Dienstag, 23. Oktober 2018

Urteil im Anlageskandal 8,5 Jahre für Ex-Wölbern-Chef - Gericht rechnet Schulte auch sein Lebenswerk an

Schuldig gesprochen: Schulte (2.v.l, mit Anwälten Wolf Römmig (l.), Arne Timmermann und Thomas Hauswaldt)

Es ist exakt 9.30 Uhr am Montagmorgen, als Heinrich Maria Schulte begleitet von zwei Justizbeamten durch einen Nebeneingang in den Saal Nummer 337 des Landgerichts Hamburg geführt wird. Der 61jährige trägt wie stets im Laufe dieses Prozesses einen dunkelgrauen Anzug, dazu ein blaues Hemd und eine rote Krawatte. Um die Schultern hat er sich einen cremefarbenen Pullover gelegt.

Beinahe zeitgleich erscheinen die drei Anwälte Schultes. Die Zuschauerränge sowie die Presseplätze im Saal sind kurz darauf ebenfalls gut gefüllt.

Dann öffnet sich die Tür zum Richterzimmer. Die Kammer erscheint, die Anwesenden erheben sich.

Ohne Vorrede verkündet der vorsitzende Richter Peter Rühle das Urteil: Im Namen des Volkes wird der Angeklagte Heinrich Maria Schulte zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Keine sichtbare Reaktion bei Schulte. Alle setzen sich, der Richter verliest die Urteilsbegründung.

Es ist ein maßvolles Urteil, das räumt nach der Verhandlung im Gang des Gerichtsgebäudes auch Schultes Anwalt Wolf Römmig ein. Immerhin hatte der Staatsanwalt eine Haftdauer von zwölf Jahren beantragt. Schultes Verteidiger hatten zwar einen Freispruch gefordert, aber nicht ernsthaft damit gerechnet. Jetzt kündigt Römmig an, was vor einigen Tagen bereits Schultes Verteidiger Arne Timmermann gegenüber dem manager magazin in Aussicht gestellt hatte: Die Schulte-Seite werde in die Revision vor dem Bundesgerichtshof gehen. Zudem kündigte die Staatsanwaltschaft ebenfalls an, eine Revision prüfen zu wollen, weil das Urteil deutlich unter der Forderung der Behörde liegt.

Solange ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. Schulte, auch das ordnet Richter Rühle heute an, muss in Haft bleiben, wegen Fluchtgefahr. Der Medizinprofessor und frühere Chef von Wölbern Invest befindet sich bereits seit etwa 19 Monaten in Untersuchungshaft. Kaum ein anderer Häftling in der Untersuchungshaftanstalt direkt neben dem Gerichtsgebäude dürfte gegenwärtig einen längeren Aufenthalt dort vorweisen.

Fall Schulte größer als Hoeneß oder Middelhoff

Mit dem Urteil endet vorläufig einer der größten Wirtschaftsstrafprozesse hierzulande seit langem. Eine längere Haftstrafe für einen Wirtschaftskriminellen ist kaum bekannt. Insgesamt haben die Untreuevorwürfe gegen Schulte ein Volumen von gut 147 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im prominenten Verfahren gegen Uli Hoeneß ging es vor etwa einem Jahr um Steuerhinterziehung in Höhe von etwa 28,5 Millionen Euro. Bei Ex-Topmanager Thomas Middelhoff standen Ende 2014 Untreuevorwürfe im Volumen von nicht einmal einer Million Euro im Raum.

In seiner Urteilsbegründung folgt Richter Rühle weitgehend der Staatsanwaltschaft. Strafmildernd sei allerdings das Lebenswerk Schultes als Medizinprofessor und Unternehmensgründer berücksichtigt worden sowie die bereits vergleichsweise lange und belastende Zeit in der Untersuchungshaft.

Schulte habe von 2011 bis 2013 etwas mehr als 147 Millionen Euro aus 31 geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest entnommen und zweckwidrig verwendet, so der Richter. Abzüglich Rückzahlungen von rund 31 Millionen blieben offene Posten von rund 115 Millionen Euro. Rund 50 Millionen Euro davon seien in den privaten Bereich Schultes geflossen.

Dabei habe er von Anfang an mit Vorsatz gehandelt, so der Richter. Gezielt habe er sich an die entscheidenden Positionen im Hause Wölbern sowie in den Fonds gesetzt. Die Verträge, die den Zahlungen zugrunde lagen, hätten lediglich der Verschleierung gedient. Das Geld sei nicht so verwendet worden, wie in diesen Verträgen vorgesehen.

