Die Qoqaz-Liste Das BKA ermittelt

Die von Hackern veröffentlichte Namensliste eines radikal-islamischen Newsletters führt zu mutmaßlichen Terroristen, unverdächtigen Studenten und auch einem Vorstandsmitglied der Republikaner. Wurden auch verschlüsselte Nachrichten für die Terror-Szene versandt? Von Frank Patalong

Ein paar Worte, blau unterstrichen auf der Web-Seite. Ein Mausklick, und das E-Mail-Fenster öffnet sich, ein weiterer, und die Nachricht ist unterwegs. So einfach ist das, im Web etwas zu abonnieren.

Wie zum Beispiel einen Newsletter.

Zahlreiche Menschen abonnierten den Newsletter der Qoqaz-Seite, nachdem der umstrittene Newsdienst im vergangenen Jahr durch mehrere Artikel in deutschen Zeitungen erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Wer die deutsche Website www.qoqaz.de aufrief, konnte dort bis vor kurzem erfahren, wo er für den "Heiligen Krieg" trainieren und den Umgang mit Waffen erlernen kann.

Nun könnte es sein, dass viele der Abonnenten einen Anruf aus dem Bundeskriminalamt (BKA) bekommen. 532 Leser hatten ihren Namen auf die Mailing-Liste gesetzt, viele davon gänzlich arglos. "Aus Neugier", berichtet eine Anruferin, die anonym bleiben möchte, sei sie damals da hingesurft, weil die Medien die Adresse doch empfohlen hätten. Das hatte sie auch noch vom Arbeitsplatz aus getan und deshalb ihre Firmen-E-Mail-Adresse eingetragen, weshalb nun der Name ihres damaligen Arbeitgebers auf der Liste erscheint. Nun ist sie völlig aus dem Häuschen: "Kommt jetzt das BKA?"

Die Liste steht für die Abonnenten des radikalislamischen Qoqaz-Newsletters.

Denn am Dienstagmorgen stand ihr Name in einer Reihe mit den anderen Abonnenten im Internet. Ein Hacker hatte die komplette Liste aus der Qoqaz-Seite kopiert und auf einer Schweizer Web-Site veröffentlicht.

In schlechter Gesellschaft

Gewieftere User legen sich für solche Listen ein Pseudonym und eine Freemail-Adresse zu. Morgendliche Zeitungsleser unterbrechen dagegen ihre Kaffeepause im Büro, surfen kurz mal zu Qoqaz und abonnieren den Newsletter über ihre Firmenadresse. Rund 15 Adressen in der Qoqaz-Liste sind genau so dort gelandet. "Die Kollegen", versichert die Münchnerin, "reden trotzdem noch mit mir."

Ein halbes Dutzend Newsletter-Abonnenten haben sich mittlerweile bei SPIEGEL ONLINE gemeldet und ihre Harmlosigkeit versichert: "Hiermit stelle ich in aller Deutlichkeit klar, dass ich weder Terrorist noch Sympathisant mit irgendwelchen Gotteskriegern bin", schreibt etwa Andreas Gnibba: "Ich bin vierzig Jahre alt, Deutscher, Softwareingenieur und gläubiger Katholik. Ich bin an globalen Geschehnissen interessiert und beziehe Nachrichten aus unterschiedlichen Quellen wie CNN, Reuter, ntv, etc. und bis vor kurzem auch aus www.qoqaz.de, um die Nachrichten miteinander zu vergleichen."

Doch möglicherweise befinden sich diese Neugier-Surfer dort in schlechter Gesellschaft.

Dass zu den Abonnenten auch Said Bahaji, angeblich Mastermind der Terroristengruppe an der TU Harburg und derzeit flüchtig, gehört, war schnell herausgefunden. Bahaji verewigte sich noch vor Ende 2000 im Newsletter, wenig konspirativ unter seinem richtigen Namen. Das ist ungewöhnlich.

Doch die News zum "heiligen Krieg" in Tschetschenien waren auch für andere interessant, und die verbargen ihre Identitäten teils erheblich sorgfältiger. Zahlreiche Nutzer, die sich den E-Mail-Namen "Mujahedin" gaben, finden sich auf der Liste, zahlreiche offensichtliche Pseudonyme mit durchaus kriegerischen Anklängen. Ob die Liste für die Fahnder besonders ergiebig sein wird, ist trotzdem fraglich: Die Endungen der E-Mail-Adressen lesen sich wie ein Who's who der Freemail-Anbieter in aller Welt: Hotmail, Yahoo, GMX.

