröffentlicht wurde, von hundert Millionen Umsatz nicht mehr die Rede. Stattdessen wies EM.TV für den Gesamtkonzern lediglich Umsatzerlöse in Höhe von 81,4 Millionen Mark aus - also fast 20 Prozent weniger als auf der Hauptversammlung verkündet.

Dass sich Florian Haffa wegen des tosenden Applauses verhaspelt hat, ist auszuschließen: Auch in der Ad-hoc-Mitteilung des Unternehmens vom 15. Februar 1999 ist von 100,3 Millionen Mark Umsatz die Rede. Man kann Florian Haffa zugute halten, dass er lediglich die laut Pflichtmitteilung "vorläufigen Geschäftszahlen" zitierte. Gänzlich falsch waren laut Buchautor Gürtler einige von Haffas Ausführungen zum EM.TV-Ergebnis. Finanzvorstand Haffa berichtete den Aktionären laut "Börsenzeitung":

"Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit sprang bereinigt um die Aufwendungen für die Kapitalerhöhung auf 30,1 Millionen Mark."

Tatsächlich war das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit nur etwa halb so hoch - denn die 30,1 Millionen waren kein bereinigtes Ergebnis, wie Florian Haffa behauptete. Das bereinigte Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit lag laut dem Jahresabschluss von 1998 vielmehr bei deutlich niedrigeren 17,12 Millionen Mark.

Bei EM.TV scheint man über die Jahre 1998 und 1999 nicht gerne zu sprechen. Auf der Webseite des Unternehmens gibt es ein Ad-Hoc-Archiv in dem die Pflichtmitteilungen des Konzerns abgelegt sind. Zwischen dem 30. März 1998 und dem 15. September 1999 enthält das Archiv keine Einträge, obwohl es laut der Datenbank der Deutschen Gesellschaft für Ad-Hoc-Publizität (DGAP) in diesem Zeitraum 20 Pflichtmitteilungen gab.

Thomas Mosig, Investor-Relations-Mann bei EM.TV, konnte auf Anfrage nicht erklären, warum auf der Webseite die Ad-hocs fehlen und diese Information kurzfristig auch nicht nachreichen. "Vielleicht", so Mosig, "liegt es am Speicherplatz."

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