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Der Fall Schulte im Schnellcheck
Der Angeklagte
Heinrich Maria Schulte (61) ist von Haus aus Arzt mit dem Spezialgebiet Hormon- und Stoffwechselerkrankungen sowie Professor der Medizin. Er war seit den neunziger Jahren am Aufbau des Hamburger Medizinunternehmens Medivision beteiligt (auch bekannt unter dem Namen "Endokrinologikum"), das mit etwa 1000 Mitarbeitern und 180 Ärzten bundesweit ein Netzwerk medizinischer Einrichtungen für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen betreibt. Zudem hat Schulte erfolgreich im Bereich Biotech investiert. Gemeinsam mit anderen baute er beispielsweise die Biotechfirma Evotec auf, die heute im TecDax notiert ist.

2006 kaufte Schulte das auf Immobilienfonds spezialisierte Bankhaus Wölbern, von dem er 2007 den Emissionshausbereich Wölbern Invest abspaltete.
Der Vorwurf
Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat Schulte, den ehemaligen Chef des Emissionshauses Wölbern Invest, wegen des Vorwurfs der gewerbsmäßigen Untreue angeklagt. In insgesamt 327 Einzelfällen soll Schulte zwischen August 2011 und September 2013 insgesamt rund 147 Millionen Euro aus geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest zweckentfremdet haben. Den Vorwurf hat er bereits am zweiten Verhandlungstag des Prozesses in einem generellen Statement zurückgewiesen.
Das Geld
Laut Anklage hat Schulte die insgesamt rund 147 Millionen Euro nach und nach von Konten der Fondgesellschaften auf zwei Konten der Wölbern Invest B.V. in den Niederlanden transferiert. Von dort sollen unter anderem 84,6 Millionen Euro auf ein Konto der Wölbern Group KG, 18,2 Millionen Euro auf ein Konto der Wölbern Invest KG sowie weitere 750.000 Euro auf ein Privatkonto Schultes geleitet worden sein.

Von dem Konto der Wölbern Group KG schließlich sollen laut Staatsanwaltschaft unter anderem 40 Millionen Euro ebenfalls auf ein Privatkonto des Fondshauschefs geflossen sein. Darüber hinaus soll Schulte von diesem Wölbern-Group-Konto "privat veranlasste Verfügungen" in Höhe von etwa zehn Millionen Euro vorgenommen haben. Sprich: Nach Ansicht der Staatsanwälte hat der Mediziner wohl in dieser Höhe private Rechnungen mit Fondsgeldern bezahlt.
Die Fonds
Die etwa 147 Millionen Euro, die Schulte zur Last gelegt werden, sollen laut Anklage im Einzelnen aus folgenden Fonds von Wölbern Invest stammen:

Holland 52: 11,9 Millionen Euro
Holland 54: 3,59 Millionen Euro
Holland 55: 2 Millionen Euro
Holland 56: 6,3 Millionen Euro
Holland 57: 3,35 Millionen Euro
Holland 58: 2,2 Millionen Euro
Holland 59: 3,57 Millionen Euro
Holland 61: 3,93 Millionen Euro
Holland 62: 4,15 Millionen Euro
Holland 63: 1,46 Millionen Euro
Holland 64: 4,2 Millionen Euro
Holland 65: 7,35 Millionen Euro
Holland 66: 1,75 Millionen Euro
Holland 67: 2,38 Millionen Euro
Holland 68: 2,99 Millionen Euro
Holland 69: 6,8 Millionen Euro
Holland 70: 2,73 Millionen Euro
Deutschland 01: 6 Millionen Euro
Deutschland 03: 0,85 Millionen Euro
Deutschland 04: 1,07 Millionen Euro
Deutschland 05: 0,74 Millionen Euro
Österreich 01: 6,3 Millionen Euro
Österreich 02: 0,83 Millionen Euro
Österreich 03: 5,2 Millionen Euro
Österreich 04: 11,2 Millionen Euro
Frankreich 01: 7,13 Millionen Euro
Frankreich 03: 0,49 Millionen Euro
Frankreich 04: 20,47 Millionen Euro
England 01: 0,13 Millionen Euro
Polen 01: 10,3 Millionen Euro

Darüber hinaus fehlen nach Informationen von manager magazin online Gelder in den Kassen weiterer Fonds, die in der Anklage der Staatsanwaltschaft nicht aufgeführt sind. Namentlich sind das (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Private Equity Futur 03 Environment: 5,8 Millionen Euro
Private Equity Fonds 01: 4,65 Millionen Euro
Private Equity Fonds 02: 750.000 Euro
Private Equity Fonds 03: 8,9 Millionen Euro
Real Estate Europa 01 Value Portfolio: 6,35 Millionen Euro

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