Italien verordnet wirtschaftlichen Winterschlaf Was ein Lockdown bringt - und was er kostet

Geschlossene Läden auf dem Ponte Vecchio in Florenz

Geschlossene Läden auf dem Ponte Vecchio in Florenz

Foto: Jennifer Lorenzini / LaPresse via AP

Italien hat es getan. Das ganze Land gilt nun als Zona Rossa, als Sperrgebiet. Schulen und Universitäten waren ohnehin schon geschlossen, jetzt ist die Bewegungsfreiheit in der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone grundsätzlich eingeschränkt. Großveranstaltungen fallen durchweg aus. Die Regierung spricht von einer "massiven Schocktherapie" gegen die Covid-19-Epidemie. Sogar der "ökonomische Winterschlaf", vor wenigen Wochen noch eine radikale Idee, ist nun offizielle Linie: Finanzbehörden und Banken sind angehalten, vorübergehend keine Steuern und Zinsen von Bürgern und Kleinunternehmen einzutreiben.

Eine Rezession ist damit fest eingeplant - nicht nur für Italien, sondern wahrscheinlich für Europa insgesamt. Die Wirtschaft stagnierte schon vor dem Corona-Ausbruch oder schrumpfte leicht, nun wird ihr ganz bewusst der Rest gegeben.

"Ein voller oder teilweiser Lockdown ist eine der radikalsten Maßnahmen und kann Produktion und Konsum fast zum Stillstand bringen", erklärt die Ökonomin Beatrice Weder di Mauro.

Die italienische Wirtschaftsleistung sei aktuell 10 bis 15 Prozent unter Normalmaß, schätzt Lorenzo Codogno von der Londoner Beratungsfirma LC Macro Advisors, ein früherer Chefökonom des Finanzministeriums in Rom.

Milder ausfallen dürfte die Bilanz für die quartalsbeweise berichtete Statistik, weil der Lockdown nur teilweise das erste Quartal 2020 betrifft und zu Anfang des zweiten Quartals aufgehoben werden dürfte. Vorerst gilt er bis zum 3. April. Codogno rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 1,2 Prozent im ersten und 3 Prozent im zweiten Quartal.

Wie der Lockdown das Gesundheitssystem entlasten soll

Die Berenberg-Bank ging noch am Montag, als der Stopp noch auf den wirtschaftsstarken Norden beschränkt war, für das Gesamtjahr von minus 1,2 Prozent aus. Was die Wirtschaftsbremse bringt? "Mit Glück kann die italienische Antwort zumindest helfen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, was dem Gesundheitssystem und anderen Ländern mehr Zeit gibt, um sich für einen weiteren Anstieg von Fällen vorzubereiten", schreiben die Analysten.

Selbst das vergleichsweise gut ausgestattete Gesundheitssystem der Lombardei scheint unter dem Ansturm der Patienten schon beinahe zu kollabieren. Laut mehreren Berichten sind Kliniken und Ärzte bereits gezwungen zu entscheiden, welchen Akutpatienten sie helfen und welchen nicht.

Genau diesen Punkt der Überlastung sollen radikale Maßnahmen wie ein solcher Lockdown vermeiden. Gesundheitsökonomen und Epidemiologen sprechen vom "Abflachen der Kurve" der Reproduktionsrate des Virus. Lässt sich die Verbreitung nicht mehr stoppen, soll sie zumindest verlangsamt werden. Am wirksamsten ist, wenn potenziell Infizierte möglichst wenig anderen Menschen begegnen, zum Beispiel, indem sie gezwungen sind, zu Hause zu bleiben.

Die Epidemie schreitet dann zwar trotzdem voran, aber die medizinische Versorgung bleibt intakt - und es wird Zeit gewonnen, um Medikamente oder eine Impfung zu entwickeln, im Idealfall vor einer zweiten oder dritten Welle der Infektion.

Was Italien von China lernen kann

Chinas Antwort auf das neuartige Coronavirus Sars-Cov-2 scheint erste Erfolge zu bringen - und die war mindestens so radikal wie die italienische. Schon ab 23. Januar - wenn auch wohl zu spät, um die Reisewelle zum chinesischen Neujahrsfest aufzuhalten - wurde die Provinz Hubei (vergleichbar groß wie Italien) als Ursprungsregion des Virus nahezu komplett lahmgelegt und abgeriegelt. Hinzu kamen staatliche Hilfen, um die negativen Folgen abzufedern. So wurden in kurzer Zeit Notkrankenhäuser improvisiert, Essenslieferungen in die Häuser organisiert, Schulen und Ärzte online zugänglich gemacht.

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Inzwischen sind die Sperren zum Großteil aufgehoben, die Neuinfektionen sinken drastisch und werden von den genesenen Infizierten übertroffen.

Das wichtigste Fazit zur Ökonomik der Quarantäne sieht der Ökonom Simon Wren-Lewis  von der Universität Oxford darin, "dass die Wirtschaft sekundär ist zu den Gesundheitsfolgen jeder Pandemie mit erheblicher Sterberate". Schon in den 90er Jahren hatte Wren-Lewis mit Epidemiologen gemeinsam ein Wirtschaftsmodell einer Pandemie entwickelt.

Die Kosten müsse man zwar beachten, um nicht überzureagieren - das gelte aber fast nur für Maßnahmen, die wenig bringen, um Menschenleben zu schützen. Alles andere sei auch volkswirtschaftlich sinnvoll, weil den Ausfällen wegen des Lockdown das Vermeiden größerer Schäden gegenüberstehe.

Die Zwei-Billionen-Dollar-Regel der Ökonomen

Besonders das Schließen von Schulen hilft, um Infektionsketten zu unterbrechen, führt aber auch zu teuren Ausfällen - auch im Gesundheitssektor, weil medizinisches Personal zu Hause bleiben muss, um Kinder zu betreuen.

Selbst für eine dreimonatige Schulpause rechnet Wren-Lewis mit einem BIP-Rückgang von maximal 5 Prozent für ein Jahr. Ein zusätzlicher Nachfrageschock durch den Wegfall sozialen Konsums wie Reisen, Sport oder Kultur würde das Minus nur auf 6 Prozent erhöhen. Nicht erfasst sei von dem Modell allerdings das Risiko, dass Firmen aus Liquiditätsmangel während des Lockdown pleite gehen. Das müsse die Regierung vermeiden, ansonsten sei der Schock zwar schwer, es gebe aber "keinen Grund, warum die Wirtschaft sich anschließend nicht erholen kann".

Die Kosten des Lockdowns müssen auch mit den Kosten verglichen werden, die Nichtstun mit sich bringt.

Sollte sich Covid-19 ungebremst ausbreiten, rechnen der Rechts- und Gesundheitsökonom Anup Malani und der Epidemiologe Maciej Boni allein für die USA mit einer Million vorzeitiger Todesfälle. Sie machen dann die moralisch und rechnerisch schwierige, für eine solche Abwägung aber notwendige Kosten-Nutzen-Rechnung auf: Wenn man den wirtschaftlichen Wert eines Menschenlebens "konservativ" auf zwei Millionen Dollar beziffere (tatsächlich kommen die meisten Studien eher auf zehn Millionen), würden zwei Billionen Dollar oder ein Zehntel des BIP permanent verlorengehen.

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"Ein wirtschaftlich vernünftiger Ansatz zu Covid wäre es daher, alles zum Verlangsamen der Epidemie zu tun, bis wir Kosten von ungefähr zwei Billionen Dollar erreichen", schreibt Malani auf Twitter. "Erst dann sollten wir anfangen, uns über diese Kosten Gedanken zu machen."

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