Bezahl-Internet Umsonst war gestern

Die Krise auf dem Werbemarkt zwingt die Internetportale, nach Finanzierungsalternativen zu suchen. Gibt es Informationen im Web bald nur noch gegen Bares?
Von Karsten Schmidt

Hamburg - Das Internet ist eine Schimäre. Gestern noch hing der Himmel voller Geigen, Studien versprachen sprudelnde Werbeerlöse und phantastische Wachstumsaussichten, die Welt schien auf das Web als vierte Medienkraft gewartet zu haben. Keine Geschäftsidee, die nicht einen bereitwilligen Geldgeber fand, kein Informationsportal, das nicht innerhalb kürzester Zeit an die Börse gebracht wurde - egal ob Sport, Haustiere oder Reisen. Und heute?

Die Aufbruchstimmung ist kühler Ernüchterung gewichen - oder der nackten Angst ums Überleben. Nach dem Einbruch des Werbemarktes und der Konsolidierung in der New Economy nagen viele Portale am Kapital, das ihnen der Börsengang eingebracht hat, oder sie werden von soliden Mutterfirmen alimentiert, die auf bessere Zeiten hoffen. Inzwischen aber sind die Probleme so existenziell, dass die drängende Finanznot zu einer zentralen Frage führt: Wie aus den roten Zahlen kommen, eine schwarze Null schreiben oder sogar Gewinne erwirtschaften?

Die Antwort liegt auf der Hand: Umsonst war gestern. Bis vor kurzem wagte man diese These kaum auszusprechen, denn sie greift ein Sakrileg an, dass zur scheinbar gottgegebenen Natur des Internet gehört. Die User haben sich daran gewöhnt, dass Inhalte gratis sind. Zu dieser Haltung wurden sie jahrelang erzogen, der Ursprung des Internet war non-profit-orientiert. Warum sollte sich daran etwas ändern?

Die Internetsteinzeit ist vorbei

Das leise Säuseln im virtuellen Blätterwald ist unterdessen zu einem unüberhörbaren Brausen angeschwollen. Eine der treibenden Kräfte im Kampf ums Überleben der Infoportale ist niemand geringeres als T-Online-Chef Thomas Holtrop.

Der zog kürzlich eine ernüchternde Bilanz: "Jedem in der Internetbranche ist klar, dass die derzeitige Kostenlos-Kultur im Internet ihre Grenzen hinsichtlich Qualität, Kreativität und Objektivität hat." Will heißen: Qualität hat ihren Preis. Den Worten ließ Holtrop Taten folgen. Ab Januar 2002 sollen Teile des T-Online-Angebots kostenpflichtig werden. Zwar beschränkt sich der Provider auf Filmausschnitte, die Pfennigbeträge einbringen, aber der erste Schritt ist getan.

Mit seinem Ansinnen bewegt sich Holtrop nicht allein in den Weiten des Cyberspace. Auch Martin Fischer, Geschäftsführer der Hamburger Verlagsgruppe Milchstrasse, kündigte im Oktober auf den Münchner Medientagen an: "Die Gebühr muss kommen." Er forderte die gesamte Branche auf, die derzeitige Krise als "neue Chance" zu begreifen. "Jetzt können die Strukturen für bezahlte Internet-Angebote geschaffen werden", so Fischer weiter.

Wie diese Strukturen genau aussehen sollen, sagte Fischer nicht. Gegenüber mm.de wollte er die zukünftige Internetstrategie des Verlags nicht näher erläutern.

Dilemma Bezahlcontent

Am Beispiel der Verlagsgruppe Milchstrasse zeigt sich das Dilemma des Modells Bezahlcontent. Was genau soll eigentlich verkauft werden?

Im Online-Repertoire des Hamburger Verlages befinden sich unter anderem die Online-Auftritte von "Max" oder "Fit for Fun". Beide Formate gibt es auch als Printversion, die Web-Portale stellen vor allem eine Serviceleistung des Verlages dar. Wo aber liegt der konkrete Nutzwert, den ein User erhält, wenn er für eines der Portale bezahlen soll? Im Bereich Lifestyle, bei aufwendigen Reportagen?

Ähnlich verhält es sich beim Online-Auftritt der "Zeit". Nur der morgendliche Newsletter kostet im Abo fünf Mark monatlich, ebenso wie für die Rezensionen der Literaturbeilage in den zwei Wochen nach Erscheinen der Printversion Geld verlangt wird. Aber allein damit ist auf lange Sicht kein Staat zu machen. Eine der Konsequenzen: der Newsletter wird zum Jahresende eingestellt. "Wir haben die optimale Lösung noch nicht gefunden. Kostenpflichtige Inhalte werden von den Internet-Nutzern noch nicht akzeptiert." resümiert die "Zeit.de"-Redakteurin Melanie Ruprecht.

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.