Microsoft Ende der grenzenlosen Freiheit

Wem gehört das Internet? Bald uns, frohlockt die Gates-Company. Und installiert im Handstreich ein Kontrollsystem, das vor allem einen Zweck verfolgt: Die Macht des Konzerns im Netz zu vergrößern.

Frankfurt - Zu den ersten sichtbaren Ergebnissen der "Dot-Net"-Strategie von Microsoft  gehört eine Art Reisepass für den Internet-Surfer: Das Passport-System soll unter anderem das Ärgernis abschaffen, dass man sich bei bestimmten Internet-Angeboten immer erst anmelden muss - und das gewählte Kennwort dann oft genug wieder vergessen hat.

So jedenfalls die offizielle Lesart. Kritiker wenden jedoch ein, dass man dem Software-Giganten so noch mehr Einfluss verschafft und den Schutz der eigenen Privatsphäre bei der Internet-Nutzung aufs Spiel setzt.

Schon beim ersten Start von Windows XP - das neue Betriebssystem von Microsoft kommt am 25. Oktober in den Handel - erscheint der Hinweis: "Sie brauchen ein Passport-Konto, um die Internet-Kommunikationsfunktion von Windows XP nutzen ... zu können." Dem Computerneuling wird damit der - falsche - Eindruck vermittelt, dass ohne Passport kein Internet möglich ist.

Konkurrenzausschlussfunktion

Nach der Zustimmung zu dieser Anmeldung wird unter anderem erklärt, dass man sich mit Passport "direkt an allen .Net-Passport-aktivierten Sites und Diensten anmelden" kann. Das sind derzeit 22 Internet-Angebote, darunter 15 zu Microsoft gehörende Dienste, sowie 59 Online-Shops.

Die beiden anderen vom "Passport-Assistenten" genannten Vorteile - der Online-Austausch mit anderen Internet-Nutzern und die Erstellung eigener Web-Seiten - sind auch ohne Passport auf vielfältige Weise möglich. Praktisch ist allerdings die Möglichkeit, nach der Passport-Anmeldung in Windows XP aus einem Fenster des Datei-Explorers heraus Dateien in einen Online-Ordner schieben zu können, der im Microsoft Network (MSN) liegt.

Auch ist die Passport-Anmeldung immerhin schnell erledigt. Derzeit ist dafür nur eine E-Mail-Adresse und ein Passwort erforderlich, außerdem werden Bundesland und Postleitzahl des Wohnorts festgehalten. An die Mail-Adresse wird dann eine automatisch erstellte Nachricht mit der Aufforderung geschickt, die Anmeldung zu bestätigen. Abgeschlossen wird der Vorgang mit der Frage, ob das Passport-Konto im Benutzerkonto von Windows XP gespeichert werden soll.

Konkurrenten gründen "Liberty Alliance"

Mit dem Passport-Konto ist dem Anwender im Wesentlichen eine eindeutig bestimmbare Nummer zur Identifizierung zugewiesen worden.

Diese 64-Bit-Nummer wird dann verschlüsselt an jede Website geschickt, die diesen Dienst nutzt und bei der man sich registriert hat. Dieser Internet-Anbieter ermittelt mit Hilfe der ID-Nummer, welcher Nutzer auf die Site zugreift und welche personalisierten Angebote dafür ausgewählt wurden.

Dass es Microsoft und den angeschlossenen Passport-Diensten um mehr geht als um eine Vereinfachung der Nutzung anmeldepflichtiger Angebote, zeigt das "Passport-Profil", wo weitere Daten eingetragen werden können: Name, Geschlecht, Geburtsdatum und Beruf.

Wenn einzelne Websites mit Passport-System weitere Daten erheben wollen wie Konfektionsgröße oder Lieblingsmusik, sollen diese Daten nicht an den Passport-Server übermittelt werden, wie es in den Datenschutzrichtlinien von Microsoft heißt. Beim "Passport-Wallet" fürs Online-Shopping aber werden auch Kreditkartendaten und Rechnungsadresse abgefragt und bei Microsoft zentral gespeichert.

Mit der Speicherung auf einem Microsoft-Server überlasse der Verbraucher dem Konzern seine persönlichen Daten für eine nicht in allen Dimensionen überschaubare Weiterverwendung, erklärte das Informationszentrum für Elektronische Privatsphäre (Epic) Ende Juli in einer Beschwerde an die Handelskommission der USA. Gefordert wird unter anderem, dass Microsoft die Nutzer von Windows XP eindeutig informiert, dass sie sich keineswegs ein Passport-Konto zulegen müssen, um das Internet nutzen zu können.

Inzwischen regt sich auch bei der Konkurrenz Widerstand gegen das Microsoft-Projekt. Angeführt von Sun Microsystems will eine Gruppe von mehr als 30 Unternehmen, die "Liberty Alliance", ein alternatives Angebot für die Identifizierung von Nutzern im Internet und das "Single Sign-on", die einmalige Anmeldung für verschiedene Websites, entwickeln.

Microsoft hat aber die Nase vorn: Schon jetzt soll es mehr als 165 Millionen Passport-Konten geben, und mit der Einführung von Windows XP wird diese Zahl wohl kräftig steigen.

Karsten Schmidt

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