Amazon Wird in die Mangel genommen

Die Arbeiter der Amazon-Welt vereinigen sich. Erstmals üben gewerkschaftliche Kräfte aus Deutschland, Frankreich und den USA gemeinsam Druck auf ein globales Unternehmen aus, um gegen Niedriglöhne zu protestieren.

Seattle/Bad Hersfeld - Amerikanische Gewerkschafter organisieren erstmals eine international koordinierte Kampagne, um für gerechtere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen beim Online-Unternehmen Amazon.com zu kämpfen. Gewerkschafter aus Deutschland und Frankreich haben sich diesen Anstrengungen angeschlossen, um den Druck auf Amazon zu erhöhen.

Der Vorstandsvorsitzende Jeff Bezos hält nichts von solchen Bemühungen: "Alle sind an diesem Unternehmen beteiligt. Wir brauchen keine Gewerkschaften bei Amazon." Die Gewerkschaften sehen das anders und organisieren den bislang umfangreichsten Vorstoß, um Mitarbeiter eines Internetunternehmens für eine Mitgliedschaft zu gewinnen.

Deutsche unterstützen amerikanische Kollegen

In Deutschland sind Mitarbeiter des Projekts Logistik, einer gemeinsamen Initiative der HBV, DPG, DAG und ÖTV, zurzeit hauptsächlich darauf konzentriert, die Kollegen in den USA in ihrem Kampf zu unterstützen. Hans Ries, Leiter des Projekts, ist hoffnungsvoll, dass diese einzigartige Initiative der Gewerkschaften wirkungsvoll ist: "Es ist gut, wenn ein globales Unternehmen dem Druck von mehreren Seiten ausgesetzt ist."

Hier zu Lande hatten sich schon im Frühjahr die ersten Amazon-Angestellten den Gewerkschaften angeschlossen und im Juli einen Betriebsrat gegründet. Ob sich die Mitarbeiter in Bad Hersfeld für eine Auseinandersetzung um tariflich geregelte Löhne im eigenen Haus organisieren lassen, ist derzeit allerdings noch offen. Ries sieht aber eine gute Chance, weil die Arbeiter auch in Deutschland unter Tarif abgefertigt würden.

Wall Street schaut mit Adleraugen auf Amazon

In Frankreich unterstützt die Gewerkschaftsgruppe SUD den Kampf der Amerikaner. Letzte Woche standen Vertreter der Organisation vor den Toren des Unternehmens Amazon.fr, um Flyer zu verteilen und Gespräche mit den Arbeitern vor zu Ort führen. Neben der Zurschaustellung von Solidarität für die Amerikaner wurden auch Vorschläge über eine eigene Gewerkschaft in Frankreich diskutiert.

Der Versuch, Gewerkschaftsmitglieder bei Amazon zu gewinnen, ist geschickt zur Weihnachtszeit geplant. In der Hoch-Zeit für Einzelhändler schaut die Wall Street mit Adleraugen zu, was das Unternehmen macht und wie viel es umsetzt. Der Druck auf die Geschäftsführung, den Umsatz zu steigern, ist enorm: Seit 1997 hat der Betrieb einen Verlust von 1,74 Milliarden Dollar verzeichnet. Die Amazon-Aktie hat in den letzten zwölf Monaten 70 Prozent ihres Wertes verloren.

Weihnachten günstiger Zeitpunkt für Gewerkschaften

Für die Gewerkschaften ist dies ein guter Zeitpunkt, um endlich Fuß zu fassen in der neuen Welt. Die Gewerkschaft "United Food and Commercial Workers Union" versucht die 5000 Beschäftigten in acht Amazon-Logistikzentren anzuwerben.

Die Gewerkschaft "Communications Workers of America" bemüht sich derweil um rund 400 Beschäftigte im Kundenservice in Seattle. Aus dem Kreis der Organisatoren ist zu hören, dass sich das Werben gerade um die Mitarbeiter von Amazon weniger aus einer besonderen Not, sondern vielmehr durch den Vorzeigestatus des Unternehmens als größter Online-Einzelhändler ergibt.

Trotzdem sind die Gewerkschafter überzeugt, die Mitarbeiter von ihrer Idee gerade jetzt überzeugen zu können. Auch dass vorherige Bemühungen in den USA., die Amazon-Arbeiter gewerkschaftlich zu organisieren, scheiterten, kann die derzeitige Stimmung in den Organisationen nicht trüben.

1998 missriet ein Versuch, auch weil Arbeitnehmer über ihre Aktienpakete hohe Gewinne verzeichneten und keine Ausbeutung befürchteten. Das sieht jetzt anders aus. Und wo bislang über schnelle Beförderungen diskutiert wurde, wird jetzt eher die Kündigung befürchtet. Seit Jahresbeginn mussten 150 Amazon-Beschäftigte ihren Arbeitsplatz räumen.