Donnerstag, 13. Dezember 2018

Disruption der Handelswelt Wie sich der größte Einkaufswagenhersteller der Welt neu erfinden will

Einkaufswagen der Wanzl Metallwarenfarbrik

Wanzl ist einer dieser typisch deutschen Hidden Champions. Die 1947 gegründete Firma mit Sitz im bayrischen Leipheim ist der Weltmarktführer für Einkaufswagen und -körbe. Ob in Handelsfilialen oder Hotels, fast alles was rund um den Globus durch Gänge gefahren oder getragen wird, stammt aus den riesigen Hallen in der Provinz. Jahrelang eilte der Konzern (rund 700 Millionen Euro Umsatz) von Rekord zu Rekord, nun gerät Wanzl in die Disruptionsfalle. Die Handelslandschaft befindet sich in einem dramatischen Wandel - CEO Klaus Meier-Kortwig muss den Konzern neuerfinden. Dabei schreckt das Familienunternehmen nicht einmal vor einem Wettrüsten mit Amazon zurück.

Klaus Meier-Kortwig
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    Wanzl
    Klaus Meier-Kortwig ist CEO der bayrischen Wanzl Metallwarenfarbrik, dem Weltmarktführer für Einkaufswagen und -körbe.

manager-magazin.de: Herr Meier-Kortwig, die Online-Konkurrenz drängt den filialisierten Einzelhandel immer stärker in die Defensive, damit droht auch Ihr Kerngeschäft zu erodieren. Sie fertigen 2,5 Millionen Einkaufswagen im Jahr, doch die Nachfrage sinkt. Macht Ihnen das Angst?

Klaus Meier-Kortwig: Nein, aber es ist eine große Herausforderung, da niemand seriös prognostizieren kann wie die Handelslandschaft der Zukunft aussieht und wie schnell wir uns darauf zubewegen. Wir beschäftigen uns strategisch schon seit Jahren mit den möglichen Veränderungen und haben uns frühzeitig darauf eingestellt. So stehen wir längst nicht mehr nur auf dem Bein "Einkaufswagen", sondern können Retailern komplette Ladenkonzepte aus einer Hand anbieten.

Sie dürfen Ihre Hauptkunden nicht vernachlässigen, müssen aber auch deren größte Herausforderer wie Zalando oder Amazon umgarnen. Wie wollen Sie sicherstellen, auch in Zukunft auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen?

Wir müssen mit dem Onlinehandel wachsen und unseren stationären Kunden helfen, ins digitale Zeitalter zu finden. Dabei geht es nicht um die Frage, ob Online- oder Offline-Anbietern die Zukunft gehören wird, sondern darum, wer die besten Antworten findet. Wir werden schon bald sehr viel mehr Möglichkeiten haben, unseren Einkauf zu erledigen. Es wird vollautomatisierte Filialen geben, Lieferdienste und Abholstationen ebenso wie schicke Märkte, die als Showroom dienen oder mit Cafés und Restaurants zum Verweilen einladen.

Nach monatelanger Testphase expandiert Amazon inzwischen zaghaft mit seinem vollautomatischen Ladenkonzept "Go", im Vorjahr hat der Internetgigant zudem den Lebensmittelhändler Whole Foods gekauft. Entsteht bald ein Monopolist, dem traditionelle Händler vor allem technologisch nichts entgegensetzen können?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Amazon auch in Europa Einzelhändler kaufen wird, ist sehr hoch. Online- und Offlinehandel wachsen zusammen. Wer künftig im Handel erfolgreich sein will, fokussiert sich auf den Kunden, auf dessen Bedürfnisse und bindet ihn über verschiedene Berührungspunkte an sein Unternehmen. Amazon ist technologisch sehr weit, aber bei all dem Bohei um den Konzern wird schnell vergessen, dass auch andere Unternehmen gute Ideen haben. Wir zum Beispiel.

Sie spielen auf Ihren Gegenentwurf an, ein vollautomatisches Ladenkonzept, dass Sie im April für den Schraubenhändler Würth in Vöhringen eröffnet haben?

Ja, aber nicht nur. Wir glauben an neue Shop-Formate und haben dafür verschiedene Konzepte definiert. Dabei steht die Versorgung des ländlichen Raums genauso im Mittelpunkt wie der schnelle Einkauf von Artikeln des täglichen Bedarfes im urbanen Umfeld.

Ist der Markt genauso gut wie die Filialen von Amazon Go?

Die Konzepte sind grundverschieden und daher nicht zu vergleichen. Zumal wir keinen Gegenpart zum Onlinehandel oder zu Amazon Go aufbauen wollen, sondern durch individuell zugeschnittene Konzepte zeigen, dass der stationäre Einzelhandel eine Zukunft hat.

Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Mit der ersten Niederlassung, in dem die Kunden dank Digitalisierung und Innovation von Montag bis Samstag 24 Stunden lang einkaufen können, haben wir ein sehr zukunftsträchtiges Storekonzept realisiert. Nach erfolgreichem Testlauf kann das Format national und international ausgerollt werden, da es technisch einwandfrei funktioniert und wirtschaftlich multiplizierbar ist.

Mit solchen Konzepten kann der Handel nicht nur Personalkosten sparen...

...genau. Das Konzept hat das Zeug, das scheinbar grenzenlose Wachstum des Onlinehandels zu bremsen, da es annährend für "Waffengleichheit" sorgt. Ein vollautomatisierter Laden darf in Deutschland an sechs Tagen die Woche rund um die Uhr geöffnet sein, das haben wir juristisch prüfen lassen. Nur am Sonntag versteht der Gesetzgeber in Bayern keinen Spaß, obwohl kein Mitarbeiter vor Ort ist.

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