Gentechnologie Craigs Ein-Mann-Show

Venters Erfolge überzeugten jedoch schließlich auch seine Gegner. 1995 war er der Erste, der den kompletten Bauplan eines lebenden Organismus kannte: das Genom des Bakteriums Haemophilus influenzae, eines Erregers von Hirnhautentzündungen.

Seither wurden mit der Schrotschuss-Methode einige Dutzend Genome sequenziert, darunter das des Menschen und der Maus. Heute gilt die Methode als wissenschaftlicher Standard - und Watson will Venter nie mit einem Affen verglichen haben.

In den nächsten Monaten will Venter mit der Erforschung der Proteine beginnen, die in der menschlichen Zelle nach dem Bauplan der Gene hergestellt werden - der nächste Schritt zu seiner Vision von neuartigen Medikamenten.

Auf seinem Weg in unbekanntes Terrain nutzt der Amerikaner Wettbewerbsvorteile, die ihm durch die Kooperation mit Tony L. White zufielen. 1997 rief der damalige Konzernchef des Laborgeräteherstellers Perkin-Elmer bei Venter an und schlug vor, gemeinsam die heutige Firma Celera zu gründen. Venter sollte das gentechnische Know-how beisteuern, Perkin-Elmer (heute: Applera) würde eine Komplettausstattung der neuesten Generation seiner Sequenzierroboter liefern.

Im Sommer 1998 ging praktisch die gesamte Serie des neuen Robotermodells an Celera - bevor andere potenzielle Käufer etwas von dem revolutionären Gerät wussten. Die Maschinen (Stückpreis: 300.000 Dollar) waren quasi nach den Wünschen von Venters Team entwickelt worden.

Heute arbeiten 300 bis 400 Sequenzierroboter bei Celera. Diese Geräte, jedes so groß wie ein Bankautomat, saugen mit Farbstoff markierte DNA-Schnipsel in haarfeine Kapillaren und transportieren sie an einem Laserstrahl vorbei. Sie registrieren die Farbtöne, die das Laserlicht an jedem Baustein des langen DNA-Moleküls hervorruft (siehe Glossar) - und schließen daraus auf die Gensequenz.

Die neuen Roboter schaffen die diffizilen Analysen zehnmal schneller als alle vorausgegangenen Modelle. Die Entzifferung des menschlichen Genoms, von den Forschern des öffentlich geförderten Projekts "Hugo" ursprünglich auf 15 Jahre veranschlagt, gelang Celera in etwa 20 Monaten.

Neben der Laborrobotik sind Datenverarbeitung und Datenbankverwaltung der zweite Erfolgsbaustein von Celera: Im Hauptquartier des Unternehmens arbeitet eines der weltgrößten Bioinformatikzentren. Supercomputer, wie sie sonst allenfalls vom US-Militär eingesetzt werden, speichern und verarbeiten hier Datenmengen von der vielfachen Größe ganzer Bibliotheken in Sekundenbruchteilen.

"Celera ist die futuristischste Produktionsanlage der Welt", sagt Craig Venter selbstbewusst. Er wirft den kahlen Kopf in den Nacken, atmet vernehmlich durch seine große, spitze Nase und fixiert seine Zuhörer ein wenig von oben herab. Für einen Moment wirkt er überheblich.

Was aber stellt Celera her in seiner Produktionsstätte? "Wissen", antwortet Venter kühl. "Das Wissen, das die Medizin der Zukunft aufbaut."

Und wie lässt sich dieses Produkt Gewinn bringend vermarkten? Bislang vervielfachen sich Celeras Verluste aus dem operativen Geschäft in jedem Geschäftsjahr, 2000 waren es 92,7 Millionen Dollar. Umsatz bringt im Augenblick nur die Nutzung der Datenbanken, wofür vor allem Pharmakonzerne wie Amgen, Pfizer oder Novartis Gebühren bezahlen - knapp 100 Millionen Dollar pro Jahr.

"Das Geschäft mit den Datenbanken ist wichtig - aber nur der Anfang", wirft Venter ein. "Schon bald werden wir aus unserem Wissen neue Medikamente entwickeln und sie auf den Markt bringen." Er ist ganz sicher, dass Celera origineller, besser und vor allem schneller sein wird als alle anderen Wettbewerber, die auf dieselben Datenbanken zugreifen können.

Dabei schreckt ihn nicht, dass er keine Ahnung hat von dem jahrelangen, viele hundert Millionen Dollar teuren Aufwand der Arzneimittelentwicklung, -erprobung und -zulassung. Dass er kaum etwas weiß über Marketing, Produktion oder Vertrieb. Das meiste lasse sich auslagern, meint Venter lässig.

Sein Chairman Tony L. White nimmt das Problem ernster. "Celera ist nicht Craigs Ein-Mann-Show", sagt der Profi, Chef der Dachgesellschaft Applera. "Wir werden ihm Leute zur Seite stellen, die alle benötigten Fähigkeiten mitbringen. Und Craig wird sie integrieren."

Bei dem Tempo der Geschäftsentwicklung, das Venter sich und seinen Mitstreitern zumutet, bleibt kaum Zeit für Nachdenklichkeit. Nur in seltenen Momenten kommt Venter zur Ruhe. Dann streicht er mit der Hand über seinen Mozzarella-Schädel, als wolle er krause Gedanken glätten wie andere Leute ihre Locken.

Teil 4: Ein Forscher am Scheideweg

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