Web.de Fragwürdige IR-Leistung

Eine irreführende Ad-hoc-Meldung der Karlsruher Aktiengesellschaft sorgt für Missmut.
Von Clemens von Frentz

Karlsruhe - Erneut sorgt eine Ad-hoc-Meldung von einem Nemax-Unternehmen für Irritationen. Betroffen diesmal: die Web.de AG aus Karlsruhe. Die Mitteilung, die am 7. Mai herausgegeben wurde, ließ den Umsatz bei der Aktie förmlich explodieren und bescherte dem Papier ein Plus von nahezu 20 Prozent. Nach Informationen von manager-magazin.de ist der Inhalt der Meldung allerdings zumindest teilweise irreführend.

Die Mitteilung, die das Unternehmen am betreffenden Montag-Morgen über die Agenturen verbreiten ließ, sorgte bei einigen Anlegern am Neuen Markt für regelrechte Begeisterungsstürme. Wörtlich hieß es: "Die Web.de AG, Karlsruhe, hat als erstes Internet-Unternehmen in Deutschland von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) eine eigene Ortsnetzkennzahl erhalten."

Mit dieser Nummer, so der Text, entstehe "ein eigenes Web.de-Ortsnetz für die Web.de-Anwender, vergleichbar mit einer Vorwahl wie 089 für München oder 040 für Hamburg". Das Unternehmen sei nun in der Lage, "selbständig Rufnummern zu vergeben und innovative internetbasierte Telekommunikationsdienste anzubieten".

Handelsvolumen fast verzehnfacht

Der Handelsumsatz an den Börsen zeigt, dass die Meldung gut ankam. Bis zum Montag-Abend wechselten allein auf Xetra-Basis fast 200.000 Papiere im Wert von 1,86 Millionen Euro den Besitzer. Zum Vergleich: Der Durchschnitts-Umsatz der letzten 30 Tage lag bei 211.000 Euro. Ähnlich lebhaft war der Handel an den Präsenzbörsen.

Bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post dagegen kam die Meldung weniger gut an. Harald Dörr, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der RegTP: "Der Begriff 'eigene Ortsnetzkennzahl' ist so nicht korrekt. Es handelt sich bei der (0)12 um eine der so genannten Dienste-Kennzahlen für innovative Dienste, von denen wir auch noch einige andere zugeteilt haben."

Für den Nutzer ändert sich wenig

Richard Berg, bei Web.de zuständig für den Bereich Investor Relations, räumte inzwischen ein, dass die Formulierung nicht ganz zutreffend war. Seine Erklärung: "Wir wollten dem Leser lediglich deutlich machen, dass es sich um etwas Ähnliches wie die Ortsvorwahlen handelt...".

Auch diese Darstellung ist nicht wirklich erhellend. Für den Nutzer von web.de ändert sich nämlich nicht allzuviel. Bislang war er über seinen Web.de-Account, der verschiedene Dienste wie Fax und Anrufbeantworter miteinander vereinigt, unter der Vorwahl 01805 zu erreichen. Nun beginnt seine Nummer mit 01212. Das ist alles.

"Konkurrenz für das Ortsnetz der Telekom"

Kein Wunder, das es angesichts der reißerischen Meldung zu einigen Missverständnissen kam. So meldete beispielsweise das Finanzportal Wallstreet-online um 9.04 Uhr, Web.de habe "eine eigene 'Ortsnetzkennzahl' für das Internet erhalten" und folgerte daraus: "Die Konkurrenz für das Ortsnetz der Deutschen Telekom entsteht im Internet." Das blieb nicht ohne Wirkung.

Auch der von Web.de suggerierte Exklusivitäts-Anspruch ("...erstes Internet-Unternehmen in Deutschland...") erscheint bei näherer Betrachtung fragwürdig. Seit 1999 wurde die besagte Nummer (0)12 bereits an mehrere Unternehmen vergeben. Darunter sind auch die Anbieter Teldafax (Marburg) und Tesion (Stuttgart), die ebenfalls ein wesentliches Standbein im Internet-Geschäft haben.

