CNN Phönix aus der Asche

Auferstanden durch Ruinen: Die US-Anschläge bescheren dem Nachrichtensender ein Comeback.

Washington - Die Stimmung bei CNN war düster: Sinkende Einschaltquoten, bittere Niederlagen im Kampf mit dem konservativen Erzkonkurrenten Fox News, eine Entlassungswelle und ständige Programmreformen ließen viele alte Kämpfer des angesehenen Nachrichtensenders verzweifeln. Dann kamen die Terroranschläge vom 11. September und die Militärschläge gegen Afghanistan. Mit einem Mal schalten die Zuschauer wieder in Scharen zu CNN.

Während im August gerade einmal 300 000 US-Zuschauer die stundenlange Berichterstattung über die verschwundene Praktikantin Chandra Levy oder einen harmlosen Haiangriff auf einen Surfer in Florida sehen wollten, verfolgten im September im Schnitt über 1,8 Millionen Zuschauer gebannt die schrecklichen Ereigisse. Am 11. September, dem Tag der Anschläge, schalteten sogar über vier Millionen Zuschauer CNN ein.

Der Kabelsender Fox News, der zum Imperium des australischen Medienzaren Rupert Murdoch gehört, und CNN seit Jahren mit leichter Nachrichtenkost das Leben schwer machte, vertrauten unmittelbar nach den Anschlägen gerade einmal die Hälfte der Zuschauer. Auch MSNBC, ein Gemeinschaftsprojekt des frei empfänglichen Senders NBC und Microsoft, landete weit abgeschlagen.

Inzwischen hat sich die Lage wieder normalisiert, doch CNN hält weiter einen leichten Vorsprung, nicht zuletzt durch seine starke Präsenz in Afghanistan und Pakistan. Ähnlich wie zu Zeiten des Golfkriegs, als Peter Arnett allein in Bagdad ausharrte, hatte CNN diesmal zumindest bis kurz vor Beginn der Attacken mit Nic Robertson den einzigen westlichen TV-Reporter in Afghanistan.

"Sex und Crime"

Für die alt gedienten Redakteure bei dem von Ted Turner gegründeten Nachrichtensender ist der Zuschaueranstieg eine späte Rechtfertigung. Sie hatten sich heftig gegen eine vom Eigner AOL Time Warner angestrebte Programmreform gewehrt, die sie als "Verflachung" betrachteten.

Doch die Manager verwiesen auf die Aufholjagd des vor fünf Jahren gegründeten Murdoch-Senders Fox News, der mit "Sex und Crime"-Storys und seiner Phalanx konservativer Moderatoren rasant aufholte.

Weiter demütigend war, dass mit dem Amtsantritt von George W. Bush die Fernseher im Weißen Haus immer häufiger von CNN auf Fox News umgeschaltet werden. Also verordneten die Manager CNN ein neues Gewand: Sie feuerten alt gediente Moderatoren, heuerten "frische Gesichter" wie die "Fox News"-Moderatorin Paula Zahn an und versuchten, mehr auf das konservative Publikum einzugehen. Außerdem dachten sie nach Informationen der "New York Times" über einen Abbau des internationalen Dienstes nach.

Davon ist nun keine Rede mehr. Statt bunter Geschichten aus der Heimat sind nun wieder harte News aus aller Welt gefragt. Der neue CNN-Chef Walter Isaacson gestand ein, dass der Sender "die Orientierung verloren" hatte und nun wieder auf dem richtigen Weg sei. Kosten spielen auch keine Rolle mehr. Nach Informationen des Branchendienstes "Broadcasting & Cable" hat CNN 70 Mitarbeiter in Nordafghanistan, Pakistan und anderen Anrainerstaaten stationiert - fast doppelt so viele wie Fox News.

Exklusivvertrag mit Al-Dschasira

Eine weitere Stärke ist sein Exklusivvertrag mit dem arabischen TV-Sender Al-Dschasira, der als einziger noch einen akkreditierten Korrespondenten in Kabul hat und mit der Videobotschaft des mutmaßlichen Topterroristen Osama bin Laden einen Coup landete. Allerdings musste CNN schnell erkennen, dass in Zeiten des Krieges Verträge oft nicht viel nutzen.

Unmittelbar nach den Angriffen zapften alle großen US-Sender das Material einfach ab, das CNN laut Vertrag für sechs Stunden exklusiv zustand. Sie pochten auf die außergewöhnlichen Umstände und ließen sich dabei auch von den Drohungen von CNN nicht abschrecken.

Inzwischen ist CNN ruhiger geworden und verzichtet auf Drohgebärden - nicht zuletzt, um seine vor dem 11. September angelaufenen Gespräche mit CBS und ABC über eine mögliche Allianz nicht zu gefährden. Schließlich erwartet "AOL Time Warner" auch eines Tages wieder ruhigere Nachrichtenzeiten und dann stellt sich die Frage, wie in Zeiten harter Konkurrenz Geld gespart werden kann.