Pixelpark Im Kreuzfeuer

Paulus Neef hatte auf der gestrigen HV keinen leichten Stand. Entlassungen, hohe Verluste, Ärger mit Boris Becker und der katastrophale Aktienkurs sorgten für schlechte Stimmung in Berlin. Am Ende jedoch wurden Vorstand und Aufsichtsrat entlastet.

11.15 Uhr:

Paulus Neef antwortet. Er sagt: "Wir haben Maßnahmen eingeleitet, um die Fehler aus der Vergangenheit zu beheben. Es wurde leider zu spät erkannt, dass der Markt sich nach unten entwickelt." Neben den Personalkosten würden nun auch die Infrastruktur- und Reisekosten gesenkt. Zudem verweist Neef darauf hin, dass bis Jahresende weltweit etwa 300 Stellen abgebaut werden sollen.

Auch Klaus Eierhoff ergreift das Wort und betont noch einmal, die neue Investition von 15 Millionen Euro in die Pixelpark AG habe gezeigt, dass man zu dem Unternehmen stehe. Wörtlich sagt er: "Es wurden bislang keine Verkaufsgespräche geführt, aber wenn sich ein Partner findet, wird sich natürlich unterhalten."

11.25 Uhr: Die dritte Fragerunde wird eröffnet. Der Aktionär Kiewe will wissen, inwieweit das kostspielige Engagement von Pixelpark in die Gesellschaft ZLU sinnvoll gewesen sei.

Anette Koch antwortet: "Das Engagement wird sich auch in Zukunft als richtig erweisen - selbst für den Fall, dass die ZLU sich als Verlustbringer herausstellen sollte, ist die Eigenkapitalbasis von Pixelpark ausreichend." Außerdem betont sie erneut, dass es primäres Ziel der Aktiengesellschaft sei, möglichst schnell aus der Verlustzone herauszukommen. Für das Ende des laufenden Jahres sieht sie eine deutliche Belebung des Marktes.

11.35 Uhr: Klaus Eierhoff beendet die letzte Fragerunde und stellt die einzelnen Tagesordnungspunkte zur Abstimmung vor.

Bemerkenswert sind vor allem die Punkte 4 und 5, die die Veränderung des Aufsichtsrates betreffen. Das Kontroll-Gremium soll von derzeit drei auf sechs Mitglieder aufgestockt werden. Vorgesehen ist, zwei Vertreter der Arbeitnehmer in den Aufsichtsrat aufzunehmen. Der dritte Neuzugang soll Manfred Wassel werden, der als Vorstands-Chef der Nemax-AG Syskoplan bereits einige Erfahrungen mit dem Neuen Markt hat.

12.05 Uhr: Die Abstimmung ist beendet. Alle Tagesordnungspunkte wurden ohne nennenswerte Gegenstimmen bestätigt. Vorstand und Aufsichtsrat wurden entlastet, auch der Umbau des Aufsichtsrates wurde genehmigt. Abgesegnet wurde auch die Aufstockung der Aufsichtsrat-Bezüge.

12.15 Uhr: Die rund 300 Aktionäre bewegen sich zügig in Richtung Foyer, wo ein kleiner Imbiss wartet. Es gibt Kassler und Sauerkraut, Kartoffeln und Gemüse-Lasagne. Die Stimmung bewegt sich irgendwo zwischen Beerdigungs-Kaffee und Betriebsfeier.

Ein Frührentner balanciert zwei Teller durch die Menschenmenge. Er ist mit seiner Tochter - nabelfrei und gepierct - aus Aachen angereist und macht einen resignierten Eindruck. Der Schweine-Braten scheint ihm zu schmecken, aber das versöhnt ihn nicht mit dem Absturz seiner Aktien. "Ich bin seit 14 Jahren im Bertelsmann-Buchclub und hatte deswegen Anfang letzten Jahres für fast 20.000 Mark Pixelpark gekauft. Das Geld kann ich abschreiben."

12.25 Uhr: Während die Aktionäre sich noch stärken, macht eine Nachricht die Runde. Die Risikokapitalgesellschaft Venturepark Incubator AG wird wegen finanzieller Schwierigkeiten ein Jahr nach ihrer Gründung liquidiert. Diese Meldung wurde erst veröffentlicht, als die HV bereits begonnen hatte. Einige Anleger sind verärgert und fühlen sich verschaukelt. Im Saal war die Liquidation mit keiner Silbe angesprochen worden.

Das Restkapital der Pleitefirma - rund 20 Millionen Euro - soll nun an die Investoren ausgeschüttet werden. Damit verliert jeder Beteiligte rund 40 Prozent seines investierten Kapitals. Die Gesellschaft war unter anderem mit 35 Prozent am insolventen Internet-Portal Sportgate von Boris Becker beteiligt. Größter Anteilseigner ist mit rund 40 Prozent die Pixelpark AG, die etwa 3 Millionen Mark in das Unternehmen investiert hatte.

Erst im Februar hatte Venturepark seine Geschäftsstrategie angesichts der gedrückten Stimmung für Start-up-Unternehmen geändert und gut 40 von 60 Stellen gestrichen. Im Mai 2000 hatte Pixelpark-Chef Paulus Neef noch als Ziel vorgegeben, Venturepark solle zu einem "Vorzeige-Arbeitgeber der New Economy in Europa werden".

Auf Nachfrage erfährt der mm.de-Reporter, dass Pixelpark aus der Abwicklung rund 600.000 Euro erhalten wird. Diese Summe kann als außerplanmäßiger Beteiligungsertrag verbucht werden, da die Investition bereits im ersten Quartal komplett abgeschrieben wurde.

Es berichtete live mm.de-Redakteur Karsten Schmidt

Lesen Sie auch:

Verwandte Artikel