5 Tipps für Führungskräfte Wie Konzernlenker zu Gewinnern der Digitalisierung werden

Von Andreas Föller und Stephanie Schorp
Digitale Revolution: Die Weiterentwicklung vom reinen Telefon zum Multifunktionsgerät hat den Onlinemarkt umgekrempelt

Digitale Revolution: Die Weiterentwicklung vom reinen Telefon zum Multifunktionsgerät hat den Onlinemarkt umgekrempelt

Foto: imago

Kein Wirtschaftsthema wird so leidenschaftlich und inflationär diskutiert wie die Digitalisierung und ihre zerstörerischen Folgen für Unternehmen, die Disruption. Ein Modethema, in die Welt gesetzt von auftragshungrigen Beratern? Mitnichten. Die Digitalisierung ist ein Paradigmenwechsel; sie verändert Konzerne und Individuen unwiderruflich und nachhaltig.

Andreas Föller und Stephanie Schorp

Andreas Föller und Stephanie Schorp sind Gründungsgesellschafter bzw. Partner der Personalberatung Comites in München und beraten zahlreiche Großkonzerne bei der Besetzung von Führungspositionen.

Was die Digitalisierung zur unaufhaltsamen Lawine werden lässt, ist ihre technologische Basis. Anders die Disruption: Sie hängt nicht vom technologischen Fortschritt ab. Sondern davon, dass die Unternehmen aus dem Zeitenwandel die richtigen Schlüsse für ihre Führungskultur ziehen. Tun sie das nicht, laufen sie Gefahr, überflüssig, also "disrupted" zu werden, sobald sich ein Aggregator zwischen sie und ihre Kunden schiebt.

Anders ausgedrückt: Gewinnen wird, wer die beste Führung hat, nicht die beste Technologie. It's the leadership, stupid!

Fünf Beobachtungen aus der Praxis stützen diese These:

1. Neue Perspektiven zulassen!

Top-Manager müssen lernen, die Welt mit anderen Augen zu sehen - und zwar der Welt der Nutzer. Denn es ist das Verhalten der Anwender, aus dem Innovation entspringt, nicht so sehr aus technischem Fortschritt. Ein Beispiel? Das Mobiltelefon. Dessen technologisch allenfalls inkrementelle Weiterentwicklung vom reinen Telefon zum Multifunktionsgerät hat gewaltige Folgen: Was früher Kamera, CD oder Navigationssystem geleistet haben, übernimmt heute das Smartphone. Der Onlinemarkt ist völlig umgekrempelt.

Führungskräfte müssen darauf reagieren. Vielen fällt das schwer. Die meisten Topmanager verfügen über eine ausgeprägte Ich-Stärke. Um dauerhaft erfolgreich zu sein, ist aber viel wichtiger, dass sie Mitarbeiter in ihrer Organisation finden und fördern, die eine völlig andere Perspektive haben. Diesen Perspektivwechsel zuzulassen und die Kollegen zu bestärken, wird zur Kernkompetenz herausragender Führungskräfte.

2. Know-how nutzen!

Fotostrecke

Die erfolgreichsten Tech-Investoren: Die Goldmacher des Silicon Valley

Foto: AP

Konzerne sitzen auf einem unfassbar großen Schatz an Wissen - und verschlafen doch oft genug den Fortschritt. Kein Wunder: Manager müssen permanent Ad-hoc-Entscheidungen treffen, sind Zwängen ausgesetzt, haben den Kopf nicht frei.

Um trotzdem an der digitalen Revolution teilzuhaben, reicht es nicht, eine Handvoll Mitarbeiter ins Silicon Valley zu entsenden. Wollen Unternehmen nicht "disrupted" werden, müssen sie ihre Kultur und Organisationsstruktur überdenken und neue Arbeitsformen finden. Forschergeist und Heterogenität fördern. Innovationsteams integrieren - räumlich, organisatorisch, finanziell, strukturell. Auf smarte Art Freiräume sichern und Integration ins laufende Geschäft gewährleisten. Denn Innovation entsteht durch Prozesse interdisziplinärer Teams, nicht durch Allmachtsfantasien einiger weniger.

3. Dezentral entscheiden!

Innovation war zu jeder Zeit möglich, schließlich waren die Menschen früher nicht dümmer. Und doch ist heute eines grundlegend anders: die zeitlich wie räumlich unbegrenzte Informationsbeschaffung.

Kunden und Mitarbeiter erwarten umgehend Antworten auf Fragen und Reaktionen auf Bedürfnisse. Streng hierarchische Systeme werden diesen Geschwindigkeitsanspruch niemals befriedigen können. Wer sein Unternehmen auf die digitale Zukunft hin ausrichtet, muss akzeptieren, dass Entscheidungen dezentral und unmittelbar getroffen werden - und damit zwangsläufig auf sehr viel niedrigeren Hierarchieebenen als heute.

4. Branchengrenzen überwinden!

Fast alle unsere Kunden fürchten sich vor Google . Was aber heißt das für die Rekrutierung neuer Talente, um auf den Angriff von außen zu reagieren? Hier gibt es, aus Beratersicht, die größten Defizite. Noch immer herrscht das Ähnlichkeitsprinzip. Gesucht werden Mitarbeiter aus der gleichen Branche, möglichst sogar in gleicher Funktion. Wir glauben: Das ist falsch.

Fotostrecke

Microsoft, Google und FB auf Einkaufstour: Die größten Übernahmen in der Tech-Branche

Foto: Jens Büttner/ dpa

Die Digitalisierung zwingt die Unternehmen geradezu, Branchenfremde anzulocken, um frische Impulse zu kriegen. Google macht das vorbildlich. Daraus sollten Personalmanager rasch Konsequenzen ziehen bei der Suche und Platzierung von Kandidaten. Denn anderenfalls ist es zu spät - und die befürchtete Disruption Realität.

5. Mitarbeiter pflegen!

Viele traditionelle Unternehmen stecken bei der Personalpolitik im Zangengriff. Einerseits gibt es vielfach zu wenig qualifiziertes Personal. Andererseits werden Start-ups immer attraktiver - trotz oftmals hoher Belastung und niedrigen Gehalts. Ein Paradox? Wir glauben: nein.

Wer als Führungskraft authentisch und nahbar ist, Erfolge wertschätzt, Arbeit zum Gemeinschaftserlebnis macht und mutig gegen Trägheit und Klüngelei angeht, wird es schaffen, Mitarbeiter für sich zu begeistern.

Wir glauben, dass der Siegeszug der Digitalisierung nicht bedeutet, dass Wertschöpfung zwangsläufig ins Silicon Valley wandert. Im Gegenteil. Wir glauben: Europas Konzerne haben alle Chancen, zu Digitalisierungsgewinnern zu werden. Aber nur, wenn sie die richtigen Schlüsse ziehen und ihre Führungs- und Unternehmenskultur rasch anpassen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.