Webvan Wal-Mart siegt

Sparkurs beim maroden E-Commerce-Pionier. Der Internet-Supermarkt zieht sich aus Texas zurück.

Der amerikanische Online-Lebensmittelservice Webvan hat seinen Ableger im texanischen Dallas geschlossen und alle 220 Mitarbeiter entlassen. Wie das Unternehmen aus Foster City im Silicon Valley erklärte, erfolgte die Schließung im Zuge drastischer Einsparungsmaßnahmen. Die betroffene Filiale sei zum einen die jüngste, zum anderen eine der unprofitabelsten der Webvan-Dependancen gewesen.

In der Texas-Metropole sieht sich der Online-Supermarkt und -Kurierdienst zudem sehr starker Konkurrenz ausgesetzt. So unterhält etwa GroceryWorks.com - ein Ableger der Supermarktkette Safeway - einen Online-Delivery-Service. Webvan-Sprecher Bud Grebey zufolge sei in Dallas außerdem der örtliche Preiskampf mit Wal-Mart-Märkten ganz besonders aggressiv.

Webvan betreibt Ableger in Atlanta, Sacramento, Seattle, Portland, Los Angeles, San Diego, Orange County (Kalifornien), Chicago und der San-Francisco-Bay-Area. Sprecher Bud Grebey zufolge sind bislang keine weiteren Schließungen geplant. Jedoch weicht Webvan mit dem jüngsten Schritt weiter von seiner einstigen Zielvorgabe ab, USA-weit mindestens 20 Filialen zu unterhalten. "Das Unternehmen zieht derzeit seine Hörner soweit ein, wie es nur geht", kommentierte Mark Rowen, Analyst bei Prudential Securities, die Aufgabe der Dallas-Dependance.

Die Kunden sind noch nicht so weit

Nach der Verordnung eines rigiden Sparkurses hofft Webvan, bis zur zweiten Jahreshälfte 2002 einen positiven Cash-Flow vorweisen zu können. Das Valley-Unternehmen hat allerdings bereits angekündigt, eine erneute Finanzspritze von 40 bis 60 Millionen US-Dollar zu benötigen, um diese Vorgabe zu erreichen - beim derzeitigen Klima der New Economy mit Sicherheit kein einfaches Unterfangen. Seit November werden Webvan-Aktien unter einem US-Dollar gehandelt. Die Nasdaq hatte jüngst bereits mit einem Delisting gedroht.

Die Probleme bei Webvan resultieren insbesondere aus der bislang recht enttäuschenden Nachfrage nach Online-Supermärkten: Nur wenige Amerikaner interessieren sich dafür, Milch, Brot, Käse oder Windeln online zu bestellen und via Webvan nach Hause geliefert zu bekommen. "Die müssen die Kunden völlig umerziehen", erklärte unlängst Shawn Milne, Analyst bei E-Offering, "und das kann dauern."

Gute Noten von Verbraucherorganisationen

Dabei ist der Service perfekt durchorganisiert - und von Verbraucherorganisationen bislang nur mit guten Noten bedacht worden. Die Kunden bestellen per Mausklick, der Internet-Markt liefert die Ware innerhalb eines Zeitfensters von 30 Minuten im eigenen, beigefarbenen Webvan-Truck direkt ins Haus. 15.000 Produkte stehen zur Auswahl. Ab 50 Dollar Bestellmenge liefert der Lebensmitteldienst sogar frei Haus.

Um die Kundschaft aus einer Hand bedienen zu können, hat das Unternehmen seine gesamte Infrastruktur selbst aufbauen und damit immense Anlaufinvestitionen tätigen müssen. 35 Millionen Dollar kostete etwa allein das Webvan-Distributionszentrum. Einer Cash-Burn-Liste des Bankhauses Goldman Sachs zufolge erwirtschaftete der Internet-Pionier im dritten Quartal 2000 bei Ausgaben von mehr als 120 Millionen Dollar nur einen Umsatz von 83,3 Millionen Dollar. Experten zufolge hatte das kalifornische Start-up Ende vergangenen Jahres einen monatlichen Kapitalverzehr von fast 50 Millionen Dollar.

Jochen A. Siegle, San Francisco

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