Freitag, 6. Dezember 2019

Live-Ticker, Teil 1 Die Eröffnungsrede von Werner E. Klatten

Die HV von EM.TV wurde zu einer harten Bewährungsprobe für die neue Führungsriege um Werner E. Klatten. Anlegerschützer und Aktionäre sparten nicht mit Kritik. Das Protokoll einer turbulenten Aktionärsversammlung.

9.30 Uhr:

In München ist es brütend heiß. Zahlreiche Besucher sind bereits auf dem Weg ins Messezentrum, das heute wie ein Hochsicherheitstrakt geschützt ist. Sämtliche Taschen werden - wie im Flughafen – durchleuchtet, die Ordner tragen Handdetektoren, von denen sie aber selten Gebrauch machen. Haben die Veranstalter Angst vor einem Attentat?

Das Messezentrum ist schick, nüchtern und kühl. Die Aktionäre lassen sich aber von der bewachten Atmosphäre nicht beeindrucken und frühstücken, während sie auf den Beginn der HV warten. Insgesamt sollen heute über viertausend Anleger nach München kommen.

9.45 Uhr: Die insgesamt drei Säle füllen sich langsam. Der Hauptsaal ist inzwischen knapp zur Hälfte besetzt, die anderen beiden Räume nur spärlich. Auf der Bühne haben sich hinter dem weißen Podium die ersten Mitglieder des EM.TV-Führungsgremiums eingefunden. Rainer Hüther, der Finanzvorstand, Rolf Rickmeyer, Bernd Thiemann, der Aufsichtsratsvorsitzende, ein Notar, Prof. Axel Kollar, ebenfalls Aufsichtsratsmitglied, und Prof. Dr. M. Schwarz.

Der Bühnenhintergrund ist mit EM.TV-Fahnen dekoriert, die Bühne selbst von von zwei Leinwänden flankiert. Die meisten Besucher sind dem Wetter entsprechend luftig gekleidet, bisher macht die HV eher den Eindruck eines Ausflugs in die Sommerfrische.

9.55 Uhr: Ein Aktionär ist empört: "Die haben mir meine Flasche Mineralwasser abgenommen, weil die denken, da wäre Säure drin." Die Aufregung ist etwas unverständlich. Denn Werner Klatten ist nur als Gastredner eingeladen, und Thomas Haffa wird durch einen Rechtsanwalt vertreten.

10.10 Uhr: Der Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Thiemann hat die Sitzung eröffnet und hakt die Formalien ab. Im Saal stehen unglaublich viele Kameras, alles ist voller Presse, die Gänge sind versperrt und die Besucher drängeln sich bis hinten an die Wand. Der Saal ist überfüllt, weil kein Aktionär Lust hat, sich das Spektakel in einem Nebensaal auf der Leinwand anzusehen.

Werner E. Klatten
DPA
Werner E. Klatten
10.15 Uhr: Werner E. Klatten hat das Wort ergriffen. Kurz vorher hat sich ein Anleger über die mediale Übermacht im Saal beschwert. Es sei unmöglich, seinen Platz zu erreichen und überhaupt irgendwas zu sehen, mokierte sich der aufgebrachte Aktionär. Die Kameras werden trotzdem nicht verschoben

10.25 Uhr: Der designierte Vorstandsvorsitzende spricht über seine Beteiligungsgesellschaft, die 25,1 Prozent an EM.TV hält. Am 2.1.2002 sollen die Geldgeber endlich offengelegt werden. "Keiner der üblichen Verdächtigen ist dabei", scherzt Klatten. Nur Institutionelle Anleger seien vertreten.

"Ich erwarte ein unabhängig in den Märkten erfolgreich agierendes rentables Unternehmen." So hoch steckte Klatten sein unbescheidenes Ziel für die Zukunft von EM.TV. Weitere Kernpunkte seiner Rede: Optimierung des Portfolios, Herausarbeitung der Kerngeschäftsfelder, die Fokussierung auf Umsatzorientierung wird ad acta gelegt, das Unternehmen auf Profitabilität getrimmt.

10.35 Uhr: Werner Klatten sagt, er wolle u.U. bei Junior TV die Mehrheit einkaufen, weil er viel von dem Unternehmen hält. Die Henson Group soll verkauft werden, und auch die Formel 1-Rechte sollen, wenn sich ein Käufer findet, unter den Hammer kommen.

Nicht mit im Boot? Leo Kirch
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Nicht mit im Boot? Leo Kirch
10.45 Uhr: "Um für den Gesamtmarkt attraktiv zu sein, ist Unabhängigkeit unabdingbare Voraussetzung." Mit diesem Satz stellt Werner Klatten erneut klar, das Leo Kirch nicht mehrheitlich im EM.TV-Boot vertreten ist. "Kirch ist Partner, Kunde und Lieferant von EM.TV und hoffentlich bald Aktionär des Unternehmens." Diese Distanz betont Klatten immer wieder.

