Montag, 21. August 2017

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Ungleich heißt nicht ungerecht Warum der Staat sich bei Vorstandsgehältern raushalten sollte

Christine Hohmann-Dennhardt: Nach rund einem Jahr im VW-Vorstand erhält die Vorstandsfrau, die für Recht und Integrität zuständig war, rund 12 Millionen Euro Abfindung

4. Teil: Aufsichtsräte zur Verantwortung ziehen

Der Schlüssel zu dem, was einem "gerechten Lohn" am nächsten kommt, ist also der "vermutete Wertschöpfungsbeitrag", der in Tarifverträgen ebenso zum Ausdruck kommt wie in Gehaltsbändern und der Funktionswertigkeit im außertariflichen Bereich. Ebenso aber auch in den vertraglich vereinbarten Gehältern von Topmanagern.

Dieser vermutete Wertschöpfungsbeitrag muss vom Eigentümer, in Aktiengesellschaften vertreten durch den Aufsichtsrat, definiert und dann in die Vertragsverhandlungen mit dem Vorstandskandidaten eingebracht werden. Ein Aufsichtsrat, der seiner Verantwortung gerecht werden will, wird dabei berücksichtigen, dass der Vorstand die richtige Strategie für das Unternehmen entwickeln und umsetzen soll. Er soll zugleich die Rahmenbedingungen so steuern, dass jeder Mitarbeiter in die Lage versetzt wird, seinen individuellen Wertschöpfungsbeitrag optimal einzubringen.

Kursfestlegung und Steuerung sind also Kernelemente der Vorstandsaufgabe. Damit trägt ein Vorstand eine extrem hohe Verantwortung - für das Unternehmen aber auch für die Mitarbeiter. Eine Verantwortung, die mit einem entsprechenden Vertrags-, Regress- und Reputationsrisiko korrespondiert. Beides wird üblicherweise im Gehalt abgebildet.

Das alles in einem marktgerechten Gehalt für den Vorstand zusammenzuführen, ist Aufgabe des Aufsichtsrates. Und daran muss sich dieser auch messen lassen. Lässt ein Aufsichtsrat Gehälter völlig aus dem Ruder laufen, muss er selbst dafür zur Verantwortung gezogen und im Zweifel abgelöst werden.

Akzeptanz als Korrektiv

Damit sind wir bei einem wesentlichen Korrektiv: der Akzeptanz. Die Akzeptanz innerhalb des Unternehmens ist dabei häufig eher gegeben als extern. Ein Mitarbeiter, dessen Arbeitsplatz durch die Arbeit des Vorstandes gesichert wird und der vielleicht sogar mit einem Bonus zusätzlich profitiert, wird auch gegen extrem hohe Vorstandsgehälter in den seltensten Fällen etwas einzuwenden haben. Eine gute Kontrollfrage ist immer, ob man selbst den Vorstandsjob übernehmen möchte. Die meisten würden sich auch durch die Aussicht auf ein hohes Gehalt nicht zu einem "Ja" verleiten lassen.

Schwieriger ist es mit der externen Akzeptanz, da die Gesellschaft inzwischen für die Thematik exorbitanter Managergehälter hinreichend sensibilisiert ist. Da niemand in Deutschland mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen wird, Aktien zu erwerben, hat es jeder selbst in der Hand, auf Aktien von Unternehmen zu verzichten, deren Vorstandsgehälter er nicht akzeptiert. Damit tritt eine Selbstbereinigung des Marktes durch Akzeptanz ein, die der Staat per Gesetz niemals erreichen könnte.

Wie ehrlich ist die Empörung?

Die Festlegung und Verhandlung von Vorstandsgehältern muss daher in der Hand der Aufsichtsräte bleiben und kann nicht gesetzlich geregelt werden. Kritisch zu überprüfen ist im Einzelfall, ob der Aufsichtsrat seiner Verantwortung gerecht wird. Das wiederum ist Aufgabe der Eigentümer und nur dann staatliche Aufgabe, wenn der Staat selbst der Eigentümer ist. Dann kann er zeigen, ob er in der Lage ist, mit diesem Thema angemessen umzugehen.

Jeder sollte sich fragen, wie ehrlich seine eigene Empörung bei diesem Thema ist. Zur Selbstüberprüfung sollte man die Frage beantworten, ob man selbst ein Gehalt von 15 Millionen Euro annehmen oder höflichst um Gehaltsreduzierung bitten würde.


Ulrich Goldschmidt ist Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes "Die Führungskräfte" (DFK) und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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