Mittwoch, 26. April 2017

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Ungleich heißt nicht ungerecht Warum der Staat sich bei Vorstandsgehältern raushalten sollte

Christine Hohmann-Dennhardt: Nach rund einem Jahr im VW-Vorstand erhält die Vorstandsfrau, die für Recht und Integrität zuständig war, rund 12 Millionen Euro Abfindung

Sind Jahresgehälter für Topmanager von 15 Millionen Euro oder mehr völlig überzogen? Selbstverständlich. Ist es geradezu obszön, wenn das Gehalt eines Dax-Vorstandes das 150-fache des Durchschnittsgehalts seiner Mitarbeiter ausmacht? Auch das sehen wir so.

Ist es dann nicht nachvollziehbar, dass nach dem Staat gerufen wird, um diesen Auswüchsen per Gesetz Einhalt zu gebieten, wie es DGB-Chef Reiner Hoffmann in seinem Beitrag für manager-magazin.de gefordert hat? Mit ebenso großer Überzeugung lautet hier die Antwort: nein.

Ulrich Goldschmidt
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    Gerhard Blank
    Ulrich Goldschmidt ist Vorstands-vorsitzender des Berufsverbandes "Die Führungskräfte" (DFK) in Essen. Der Jurist ist Spezialist für Führungsfragen, Vergütung und Corporate Governance. Außerdem ist er Ansprechpartner für die Sprecherausschüsse der Leitenden Angestellten sowie Berater und Coach für Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder.

Moment, werden nun die Anhänger der Gesetzeslösung rufen. Gehälter in dieser Höhe hat niemand verdient, sie sind unmoralisch, unfair und ungerecht. Wer anders als der Gesetzgeber könnte hier regulierend und gerechtigkeitsschaffend eingreifen? Nun, ganz so schlicht ist die Argumentationskette leider nicht herzustellen.

Wer sagt, was unmoralisch ist?

Auch ich bin der festen Überzeugung, dass kein Manager dieser Welt ein Gehalt von 10 oder 15 Millionen Euro verdient hat. Niemand aus dieser Einkommenskategorie würde schlechter arbeiten, wenn man ihm zum Beispiel nur die Hälfte zahlen würde. Aber ab welchem Betrag die Unmoral beginnt, kann niemand verbindlich beantworten. In der Menschheitsgeschichte hat es noch nie funktioniert, Moral per Gesetz zu verordnen. Und so bleibt nicht mehr als das diffuse Gefühl, dass diese extrem hohen Topmanager-Gehälter im Vergleich aller Löhne und Gehälter nicht fair sein könnten.

Unterstellte Unfairness erklärt den schnellen Ruf nach einem Schiedsrichter, nach dem Staat, dem Gesetzgeber. Der ist aber denkbar ungeeignet, dieses Problem zu lösen. Das sieht man schon in den Fällen, in denen der Staat als Unternehmer agiert. Erstaunlicherweise findet man gerade in diesen Konzernen die größten Gehaltsexzesse. Woher soll da das Zutrauen kommen, dass ausgerechnet dieser Staat in der Lage wäre, solche Entwicklungen sachgerecht einzudämmen?

Eine Ungerechtigkeit durch die nächste ersetzen

Greifen wir einmal die Idee aus den Reihen der SPD auf und gehen das Ganze mit einem steuerrechtlichen Ansatz an. Danach sollen Unternehmen Managergehälter nur noch bis zu einer bestimmten Höhe, im Gespräch ist 1 Million Euro, als Betriebsausgaben steuerlich geltend machen können. Damit hofft man, die Unternehmen so zu disziplinieren, dass höhere Gehälter die große Ausnahme werden. Einmal abgesehen davon, dass ein steuerrechtlicher Lösungsansatz nicht nur grob systemwidrig sondern auch ein Missbrauch des Steuerrechts für sachwidrige Zwecke wäre, würde man auch den Gesetzgeber mit diesem Auftrag schlichtweg überfordern. Er müsste nämlich eine passende Regelung mit einer zutreffenden Gehaltsobergrenze für Unternehmen und Konzerne jeglicher Größe, gleich aus welcher Branche und unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Verfassung schaffen.

Ist der Maßstab dann der global erfolgreiche Weltmarktführer oder das am Rande der Insolvenz entlang krebsende Unternehmen? Wer glaubt, eine bestehende Ungerechtigkeit so aus der Welt zu schaffen, ersetzt nur eine Ungerechtigkeit durch eine andere. Der Gesetzgeber könnte gar nicht anders, als willkürlich in die Vertragsfreiheit einzugreifen. Im Fußball ist sehr genau geregelt, was eine Abseitsposition ist. "Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift", gilt nur am Stammtisch: Von vornherein auf Willkür angelegte Schiedsrichterentscheidungen würden von niemandem akzeptiert. Auch im Wirtschafts- und Rechtsleben sollten wir das nicht tun.

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