Microsoft Kontrollwahn in Seattle

Der Softwareriese schwingt die Keule. Bill Gates fordert tausende Firmen zur Lizenzprüfung auf. Aber während die Gates-Company in Deutschland (noch) freundlich wirbt, hat sie in den USA längst eine härtere Gangart angeschlagen.

Seattle - Der Softwarehersteller Microsoft hat rund 5000 mittelgroße Unternehmen in den USA aufgefordert, eine interne Überprüfung ihrer Softwarelizenzen durchzuführen und ihm binnen 30 Tagen Bericht zu erstatten. Nach Berichten in US-Medien ist die Aufforderung in einschüchterndem Ton verfasst. Viele Firmen fühlen sich massiv unter Druck gesetzt.

"Wir gehen davon aus, dass die mittleren Unternehmen als Ergebnis ihres schnellen Wachstums größere Probleme haben, die Lizenzbedingungen einzuhalten", zitiert der Newsdienst News.com eine Microsoft-Juristin. Die Firmen sollen unter anderem detailliert auflisten, an wie vielen Arbeitsplätzen sie Microsoft-Produkte installiert haben und welche Lizenzdokumente sie dafür vorweisen können.

Das Recht, solche Überprüfungen zu verlangen, habe Microsoft in den Lizenzverträgen mit den Unternehmenskunden vereinbart. Die betroffenen Firmen ihrerseits klagen über den damit verbundenen Aufwand und die Kosten, die Microsoft ihnen verursacht.

Sei artig und nähre dich redlich

In Amerika wird unterdessen im Radio für die Überprüfung der Lizenzen geworben. Aber so berechtigt die Klagen der Industrie über Softwarepiraterie auch sein mögen - hinter Microsofts "Aufklärungskampagne" steckt durchaus mehr als die Bekämpfung finsterer (und versehentlicher) Verbrecher. Das Thema "Software-Piraterie" ist ja augenblicklich nicht der einzige Kontext, in dem Microsoft-Vertreter das Wörtchen "Lizenz" häufiger fallen lassen.

Mit Office XP ist auch in Deutschland mittlerweile das erste Produkt eingeführt, das man "zwangsaktivieren" lassen muss. Sprich: Erst kaufen, dann anmelden und erfassen lassen, bevor man mit der Arbeit beginnen kann.

So etwas mag man noch als das legitime Schutzinteresse eines durch Softwarepiraterie bis an die Armutsgrenze gebeutelten Unternehmens gelten lassen. Doch wie wäre es mit der folgenden Variante:

In den Vereinigten Staaten hat Microsoft in den letzten Tagen Tausende von Unternehmen mit Post beglückt, in der diese dazu aufgefordert werden, ihre Softwarelizenzen zu überprüfen - und Microsoft die Ergebnisse binnen 30 Tagen zukommen zu lassen.

Ein Witz?

Durchaus nicht. So was nennt man in der Politik ein Ultimatum, bei Microsoft nennt man es einen "ganz normalen Vorgang".

Ja, mehr noch: Es ist eher so etwas wie eine Hilfestellung für die betroffenen Unternehmen: "Wir gehen davon aus", sagte eine Microsoft-Juristin dem Nachrichtendienst News.com, "dass die mittelgroßen Unternehmen durch ihr schnelles Wachstum größere Probleme haben, die Lizenzbedingungen einzuhalten".

Das ist eindeutig zweideutig

Der drohende Unterton bleibt, auch wenn das im reinsten Juristen-Kaudelwelsch verundeutlichte Schreiben dem Ultimatum kein "denn sonst" folgen lässt. Eingeschüchtert fühlen sich die Betroffenen trotzdem, und das sollen sie wohl auch.

Das Ganze ist noch nicht einmal Schnüffelei: Wozu Software-Agenten mit der Inventur bemühen, wenn das die Nutzer auch selbst können?

Microsoft will die Nutzung von Freeware unterbinden

Lizenznehmer neuerer Microsoft-Produkte könnten dabei einige fiese Überraschungen erleben. Da gibt es zum Beispiel das "Mobile Internet Toolkit". Wie jedes Stück Software kommt auch dieses mit einer Lizenz daher - und die hat es in sich: Nutzern der Entwickler-Software wird darin untersagt, Microsoft-Software in Verbindung mit "viraler Software" einzusetzen.

Damit ist nicht etwa ein krankes Programm gemeint: Krank ist einzig und allein diese Lizenz-Vorschrift. Sie besagt nicht mehr und nicht weniger, als dass es sich Microsoft vorbehält, die Nutzung seiner Produkte in Verbindung mit Open-Source-Software zu verbieten.

Im Klartext: Alle Programme, die unter der General Public License (GPL), der Lesser General Public License (LPGL) oder der Mozilla Public License (MPL) erarbeitet wurden, sind verboten, wenn man mit diesem Microsoft-Programm arbeiten will. Das ist so, als würde man auf den Bananen bei Rewe einen Aufkleber finden, auf dem folgendes geschrieben steht: Wer hier reinbeißt, darf nie mehr bei Edeka einkaufen.

Man kann sich nur wundern über das neue Selbstbewusstsein der Gates-Company. Ein Jahr hielt Microsoft die Bälle flach, um die Richter nicht beim Nachdenken zu stören. Jetzt ist Microsoft wieder da, gebeutelt, aber letztlich mächtiger denn je. Das Urteil im Kartellprozess steht noch in diesem Monat an. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass die in Redmond schon wissen, wie die Geschichte ausgeht.

Frank Patalong