Dienstag, 16. Juli 2019

Deutsche Telekom Teure Tochter

T-Systems, das Joint Venture mit DaimlerChrysler, erweist sich für den Bonner Konzern als grandiose Fehlinvestition.

Das Schlimmste zum Schluss. Die letzten sechs Monate seines Berufslebens waren für Jürgen Galla (57) die härtesten seiner Karriere. Als Finanzchef von T-Systems musste er die Buchhaltungssysteme des IT-Dienstleisters zusammenführen, der aus der Serviceabteilung der Deutschen Telekom Börsen-Chart zeigen und dem Debis Systemhaus von DaimlerChrysler entstanden war.

 Endlich Ruhe: Jürgen Galla verabschiedete sich als Finanzchef von T-Systems
Endlich Ruhe: Jürgen Galla verabschiedete sich als Finanzchef von T-Systems
Ein Höllenjob. Monatelang tobte ein Streit über Berichtssysteme und Controlling-Methoden. Bei der früheren DaimlerChrysler-Tochter, die der Telekom mittlerweile zu 50,1 Prozent gehört, sollen Teile des Geschäftsablaufs überhaupt nicht dokumentiert sein. Insider berichten, zu manchen Projekten gebe es gar keine Daten, zu anderen nur bruchstückhafte Computertabellen.

Auf diesem Horrorposten wollte der altgediente Telekom-Manager Galla nicht länger bleiben. Am 15. Juni verabschiedete er sich in den Vorruhestand. Eine überstürzte Flucht vor dem Chaos? Mitnichten, wiegelt die T-Systems-Zentrale in Frankfurt ab. Gallas Abgang in die Frührente sei von langer Hand vorbereitet gewesen.

Von langer Hand? Dann mutet es seltsam an, dass der vakante Job zunächst nur kommissarisch besetzt wurde - mit dem für Zentralfunktionen wie Einkauf, Revision, Recht und Organisation zuständigen Wilfried Peters (44). Der darf mittlerweile auch ganz offiziell die Aufgaben des Chefbuchhalters mit verwalten.

Viel Erfreuliches wird Peters in den Büchern nicht finden. Das Joint-Venture der Telekom mit DaimlerChrysler erweist sich mehr und mehr als teure Fehlinvestition.

Die 5,5 Milliarden Euro, die Telekom-Chef Ron Sommer (52) für den Mehrheitsanteil an dem IT-Serviceunternehmen zahlte, galten schon bei Bekanntgabe des Deals im März 2000 als völlig überteuert. Mittlerweile mutierte das Gemeinschaftsunternehmen gänzlich zur Lachnummer der Branche.

 Undankbarer Job: Der neue Finanzmann Wilfried Peters wird in den Büchern kaum Erbauliches finden
Undankbarer Job: Der neue Finanzmann Wilfried Peters wird in den Büchern kaum Erbauliches finden
Auf der Topetage gilt das Motto: Rette sich, wer kann. Hoch qualifizierte Mitarbeiter verließen das Unternehmen in Scharen.

Zu allem Übel stellen sich auch noch viele der Aufträge und Kundenbeziehungen, die Debis mit in die Firmenehe einbrachte, als weit weniger erfolgreich und zukunftsweisend heraus als im Verkaufsprospekt ausgewiesen.

Ausgerechnet Mitgesellschafter DaimlerChrysler, bislang mit mehr als einer halben Milliarde Mark Auftragsvolumen der bei weitem größte Debis-Kunde, warb bei T-Systems hunderte der besten Mitarbeiter ab. IT-Chefin Sue Unger (51) will wieder mehr Computerprojekte im eigenen Hause abwickeln.

Kunde Nummer zwei, die HypoVereinsbank, brachte dem Systemhaus zwar zeitweilig mehr als 100 Millionen Mark Jahresumsatz ein. Die erkleckliche Summe kam allerdings nicht mit margenträchtiger IT-Beratung zusammen. Das Finanzinstitut kaufte beim Debis Systemhaus lediglich neue Computer und ließ sich die Software installieren. Nach der großen Anschaffungswelle im Gefolge der Fusion von Hypobank und Vereinsbank im Jahr 1998 gibt es heute nur mehr wenig Neubedarf.

Der - nach der Konzernmutter Deutsche Telekom - viertgrößte Kunde, der Mobilfunkanbieter Debitel, will nicht länger mit T-Systems zusammenarbeiten. Der Gedanke, geschäftskritische Prozesse zu einer Tochter des Konkurrenten Telekom auszulagern, beunruhigt die Debitel-Leute verständlicherweise zutiefst. Die Stuttgarter suchen derzeit aktiv nach einem neuen IT-Dienstleister.

Und ob sich das Kommunikationsunternehmen Viag Interkom Computer und Daten noch lange von einer Telekom-Tochter pflegen lassen will, scheint zumindest fraglich.

Damit nicht genug. Mit dem wichtigsten ausländischen Debis-Kunden, der schweizerischen Bahngesellschaft SBB, gab es ebenfalls Ärger. Der T-Systems-Chef in der Schweiz, Jürgen Thorenz (53), stritt sich mit der SBB-Führung hitzig über Leistungsumfang und Preise. Thorenz ging Ende Mai. Sein Nachfolger Peter Schöpfer (43) handelte Anfang Juni einen Kompromiss mit den Bahnmanagern aus.

Fazit: Viele Projekte und Aufträge des Debis Systemhauses hätten bei der Berechnung des Kaufpreises für das Unternehmen mit hohen Abschlägen bewertet werden müssen. Wenn - ja, wenn die Telekom das Objekt ihrer Begierde denn mit aller gebotenen Sorgfalt geprüft hätte.

Eine solche Due Diligence aber fand vor dem Debis-Deal im Mai 2000 keineswegs statt, berichten Beobachter. Statt intensiv in die Bücher zu gehen, hätten Telekom-Mitarbeiter lieber die Qualität von Schupfnudeln und Maultaschen in den Lokalen in und um Stuttgart getestet.

Eva Müller

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