Mittwoch, 8. April 2020

Italien verordnet wirtschaftlichen Winterschlaf Was ein Lockdown bringt - und was er kostet

Geschlossene Läden auf dem Ponte Vecchio in Florenz
Jennifer Lorenzini / LaPresse via AP
Geschlossene Läden auf dem Ponte Vecchio in Florenz

Italien hat es getan. Das ganze Land gilt nun als Zona Rossa, als Sperrgebiet. Schulen und Universitäten waren ohnehin schon geschlossen, jetzt ist die Bewegungsfreiheit in der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone grundsätzlich eingeschränkt. Großveranstaltungen fallen durchweg aus. Die Regierung spricht von einer "massiven Schocktherapie" gegen die Covid-19-Epidemie. Sogar der "ökonomische Winterschlaf", vor wenigen Wochen noch eine radikale Idee, ist nun offizielle Linie: Finanzbehörden und Banken sind angehalten, vorübergehend keine Steuern und Zinsen von Bürgern und Kleinunternehmen einzutreiben.

Eine Rezession ist damit fest eingeplant - nicht nur für Italien, sondern wahrscheinlich für Europa insgesamt. Die Wirtschaft stagnierte schon vor dem Corona-Ausbruch oder schrumpfte leicht, nun wird ihr ganz bewusst der Rest gegeben.

"Ein voller oder teilweiser Lockdown ist eine der radikalsten Maßnahmen und kann Produktion und Konsum fast zum Stillstand bringen", erklärt die Ökonomin Beatrice Weder di Mauro.

Die italienische Wirtschaftsleistung sei aktuell 10 bis 15 Prozent unter Normalmaß, schätzt Lorenzo Codogno von der Londoner Beratungsfirma LC Macro Advisors, ein früherer Chefökonom des Finanzministeriums in Rom.

Milder ausfallen dürfte die Bilanz für die quartalsbeweise berichtete Statistik, weil der Lockdown nur teilweise das erste Quartal 2020 betrifft und zu Anfang des zweiten Quartals aufgehoben werden dürfte. Vorerst gilt er bis zum 3. April. Codogno rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 1,2 Prozent im ersten und 3 Prozent im zweiten Quartal.

Wie der Lockdown das Gesundheitssystem entlasten soll

Die Berenberg-Bank ging noch am Montag, als der Stopp noch auf den wirtschaftsstarken Norden beschränkt war, für das Gesamtjahr von minus 1,2 Prozent aus. Was die Wirtschaftsbremse bringt? "Mit Glück kann die italienische Antwort zumindest helfen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, was dem Gesundheitssystem und anderen Ländern mehr Zeit gibt, um sich für einen weiteren Anstieg von Fällen vorzubereiten", schreiben die Analysten.

Selbst das vergleichsweise gut ausgestattete Gesundheitssystem der Lombardei scheint unter dem Ansturm der Patienten schon beinahe zu kollabieren. Laut mehreren Berichten sind Kliniken und Ärzte bereits gezwungen zu entscheiden, welchen Akutpatienten sie helfen und welchen nicht.

Genau diesen Punkt der Überlastung sollen radikale Maßnahmen wie ein solcher Lockdown vermeiden. Gesundheitsökonomen und Epidemiologen sprechen vom "Abflachen der Kurve" der Reproduktionsrate des Virus. Lässt sich die Verbreitung nicht mehr stoppen, soll sie zumindest verlangsamt werden. Am wirksamsten ist, wenn potenziell Infizierte möglichst wenig anderen Menschen begegnen, zum Beispiel, indem sie gezwungen sind, zu Hause zu bleiben.

Die Epidemie schreitet dann zwar trotzdem voran, aber die medizinische Versorgung bleibt intakt - und es wird Zeit gewonnen, um Medikamente oder eine Impfung zu entwickeln, im Idealfall vor einer zweiten oder dritten Welle der Infektion.

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