Deutsche Industrie verschläft 3-D-Druck Autos und Häuser - ausdrucken nicht vergessen

Von Anke Domscheit-Berg
Von Anke Domscheit-Berg
Fahrzeug aus dem 3-D-Drucker: Auch die Hochschule Hildesheim testet die neue Technologie

Fahrzeug aus dem 3-D-Drucker: Auch die Hochschule Hildesheim testet die neue Technologie

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3D-Druck: Was so alles aus dem Drucker kommt...

Foto: bentleymotors.com

Die nächste Industrielle Revolution ist längst im Anmarsch, aber in Deutschland scheint kaum jemand zu bemerken, dass mit dem 3D-Druck ihr Siegeszug gerade ein paar Gänge hochgeschaltet hat. "3D-Druck? Nutzen wir schon in der R&D Abteilung für die Erstellung von Prototypen" - das ist oft noch die beste Antwort, die man heute von Managern auch großer Unternehmen zu hören bekommt. Dabei gibt es praktisch keine Industrie, die nicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren von dieser Technologie, die das Label "revolutionär" durchaus verdient, umgekrempelt werden wird. Die schnelle und preiswerte Erstellung von Prototypen ist zwar ein wichtiger, aber doch nur ein sehr kleiner Teil dessen, was da auf uns zukommen wird.

Als Additive Manufacturing bezeichnet man spezifischer den Herstellungsprozess des 3D-Druckens, der auf ganz unterschiedlichen Technologien basieren kann. Die zunehmende Verfügbarkeit preiswerter Technik in Kombination mit immer besser werdender Designsoftware und innovativen, druckfähigen Materialien werden unsere Märkte umkrempeln und ich frage mich langsam, wann das die Mehrheit unserer Manager begreift.

Die bisherigen Drucktechnologieriesen, die Hewlett-Packards, Epsons und Canons dieser Welt - im 3D-Druck Geschäft fehlen sie weitgehend. HP hat seinen ersten 3D-Drucker inzwischen für 2016 angekündigt . Epson will sich dafür noch ein paar Jahre mehr Zeit nehmen . Canon wird gar keine eigenen 3D-Drucker  entwickeln. Sie haben als erste verschlafen, dass hier ein ganz neuer, aber gigantisch wachsender Markt entsteht. Analysten des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens IDC International sagen 3D-Druckern, Zubehör und 3D-Druck-Dienstleistungen ein langfristiges jährliches Wachstum von 29 Prozent voraus. Morgan Stanley schätzt sogar 34 Prozent jährliches Wachstum  und mehr als 20 Milliarden Dollar Umsatz bis 2020. Die neuen Marktführer heißen Stratasys, 3D-Systems oder Ultimaker.

Anke Domscheit-Berg
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Anke Domscheit-Berg ist Publizistin, Netzaktivistin und Bundestagsabgeordnete. Sie beschäftigt sich mit den disruptiven Potenzialen der beginnenden Dritten Industriellen Revolution. Die ehemalige Managerin von Microsoft Deutschland, McKinsey und Accenture setzt sich für Frauenrechte und Flüchtlinge ein und ist seit 2012 Mitglied einer Denkfabrik der Welthungerhilfe. Als parteilose Abgeordnete wurde sie 2017 auf der Liste der Linkspartei in den Deutschen Bundestag gewählt.

Die größten 3D-Drucker sind bisher in China im Einsatz, wo nicht nur Autos sondern auch 5-stöckige Häuser und 1000 Quadratmeter große Villen inklusive Dekor gedruckt werden. Die Baubranche eignet sich gut als illustrierendes Beispiel: Architekten nutzen hierzulande 3D-Drucker, um ihren Kunden schneller ein vorstellbares Modell auf den Tisch zu stellen. Aber ein gedrucktes Haus kann man bei uns lange suchen.

In China mausert sich derweil das Unternehmen WinSun zum Weltmarktführer, trotz des Gerüchts, die verwendete Technologie sei andernorts erfunden worden. WinSun druckte schon vor einem Jahr zehn stabile Häuser in 24 Stunden , jedes kostete unter 5.000 Dollar, das verwendete Material war recyclter Abfall. Allerdings kommen obendrein diese Häuser mit 60 Prozent weniger Baumaterial aus, Bauabfälle reduzieren sich ebenfalls um bis zu 60 Prozent, der Personalaufwand ist sogar bis zu 80 Prozent niedriger als bei konventioneller Bauweise. Die ägyptische Regierung  hat schon 20.000 Stück dieser preisweiten Exemplare bestellt, die nebenbei noch Ressourcen schonen .

In zwölf Stunden ein Auto drucken - ganz nach Wunsch

Bezahlbare menschenwürdige Behausungen sind aber nicht nur in Ägypten Mangelware. Inzwischen können 3D-Drucker schon aus massenhaft natürlich vorkommenden Materialien wie Sand stabile Gebäude fabrizieren. Das ist nicht nur relevant für eine Besiedlung des Mars, worauf die NASA ihren Forschungsschwerpunkt legt, denn Baumaterial dorthin transportieren, wäre prohibitiv teuer.

