Kommentar Viel Lärm um nichts

Unablässig schließen IT-Unternehmen "strategische Allianzen" oder schmieden "weit reichende Bündnisse" - angeblich zum Wohle des Kunden. Häufig existieren diese Kooperationen nur auf dem Papier.

Damals auf dem Abenteuerspielplatz haben wir gern Allianzen geschlossen: Freundschaft für immer, zwei geben sich die Hand, einer haut durch. Dass wir nicht zu richtigen Blutsbrüdern wurden, so wie Winnetou und Old Shatterhand, das lag nur am doofen Marcel. Der konnte kein Blut sehen und ist dann später auch auf die Waldorfschule gegangen.

Die Welt der Informationstechnologie (IT) gleicht unserem Abenteuerspielplatz von damals. Auch in der IT-Welt schließen Unternehmensführer Allianzen, besiegeln sie mit Handschlag und reden von ewiger Freundschaft.

Ebenso wie damals auf dem Abenteuerspielplatz ist die Haltbarkeit solcher Beziehungen von zweifelhafter Qualität. Im IT-Bereich hat sich nämlich eine Unsitte breit gemacht: Mit großem Geklingel verkünden die Unternehmen als "Allianz" oder strategisches "Bündnis", was in anderen Branchen eine schlichte Geschäftsbeziehung wäre. Echte IT-Allianzen, zum Beispiel gemeinsame Investitionen in Mitarbeiterschulungen oder in neu programmierte Software, lassen sich kaum noch von reinen Marketingmaschen unterscheiden.

"Kooperationen gibt es auch in anderen Branchen. Dort indes funktionieren sie lautlos, ohne Glockengeläut und mehrtägiges Dankfasten"

Beim Kunden entsteht Verwirrung. Ist die kleine Softwarefirma, die sich der Allianz mit einer Branchengröße rühmt, deshalb als besonders zukunftssicher einzuschätzen? Oder besteht der Pakt nur auf dem Papier?

Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte des Bündnisses zwischen i2, Ariba und IBM: i2 stellt Software fürs Supply-Chain-Management her, Ariba fürs elektronische Beschaffungswesen. IBM liefert die passende Hardware, und die IBM-Dienstleistungstochter Global Services baut das ganze E-Business-Paket beim Kunden ein.

Alles fügte sich trefflich. Im März 2000 gaben sich Ariba und i2 die Hand, IBM schlug durch. Das Ganze schien mehr als die Summe seiner Teile und alle für einen und einer für alle, und gemeinsam sind wir stark.

Doch dann erweiterte Ariba sein Produktspektrum, bot ebenfalls Software aus dem Bereich Supply-Chain-Management an. Die Freundschaft mit i2 durchblies fortan ein eisiger Wind. Der Dreibund zwischen IBM, i2 und Ariba besteht offiziell noch immer. Bis heute hat er im operativen Geschäft kaum nennenswerte Ergebnisse gezeitigt.

IBM hat sich längst in eine neue Allianz gestürzt, diesmal mit SAP. Wie auf dem Abenteuerspielplatz eben: Wenn Marcel und Peer-Olaf erst einmal angefangen hatten, sich zu streiten, suchte man am besten jemand anderen zum Spielen. Die beiden hörten nämlich so schnell nicht wieder auf.

Auch in anderen Branchen existieren Kooperationen. Dort indes funktionieren sie lautlos, ganz ohne Glockengeläut und mehrtägiges Dankfasten. Mercedes verwendet Zündkerzen von Bosch und im Mitropa-Speisewagen gibt's Radeberger Bier zu trinken.

"Immer rascher werden gemeinsame Investitionen vom technischen Fortschritt überholt. Kooperation und Konkurrenz wechseln sich immer schneller ab"

Keines dieser Unternehmen kommt auf die Idee, von einem "zündenden Bündnis zum Wohle des Kunden" zu faseln oder Erklärungen zu veröffentlichen wie: "Mitropa und Radeberger erschließen gemeinsam den Zukunftsmarkt des Mobile Thirst Response (MTR)." Gott sei Dank, das Zug Fahren wäre sonst anstrengend.

Die IT-Unternehmen verhalten sich leider weniger rücksichtsvoll als die durchschnittliche Speisewagenbesatzung. In Anzeigenkampagnen und auf Fachkongressen posaunen sie ihre angeblichen Allianzen hinaus. Beim ersten Mal ist der Kunde noch beeindruckt und glaubt an den großen strategischen Schritt. Beim zweiten Mal ist er verwirrt: Handelt es sich nun um eine echte Allianz oder wieder nur um heiße Luft? Beim dritten Mal hört er gar nicht mehr hin.

Mit der Folge, dass die wenigen Bündnisse, die wirklich auf Dauer angelegt wurden und dem Kunden tatsächlich neue Perspektiven erschließen, nicht die gebührende Beachtung finden.

Solche haltbaren IT-Allianzen zu schließen gestaltet sich zunehmend schwierig. Immer rascher ändert sich die strategische Ausrichtung der Unternehmen. Immer rascher werden gemeinsame Investitionen vom technischen Fortschritt überholt. Kooperation und Konkurrenz wechseln sich in immer schnellerer Folge ab.

Ein Vorschlag daher: in Zukunft weniger Indianergeheul. Echte Blutsbrüder sind selten geworden.

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