Microsoft Nie wieder Windows?

Die neue Lizenzpolitik der Gates-Company stößt auf weltweite Ablehnung. Neben harscher Kritik hagelt es Ausstiegsdrohungen internationaler Konzerne. Hinzu kommt eine Schlappe im Kartellverfahren. Jetzt hat der Softwarekonzern seine Pläne vorerst auf Eis gelegt.

Hamburg - Mit der Einführung des neuen Betriebssystems Windows XP wird sich für Microsoft-User einiges ändern. Allein das Installationsprozedere hat es in sich: Zur Freischaltung des nagelneuen Softwarepakets müssen sich Nutzer per E-Mail mit Lizenz-ID-Nummer bei der Zentrale in Redmond einloggen, erst dann erfolgt das hochherrschaftliche Plazet der Gebieter über Bits und Bytes.

Quasi durch die Hintertür hat sich der Softwareriese ein weiteres Schmankerl ausgedacht: Alle Unternehmen, die Microsoft-Produkte verwenden (und somit wahrscheinlich fast alle Firmen auf der Welt), müssen ihre Programmlizenzen offen legen.

Am 1. Oktober hat Microsoft sein neues System eingeführt, das die Software-Kosten für Firmen beträchtlich erhöht. So sollen die Kunden keine Mengenrabatte mehr für Upgrades erhalten. Zudem werden sie gezwungen, durch das Modell "Software Assurance" automatisch die aktuellsten Programmversionen zu bestellen. Ein Aufrüsten von älteren Versionen auf die neuesten, also ein Überspringen von Programmversionen, ist nicht mehr möglich.

Die Gründe für die neue Unternehmensstrategie liegen auf der Hand: Alle lizenzierten Programme werden zentral gespeichert, die Zahl der Shareware geht rapide zurück, und auch bei nachlassendem Neugeschäft lässt sich mit dem Update-Verkauf eine Menge Geld verdienen.

Gewinner und Verlierer

Die Folgen der seit Anfang Oktober geltenden Regelung belasten vor allem große Unternehmen und Verwaltungen. So meldeten die Thüringer Landratsämter und andere Behörden am Wochenende, sie würden mit Zusatzausgaben in Millionenhöhe für die Anschaffung neuer Lizenzen rechnen. Die Verwaltungen sind angehalten, sich dem Willen aus Redmond zu beugen, sagte der Geschäftsführer des Thüringer Landkreistages, Klaus Vetzberger. Sonst liefen sie Gefahr, dass die Systeme veralteten oder dass sie in kurzen Abständen komplett neue Betriebssysteme anschaffen müssten.

Aber es gibt auch Gewinner im Softwarekartell. Das Bundesministerium des Innern bestätigte, es habe mit Microsoft Deutschland einen neuen Rahmenvertrag geschlossen, der die öffentliche Verwaltung in Deutschland zur vergünstigten Beschaffung von Microsoft-Software berechtigt. Das Leipziger Softwarehaus PC-Ware Information Technologies AG profitiert nach eigenen Angaben von dem neuen Software-Rahmenvertrag. Als "IT-Partner für die öffentliche Verwaltung" erwartet das Unternehmen aus dem Abkommen ein jährliches Auftragsvolumen von etwa 150 Millionen Mark.

Knurren und Murren

Unterdessen werden dennoch kritische Stimmen laut, die dem Microsoft-Machtwort nicht mehr Folge leisten wollen. Die überwiegende Mehrheit der IT-Verantwortlichen zeigt sich von den Änderungen wenig begeistert, einige erwägen sogar, Microsoft den Rücken zu kehren.

Gestützt wird dieser Meinungsumschwung durch eine gemeinsame Umfrage der Marktforschungs- und Beratungsgesellschaft Giga Information Group und des Windows-NT/2000-System-Integrators Sunbelt Software.

80 Prozent der 4550 dort befragten IT-Manager rechnen auf Grund der neuen Bestimmungen künftig mit deutlich höheren Softwarekosten. Derzeit erwägen mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Teilnehmer, ob sie angesichts der Veränderungen künftig nicht auf Angebote der Konkurrenten umsteigen sollen.

"Alles in allem wird deutlich, dass sich Microsoft mit den neuen Lizenzbedingungen wenig Freunde gemacht hat", kommentiert Sunbelt-Software-Präsident Stu Sjouwerman die Ergebnisse der Umfrage.

"Der Druck der Kunden wirkt"

Microsoft-Sprecher Dan Leach führte die offenkundige Unzufriedenheit der Anwender noch am Freitag im Wesentlichen auf deren Unkenntnis über die Vorzüge des Lizenzmodells zurück, denn diese würden klar auf der Hand liegen. Sein Unternehmen werde sich deshalb künftig stärker darum bemühen, die Kunden über die Vorteile des neuen Programms aufzuklären, sagte er. Welche Vorteile Leach meinte, sagte er allerdings nicht.

Jetzt hat Microsoft dem Druck nachgegeben und die Zeichnungsfrist für sein neues Lizenzmodell verlängert. Nun haben Unternehmen bis zum 31. Juli 2002 Zeit, um sich für das umstrittene Software-Abo zu entscheiden.

Der Konzern begründete seine Kompromissbereitschaft damit, den Kunden in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld mehr Bedenkzeit zu geben. "Die Botschaft hier ist: Der Druck der Kunden wirkt", sagte Neil MacDonald von der E- Business-Beraterfirma Gartner.

Karsten Schmidt