Stellen wir uns vor: Slums könnten verschwinden, Kriegsflüchtlinge erhielten menschenwürdige und winterfeste Unterkünfte, der städtische soziale Wohnungsbau könnte wieder Wohnungen bereitstellen, die bezahlbar und vor allem ausreichend vorhanden sind. Niemand müsste sich mehr für ein Eigenheim hoch verschulden, oder in Containern und unter Wellblechdächern wohnen. WinSun plant in wenigen Jahren 3D-Druck Fabriken in mehr als 20 Ländern , auch in Europa. So wird in absehbarer Zeit selbst der Immobilienmarkt hierzulande aufgemischt - aber ein einheimischer Wettbewerber ist weit und breit nicht in Sicht im "Land der Ideen".

Nach einer Prognose von Siemens  werden die Herstellungspreise im 3D-Druck in den kommenden fünf Jahren mindestens um die Hälfte fallen, die Druckgeschwindigkeit um 400 Prozent ansteigen. Diese Technologie ist aber noch sehr jung, sie steht erst ganz am Anfang ihrer Effizienzspirale. Was heute noch den Anschein erweckt, als sei es nur etwas für die Entwicklungsabteilungen, ist morgen schon ein profitabler Weg für die Massenproduktion. Der zusätzliche Charme: Komplexität und Individualität kosten (fast) nichts extra. Kein umständliches Umrüsten von Maschinen ist nötig, wenn ein Kunde ein Detail anders haben möchte, dazu reichen ein paar Klicks am Bildschirm. Die verrücktesten Konstruktionen sind im 3D-Druck herstellbar, oft sogar nur im 3D-Druck.

Irgendwann ist der Zug abgefahren

Das erste fahrbare Auto, das von Local Motors gedruckt worden war, fuhr im September 2014 durch Detroit, es bestand aus nur 49 Teilen - ein konventionelles Auto benötigt 5000-6000 Teile, die aufwändig zusammengefügt werden müssen. Viele dieser Arbeitsprozesse fallen einfach weg, weil man beim Drucken die Teile bereits zusammenhängend herstellen kann. Local Motors plant Microfabriken zur vor Ort Herstellung individualisierbarer Fahrzeuge  - auch in Europa, selbst in Berlin. Künftig werden dort Autos in zwölf Stunden gedruckt, ganz nach Wunsch und alte Autos können zum Recycling zurückgebracht werden - dafür gibt es eine satte Gutschrift beim Neukauf.

Auch China steht schon in den Startlöchern für den Massenmarkt gedruckter Autos  - unter 2000 Dollar betragen die Kosten für die leichtgewichtigen Elektro-Autos der Firma Sanya Sihai, die im März diesen Jahres vorgestellt wurden. Auch dafür können Microenterprises in kürzester Zeit überall auf der Welt entstehen. Große Marken wie Volvo verwenden immerhin 3D-gedruckte Werkzeuge und senken damit massiv Herstellungskosten , im Bentley EXP 10 Speed 6 sind sogar gedruckte Bauteile  verbaut, u.a. ein Kühlergrill, der durch optische Effekte besticht. Ist unsere Autoindustrie auf diese neue Konkurrenz vorbereitet? Ich habe da meine Zweifel.

Soviel ist sicher, keine Branche bleibt verschont von dieser Revolution, egal ob Pharma oder Medizintechnik, Kunst, Maschinenbau, Konsumgüterproduktion oder Mode. Wer immer noch glaubt, 3D-Druck sei nur etwas für Entwickler (oder noch schlimmer - für Kriminelle, die sich heimlich eine Waffe aus dem Drucker ziehen), sollte sich intensiver mit dieser Technologie befassen. Die Zukunft jedes Unternehmens könnte eines vielleicht nicht einmal fernen Tages davon abhängen, ob sich nicht nur F&E Fachkräfte sondern auch Strategieabteilungen und das Top-Management mit den disruptiven und kreativen Potenzialen des 3D-Drucks auseinandersetzen. Viele Informationen finden sich längst im Internet, nur ein paar Suchklicks weit entfernt.

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3D-Druck: Was so alles aus dem Drucker kommt...

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3D-Druck Messen und Kongresse sind nicht exotisch, sondern relevant und eine Teilnahme gut investierte Zeit. Größere Unternehmen sollten spezifisches Expertenknowhow entwickeln oder einkaufen, 3D-Druck Taskforces temporär oder dauerhaft einrichten, in denen Chancen und Bedrohungen dieser Technologien für das eigene Unternehmen analysiert und Input für strategische Entscheidungen entwickelt werden kann. Alles das sollte bald passieren, denn irgendwann ist der Zug schlicht abgefahren.

Anke Domscheit-Berg ist Unternehmerin, Publizistin und Netzaktivistin. Sie ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de.

Mehr zum Thema finden Sie auch in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Manager .

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