Ein Fall für die Wertpapieraufsicht

Eine weitere Kritik an der Ad-hoc-Meldung: Die Formulierung "lebenslange Telefonnummer". Dörr: "Hier entsteht beim Laien der Eindruck, es handele sich um ein Angebot, das mit den begehrten 0700er-Rufnummern der RegTP vergleichbar ist. Das ist allerdings so nicht richtig. Die 0700er-Rufnummer behält der Kunde tatsächlich auf Lebenszeit - auch wenn er zwischenzeitlich den Anbieter oder seinen Wohnort wechselt. Das ist bei der (0)12-Rufnummer von Web.de nicht der Fall."

Angesichts der hohen Kursausschläge im Anschluss an die Ad-hoc-Meldung will sich nun auch das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel mit dem Sachverhalt befassen. Sprecherin Sabine Reimer: "Wir untersuchen den Vorgang im Rahmen einer routinemäßigen Prüfung."

Hohe Zuwachsraten dank Aktienzuteilung

Der Vorgang weckt Erinnerungen an den Börsengang der Karlsruher AG am 17. Februar letzten Jahres. Damals hatte Web.de eine so genanntes Affinity-Programm aufgelegt, um für sein IPO zu werben. Der Trick dabei: Jedem Anleger, der ein Konto bei der Comdirect-Bank eröffnete und sich als Nutzer bei Web.de registrieren ließ, wurde ein garantiertes Kontingent bei der Zuteilung der Aktie versprochen.

Dieses Angebot blieb nicht ohne Wirkung. Ein ehemaliger Mitarbeiter von der Comdirect berichtet: "In den Folgetagen war bei uns die Hölle los. Wir haben selten einen solchen Andrang erlebt."

Kurseinbruch nach Börsengang

Andrang gab es auch auf der Anmeldeseite von Web.de. Innerhalb weniger Wochen trugen sich täglich Tausende von neuen Nutzern ein. Für die junge Aktiengesellschaft ein doppelter Vorteil: Die so erzeugte hohe Zuwachsrate bei den Anmeldungen konnte nun für eine massive Werbe-Kampagne eingesetzt werden.

Das geschah dann auch. Am 13. März meldete Web.de triumphierend: "Web.de, eines der führenden Internet- Portale in Deutschland, hat sein dynamisches Wachstum auch im Februar fortgesetzt. Die registrierten Anwender stiegen im Februar um 228.548 auf 647.367. Täglich haben sich somit rund 7800 Personen für die kostenlosen Dienste von Web.de registrieren lassen." Mit welchen Mitteln dieses Wachstum erreicht worden war, blieb unerwähnt.

Dem Kurs der Aktie hat das allerdings wenig geholfen. Wenige Wochen nach dem IPO brach das Papier ein und fiel anschließend auf ein Rekordtief von 3,85 Euro. Damit hat die Aktie seit ihrem Höchststand am ersten Handelstag rund 90 Prozent an Wert verloren.

Erst die Jubelmeldung, dann die Hiobsbotschaft

Wie geschickt die Karlsruher mit Ad-hoc-Meldungen umgehen, war übrigens schon mehrfach zu sehen. Am 4. Mai letzten Jahres meldete die AG morgens den Erwerb der Nürnberger System Design GmbH. Dem folgte eine Nachricht, die weniger positiv war. Der Vorstand teilte mit, dass der Fehlbetrag im ersten Quartal von 0,21 Millionen auf 7,67 Millionen Euro (!) gesteigert wurde.

Wenige Wochen später erfreute web.de seine Anteilseigner mit einer positiven Studie der DG Bank. "Die Zahlen für das zweite Quartal des Jahres 2000", so der zuständige Analyst Matthias Dürr, seien "absolut in-line gewesen". Kein Zufall. Die DG Bank war Konsortialführer beim IPO, und 14 Tage nach der Kaufempfehlung lief die Lock-up-Frist aus.


Die Liste der Pleiten und Skandal am Neuen Markt

Verwandte Artikel