Der Grund: "Ich will Vertrauen am Kapitalmarkt gewinnen." Eine zu innige Verflechtung mit dem Medienmogul könnte da hinderlich sein. Vom Management könne er aber nicht den Himmel auf Erden einfordern, dämpft Klatten zu euphorische Hoffnungen.

10.55 Uhr: Die Vorhalle ist immer noch sehr belebt. Die Anleger verfolgen bei Brötchen und Kaffee über die Leinwände den Beginn der HV. Finanzvorstand Rainer Hüter beschreibt gerade die zukünftige Strategie von EM.TV.

Diese zielt vor allem darauf ab, die Vermarktung der Rechte zu intensivieren. Die Fokussierung aufs Kerngeschäft soll vorangetrieben werden, vor allem Junior-TV soll zum Gewinnbringer umgebaut werden: "Wir können ganze Kanäle bestücken", so Hüter. Junior TV soll in den wichtigen Schlüsselmärkte Europas etabliert werden. Danach werde die internationale Expansion angestrebt.

Durch die Senkung der Marketingkosten um zwei Drittel und die Senkung des Personalstandes um ein Drittel will Hüter an der Kostenschraube drehen. Nicht besonders originell, aber das Auditorium dankte es ihm mit Ovationen.

11.05 Uhr: Rolf Rickmeyer spricht über die finanzielle Lage des Unternehmens, erklärt Beteiligungen, unendlich viele Zahlen stürzen auf die Zuhörer ein. Trotzdem lauscht das Auditorium gespannt.

11.15 Uhr: Rickmeyer spricht weiter über die Beteiligungen. Die Speed-Investment soll reduziert werden, Kirch will seinen Anteil im Gegenzug aufstocken. Der EM.TV-Anteil verringert sich dann auf 23 Prozent. "Hat die Gesellschaft über ihre Verhältnisse gelebt?" fragt Rickmeyer rhetorisch ungd gibt sich selbst die Antwort: EM.TV habe versucht, sich zu einem internationalen Medienkonzern zu entwickeln.

Der Versuch ist bekanntlich gescheitert. Den hochgesteckten Erwartungen der Märkte folgte die Ernüchterung. Der dramatische Verlust ergab sich im Wesentlichen aus der Neubewertung der Beteiligungen, sagte Rickmeyer.

11.35 Uhr: Rickmeyer gibt die allgemeinen Eckdaten bekannt: Zum Bilanzstichtag beträgt das Eigenkapital der AG 1,6 Milliarden Mark. Die Schulden wurden von 1,5 Milliarden Mark auf 243 Millionen reduziert, der aktuelle Stand der Bankverbindlichkeiten beträgt 195 Mark.

Im Sitzungssaal ist es nach wie vor ruhig, alle lauschen gespannt. Der Vorstand sei sich mit Werner Klatten einig, dass der Konzern gestrafft werden müsse, betont Rickmeyer. Im Kerngeschäft werde weiter an einer Übernahme von 50 Prozent an Junior TV festgehalten. Eine große Prophezeiung folgt: Für das Jahr 2001 wird sich ein positives Ebitda ergeben, für 2003 soll das auch für das Ebit gelten. Das hören die Anleger gern. Man klatscht.

11.45 Uhr: Langsam steigt die Spannung im Saal. Bernd Thiemann hat erneut das Wort ergriffen. Die Wahl des Aufsichtrats steht an, Koller und Schwarz haben ihre Ämter niedergelegt, verschiedene neue Mitglieder für das Kontrollgremium werden vorgeschlagen.

Das designierte AR-Mitglied Wollburg erhebt sich nach Aufforderung von Thiemann kurz, aber keiner der Anleger sieht ihn. Thiemann dankt, alle lachen. Eine eher peinliche Vorstellung. Buhrufe und Pfiffe, als sich Thiemann bei Koller und Schwarz für die Arbeit bedankt. Süffisant bemerkt der Finanzvorstand: "Inzwischen braucht man scheinbar Fachleute für diesen Job." Erneut Buhrufe und Pfiffe im Auditorium.


Lesen Sie auch:

Teil 2: Die erste Fragerunde

Teil 3: "Ich bin kein Strohmann von Kirch"

Teil 4: "Die Betrüger müssten geköpft werden!"

Teil 5: Streit um die Sonderprüfung


mm.de
Aus München berichtete mm.de-Redakteurin Alexandra Knape.

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