Donnerstag, 20. Juni 2019

Kommentar Contra Windows XP

Gestern hat die Gates-Company ihr neues Betriebssystem mit großem Werbetamtam auf den Markt gebracht. Die Botschaft ist eindeutig: Alle sollen Microsoft mögen. Ausnahmslos.

Noch bis vor kurzem wirkte Microsoft Börsen-Chart zeigen wie ein alternder Dinosaurier. Anschluss ans Internet verpasst, Tischcomputer überflüssig, der Zugriff auf Multimediainhalte verwehrt und das Damoklesschwert eines mindestens rufschädigenden Gerichtsverfahrens im Nacken - viele hatten den ergrauten Riesen schon aufs Altenteil abgeschoben.

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Jetzt aber steht er in den Regalen, der große Wurf der Gates-Company - entwickelt, um die neue Ära des Softwarezeitalters einzuläuten. Und siehe da: Mit dem neuen Betriebssystem strahlt der sinkende Stern derer aus Redmond heller denn je.

Mit einem 250 Millionen Dollar teuren Werbefeldzug wird Windows XP auch im allerletzten Winkel der Welt den Nutzern offeriert. Großzügig unterstützt von der Pop-Ikone Madonna, die mit dem Allerweltsslogan "Yes you can" das Betriebssystem als eierlegende Wollmilchsau all denen anpreist, die ihren Rechner bisher als latent lästige Baustelle mehr geduldet denn geliebt haben. Das soll sich jetzt schlagartig ändern.

Bill Gates bei der Windows XP-Präsentation: Manchmal hilft der Glaube, meistens die Macht
DPA
Bill Gates bei der Windows XP-Präsentation: Manchmal hilft der Glaube, meistens die Macht
Denn Gates und Co. habe ihre Wurzeln gekappt - die DOS-Ebene ist im neuen System getilgt. Die Folge: Windows XP soll stabiler laufen als seine Vorgänger, und das ist gut so. Alles andere wäre auch ein Armutszeugnis. Wer erinnert sich nicht an den Running Gag resignierter User: "Das Office-Paket ist wie ein Banane - es reift beim Nutzer"? Darüber hinaus gibt es noch einige hübsche Features, den Media-Player, den vorinstallierten Browser Windows Explorer und eine spezielle Software, die den Einkauf im Netz erleichtert.

Vor des Nutzers Glück hat die Gates-Company indes noch eine winzige Hürde gestellt: Anders als bei den bisherigen Versionen kann das neue Betriebssystem zwar auf die Festplatte geladen werden, aber nach 30 Tagen ist Schluss. Um Windows XP dauerhaft zum Laufen zu bringen, ist es notwendig, die Lizenzfreigabe in Redmond per E-Mail einzufordern - unter Zuhilfenahme einiger persönlicher Daten, versteht sich. Microsoft will dadurch die Software-Piraterie eindämmen - moralisch einwandfrei und äußerst profitabel. Die Befürchtung, über die Anmeldung würden Kundendaten aufgezeichnet und verwertet, hat der Konzern bisher nicht stichhaltig widerlegt.

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Windows XP von Microsoft

Mit dem neuen Betriebssystem soll ein neues Zeitalter eingeläutet werden. Experten werfen der Gates-Company seit langer Zeit vor, sie missbrauche ihre Monopol-Stellung und betreibe unlauteren Wettbewerb gegen Konkurrenten. Kritiker befürchten nun, dass Windows XP Microsofts Macht noch mehr stärkt. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Das augenscheinlich harmlose Prinzip der Anmeldung gehört zur neuen ".net"-Strategie. Ohne Registrierung gibt es keine kostenpflichtigen Updates, das Netzwerk setzt Staub an und veraltet. Besonders prekär wird die Situation für Unternehmen, die während des Web-Hypes ihr Windows-Lizensierung versäumt haben. In Briefen, Radiospots und auf eigenen Informationsveranstaltungen droht Microsoft offen, die von ihr initiierte Industrievereinigung Business Software Alliance (BSA) könne jedes Unternehmen jederzeit auf raubkopierte Software überprüfen und im Zweifelsfall verklagen.

Die agressiven Muskelspiele zeigen das wiedererstarkte Selbstbewusstsein, das der Konzern seit neuestem ausstrahlt. Spätestens seit dem Regierungswechsel in Amerika und der de facto gescheiterten Kartellklage können sich Gates und Co. ihrer wirkungsvollsten Waffe sicher sein: der Marktmacht. Über neunzig Prozent aller PC-User nutzen irgendeine Windows-Version, und auch das Office-Paket ist in nahezu allen Büros der Welt installiert. Die Computsysteme sind von Microsoft abhängig, und das weiß der Konzern.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die scheinbare Dickfelligkeit gegen Angriffe der Konkurrenz. Noch im Juni hatte der Chef des Microsoft-Widersachers Sun, Ed Zander, gefordert: "Das Internet muss offen bleiben." Das kalifornische Computerunternehmen wollte mit der Programmiersprache Java eine Vormachtstellung von Microsoft im weltweiten Datennetz verhindern. Jetzt kontern die Redmonder Software-Entwickler mit einem simplen Trick: Windows XP unterstützt Java-Applets nicht mehr.

Sollen es auch gar nicht. Denn nach dem Willen der Mächtigen aus Redmond reicht die bunte Windows-Welt zum Glücklichsein. Deswegen ist es mit dem neuen Betriebssystem auch so kinderleicht, sich beim hauseigenen Web-Provider MSN anzumelden. Der MSN-Auftritt erinnert optisch und in der Benutzerführung stark an AOL und T-Online, den schärfsten Online-Konkurrenten von Microsoft.

Das ist kein Zufall. Denn Bill Gates bläst zum Generalangriff auf das Internet. Das Ziel der ".Net"-Strategie: Jeder soll mit jedem Gerät an jedem Ort der Welt über das Internet Zugriff auf seine Daten bekommen. Da macht es Sinn, die Nutzer frühzeitig an die Internetprogrammpalette zu gewöhnen.

Mit dem neuen Glanz wächst auch der Widerstand gegen Microsoft. So klagt unter anderem der höchste europäische Wettbewerbshüter Mario Monti gegen die Verknüpfung der Web-Programme im neuen Betriebssystem. Der Hauptvorwurf: Microsoft versuche, Wettbewerber mit unlauteren Mitteln aus dem Markt zu drängen. Derlei klingt nicht neu, bleibt aber der Erfahrung nach folgenlos. Denn während in den Gerichten jahrelang über Details diskutiert wird, werden in Redmond neue Strategien entwickelt, deren Komplexität immer schwerer zu durchschauen ist.

"Wir wollen dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen", lautet eine der Betriebsmaximen in der Konzernzentrale in Redmond. Mit Windows XP wollen die Microsoft-Gründer Gates und Ballmer diesem Ziel ein Stück näher kommen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

mm.de
Karsten Schmidt

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