Die Bundesanwaltschaft hofft trotzdem auf neue Hinweise auf weitere Mitglieder einer möglichen terroristischen Vereinigung. "Wir haben die Liste aus dem Internet als weitere Spur in unsere Ermittlungen aufgenommen", sagte die Behördensprecherin Frauke-Katrin Scheuten SPIEGEL ONLINE. Ganz einfach dürfte das nicht werden: Zwar kooperieren die in Deutschland ansässigen Freemail-Services mit den Polizeibehörden, doch haben sie in der Regel keinerlei Kontrolle darüber, ob die registrierten User tatsächlich ihre richtigen Adressdaten angegeben haben oder nicht.

Und das dürfte nicht das einzige Problem sein, denn daneben fallen Adressen auf, die man hier zu Lande eher selten sieht - und in einer primär deutschsprachigen Newsgroup auch kaum vermutet.

Darunter finden sich Freemail-Adressen wie Caramail (Frankreich), Cootepal (Argentinien), Iafrica (Südafrika), Catcha (Südostasien) Mt.net (Mazedonien), Maktoob (Jordanien), Ayna (ein von Boston aus betriebenes Nahost-Portal), Ikurd (Kurdisches Portal, Großbritannien), Volzny (Tschechisch, betrieben von Österreich aus) und Naseej (Nahost).

Die sich von dort einloggenden Abonnenten tragen zum größten Teil arabisch anmutende Namen. Das ist okay und weder verwerflich noch (general-) verdächtig - aber es ist befremdlich. Denn Qoqaz-Dienste und ähnliche Angebote gibt es in mehreren Sprachen - darunter auch in Arabisch. Für in Argentinien, Jordanien oder Südostasien lebende Araber gäbe es kaum Grund, solche Nachrichten in deutscher Sprache abzurufen.

Außer sie bekämen in den Newslettern Informationen, die sie anderenorts nicht bekommen könnten. Denkbar wäre es, dass der Newsletter selbst verschlüsselte Informationen enthielt. Das allerdings ist bisher nur eine Spekulation.

Das BKA will sich dazu nicht äußern: Laufende Ermittlungen kommentiert man nicht. Denn dass sich das BKA derzeit sowohl mit Qoqaz als auch mit der Abonnentenliste beschäftigt, daraus machen die Fahnder kein Geheimnis. "Neugier-Abonnenten" brauchten sich aber, versichert man beim BKA, keine Sorgen machen: "Wir unterscheiden schon. Wir suchen ja ganz gezielt nach Menschen, die im Zusammenhang mit den Anschlägen stehen."

Tatsächlich wird man, wenn man anfängt, die Liste zu durchleuchten, relativ schnell fündig: Demonstrativ prangt da die Kalaschnikow auf der Homepage eines wahrscheinlich minderjährigen Sympathisanten. Da darf sich der Neugier-Abonnent, der sich über eine Firmenadresse angemeldet hat, wahrscheinlich richtiggehend glücklich schätzen: So auffällig unauffällig kommt nur daher, wer nichts zu verbergen hat.

An so mancher Wohnheimtür könnte es dagegen in den nächsten Stunden klingeln: Wer über das Kundenverzeichnis eines Freemail-Anbieters oder über eine Universitätsadresse identifizierbar ist, dürfte wohl auch überprüft werden. Die E-Mail Adressen führen unter anderem zu muslimischen Kulturvereinen, Informatikstudenten und dem Asta einer deutschen Universität.

Die Ermittlungen werden im Rahmen der "Bao" geführt - was für "Besondere Aufbau-Organisation" steht. Früher nannte man so etwas eine "Soko", eine "Sonderkommission".

Dabei dürften die Fahnder die eine oder andere Überraschung erleben. Nicht mit den Anschlägen im Zusammenhang dürfte etwa Alfred Dagenbach stehen, der auf der Abonnentenliste zu finden ist. Spontan fällt ihm gar nicht ein, was das sein könnte, die Qoqaz-Liste: "Kann schon sein, ich habe da etliche Newsletter abonniert."

Und unter islamistischen Webseiten hat sich Dagenbach eine Weile tatsächlich recht intensiv umgetan - und zwar wegen Problemen in seinem Wahlkreis. Dagenbach ist Mitglied im Bundesvorstand und Kreisvorsitzender der Republikaner in Heilbronn.

Dass das BKA derzeit ermittele, hört er mit Interesse, aber ohne jede Nervosität. "Ach, wissen Sie", sagt Dagenbach, "wenn ich bedenke, was etwa der Verfassungsschutz alles beobachtet. Zum Beispiel meine Partei."

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