Internet Trendwende

Börsensturz, Pleitewelle und Werbedelle - immer mehr Web-Anbieter erheben Gebühren, endlich Geld in die leeren Kassen zu bekommen.

Frankfurt/Main - Dem Internet geht das Geld aus: Stimmen, endlich Gebühren für die bisher kostenlosen Angebote zu erheben, werden immer lauter. Von T-Online bis GMX wird an Modellen gebastelt, wie die User zur Kasse gebeten werden sollen. Keiner weiß genau, ob sich die Nutzer darauf einlassen werden. Studien geben keine einheitlichen Aussagen über die Bereitschaft der Internetnutzer, für Web-Angebote zu zahlen.

Unterdessen versuchen die Internetfirmen vor allem, die laufenden Kosten zu senken. Dabei wird vor allem beim Personal und bei Marketingaktionen gespart - Entlassungen sind inzwischen zur Tagesordnung geworden.

Nur einige wenige werden überleben

Was mit der Krise der Dotcom-Firmen und der Flaute bei der Online-Werbung im vergangenen Jahr begonnen hat, verändert jetzt die gängigen Nutzungsgewohnheiten im Internet. "Ich denke, dass wir es auf jeden Fall mit einer Trendwende zu tun haben", sagte der Berliner Internetunternehmer Alexander Samwer.

"Es gibt unter den Anbietern von kostenlosen Diensten eine Konsolidierung, die dazu führt, dass Angebote wieder eingestellt werden." Das Vorstandsmitglied von Jamba, einem Portal für das Internet auf dem Handy, sieht das Ende dieser Entwicklung noch lange nicht gekommen: "Es wird noch eine weitergehende Konsolidierung bei den gebührenfreien Internetdiensten geben und nur einige wenige werden überleben können."

Page-Impression galt bisher als wichtigste Währung

Die kostenlosen Angebote dienten vor allem dazu, Internetsurfer in Massen dazu zu bringen, auf die eigenen Web-Seiten zuzugreifen. Diese Page-Impressions sind die wichtigste Währung im Markt der Online-Werbung. Ihr Kurs ist in den vergangenen zwölf Monaten aber deutlich gefallen.

Die Gründe: Zum einen liegt es an der sinkenden Nachfrage durch die Konjunkturschwäche. Zum anderen aber mehren sich die Stimmen in der werbetreibenden Wirtschaft, die grundsätzlich am Wert der Banner-Werbung auf Web-Seiten zu zweifeln beginnen. Die meisten Internetsurfer haben sich daran gewöhnt, die flackernden Bildchen zu ignorieren - oder sie setzen zum Teil Filtersoftware wie den Webwasher ein, die Web-Seiten von der oft lästigen Mitlieferung säubert.

Der Wandel

Zu Beginn dieser Woche wurden beim bislang kostenlosen Webspace-Anbieter Idrive.com alle Accounts kurzerhand gelöscht. Die Mitglieder wurden vorher aufgefordert, die Dateien auf ihrer "virtuellen Festplatte" im Internet zu entfernen. Als Alternative wird ihnen Xdrive angeboten, dessen Nutzung monatlich 4,95 Dollar kostet. Das deutsche Pendant My-files.de arbeitet von vornherein zweigleisig: Neben den kostenlosen Diensten gibt es ein erweitertes Premiumangebot mit mehr Speicherplatz und Zusatzfunktionen.

Neben wirtschaftlichen Zwängen haben offenbar auch juristische Probleme mit bestimmten Nutzergruppen die Abkehr vom Kostenlos-Modell gefördert. Den Anfang machte Napster, wo massenhaft urheberrechtlich geschützte Musik getauscht wurde. Die freie Napster-Subkultur wird jetzt in ein Abonnement-System unter dem Schutz des Bertelsmann-Konzerns gezwängt. Bei Idrive.com litt die Freiheit darunter, dass sie von einigen Nutzern für den Vertrieb von Software-Raubkopien verwendet wurde.

Realität holt die Web-Anbieter ein

Die Einführung von Gebührenmodellen wird viele Internetnutzer verärgern, die sich an das kostenlose Schlaraffenland im Netz gewöhnt haben. "Aber wir müssen uns einfach an die Realität anpassen", sagte der Vorstandschef von Babylon.com, Roy Machnes.

Das israelische Unternehmen hat für die Bereitstellung von Online-Wörterbüchern aller Art seit 1997 mehr als acht Millionen Dollar investiert - die erhofften Werbeeinnahmen blieben aber aus. Deswegen gibt es die Dienste von Babylon.com ab diesem Monat nur noch für eine Jahresgebühr von 20 Dollar. Machnes stellt sich darauf ein, dass die meisten bisherigen Nutzer abspringen werden: "Wir hoffen, dass wir von den elf Millionen Nutzern fünf bis zehn Prozent halten können."

Büros werden einfach dicht gemacht

Bittere Konsequenzen müssen jene Unternehmen ziehen, die an der Börse gehandelt werden und ihren Anteilseignern einen angemessenen Shareholder-Value versprochen haben. So schließt das kalifornische Internetunternehmen Excite seine Niederlassungen in Deutschland, Frankreich und Spanien. In absehbarer Zeit gebe es hier keine Aussichten auf profitable Geschäfte, erklärte die Gesellschaft unter Hinweis auf die Krise bei der Online-Werbung. Jetzt will sich Excite auf seine Rolle als Internet-Provider mit besonderen Angeboten beim Breitband-Zugang konzentrieren.

Kein Mitleid

Der langjährige Branchenbeobachter Kai Leonhardt, der einst die Pressearbeit von Lycos in Deutschland mit aufbaute, hat kein Mitleid, wenn manche aus Suchmaschinen entstandene Internetportale jetzt ihren Betrieb einstellen oder zumindest zu Kooperationen gezwungen werden. "Das kostenlose Geschäftsmodell war doch in den meisten Fällen von Anfang an zum Scheitern verurteilt", sagt Leonhardt.

Der rasante Aufstieg der Suchmaschine Google beweise, dass es bei knapper Kalkulation und Konzentration auf das Wesentliche auch anders gehe. Bei wichtigen und wertvollen Informationen werde es sicherlich die Bereitschaft geben, dafür auch zu zahlen - sofern dafür ein einfaches Internetzahlungssystem zur Verfügung stehe. "Eines ist jedoch sicher", fügt Leonhardt hinzu: "Das Internet wird weiter wachsen und neue Inhalte zur Verfügung stellen."