Montag, 15. Oktober 2018

Thyssenkrupp verliert auch Chefaufseher Ulrich Lehner Übernehmen Finanzinvestoren bei Thyssenkrupp die Macht?

Thyssenkrupp - Streit eskaliert: Das sind die wichtigsten Akteure
DPA

Nach dem Abgang des Vorstandschefs verlässt auch Chefaufseher Ulrich Lehner Thyssenkrupp. Kommt es zum Showdown mit den Finanzinvestoren Cevian und Elliot? Die IG Metall geht schon mal in Stellung, will sich mit dem größten Einzelaktionär, der Krupp-Stiftung, verbünden.

Nach dem überraschenden Rücktritt von Aufsichtsratschef Ulrich Lehner am Montagabend steht der Mischkonzern Thyssenkrupp am Scheideweg, sagen Aktionärsschützer. Zuvor hatte bereits Vorstandschef Heinrich Hiesinger unter den Druck der Finanzinvestoren Cevian und Elliott hingeworfen.

"Die neue Spitze im Aufsichtsrat muss die Richtung vorgeben. Man muss sich zügig über die Strategie einigen", sagte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer. Der Rückzug von Lehner lasse vermuten, dass es einen tiefen Richtungsstreit gibt. Bleibe Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen ein Industriekonzern mit unterschiedlichen Geschäftsfelder oder wolle man sich von Einzelteilen trennen?

ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Ulrich Lehner (links) hatte Vorstandschef Heinrich Hiesinger (r.) gegen Angriffe von Investoren verteidigt. Nach dessen Rücktritt gibt nun auch Lehner sein Amt auf

"Das sieht nach Hauen und Stechen aus". Lehner habe sich gegen eine Zerschlagung ausgesprochen. "Jetzt ist die Frage, stand er mit dieser Position allein da und ist deshalb zurückgetreten?" Die Krupp-Stiftung sei jetzt als größter Einzelaktionär mehr denn je am Zug. Sie müsse das Heft des Handels in die Hand nehmen und mitbestimmen, wer künftig den Konzern steuere. Die Spitze des Aufsichtsrates müsse zügig neu besetzt werden, um einen "Schwebezustand" zu verhindern.

IG Metall will sich mit der Stiftung verbünden

Die IG Metall kündigte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters bereits an, den Konzern gemeinsam mit der Stiftung zurück in die Spur zu bringen. "In solchen Zeiten ist die Mitbestimmung unverzichtbar für die Stabilität des Unternehmens. Gemeinsam mit der Krupp-Stiftung werden wir genau dafür einstehen", sagte der Gewerkschaftssekretär und Vize-Chef des Aufsichtsrats, Markus Grolms. Auch IG-Metall-Kollege Knut Giesler sagte der "Rheinischen Post", der Rücktritt Lehners sei "schade, weil er für den Kurs stand, den wir unterstützen". Das müsse jetzt der allerletzte Weckruf dafür sein, dass sich alle Beteiligten disziplinieren, so der NRW-Bezirksleiter. Es gehe immerhin um 39.000 Beschäftigte in NRW.

Derweil warnte der Betriebsratschef Wilhelm Segerath vor einem Ausverkauf des Konzerns im Zuge einer Neuausrichtung, der nun auf Druck von Anteilseignern erfolgen könnte. Er sehe die Gefahr, dass der Rest des Konzerns von Finanzinvestoren zerschlagen wird. "Wir schützen den Finanzmarkt, aber wir schützen zu wenig die Industrie und die Realwirtschaft", kritisierte Segerath.

Ex-CEO Hiesinger hatte in der vergangenen Woche zu seinem Rücktritt erklärt, er "gehe diesen Schritt bewusst, um eine grundsätzliche Diskussion im Aufsichtsrat über die Zukunft von Thyssenkrupp zu ermöglichen". Lehner nannte nun das mangelnde Vertrauen der großen Aktionäre als Grund für sein Ausscheiden. Ein gemeinsames Verständnis im Aufsichtsrat über die strategische Ausrichtung sei nicht mehr gegeben gewesen. Druck hatte vor allem der schwedische Finanzinvestor Cevian aufgebaut, dem die Umbaubemühungen nicht weit genug gingen.

Seine Entscheidung solle dazu beitragen, "das notwendige Bewusstsein bei allen Beteiligten zu schaffen, dass eine Zerschlagung des Unternehmens und der damit verbundene Verlust von vielen Arbeitsplätzen keine Option darstellt - weder im Sinne des Stifters noch im Sinne unseres Landes", erklärte Lehner weiter. Der ehemalige Henkel-Chef Lehner ist seit 2008 im Aufsichtsrat des Konzerns und hatte 2013 die Führung des Gremiums übernommen. Er war wie Hiesinger noch bis 2020 bestellt.

Lehner hatte zuvor "Psychoterror" einzelner Großaktionäre kritisiert

Druck hatten vorallem der schwedische Finanzinvestor Cevian und der Hedgefonds Elliot aufgebaut, denen die Umbaubemühungen des Dax-Konzerns nicht weit genug gingen. Noch wenige Tage zuvor hatte mit Lehner einer der prominentesten Aufsichtsräte Deutschlands scharfe Vorwürfe gegen einzelne Investoren des Konzerns erhoben.

"Wir sprechen nicht nur in der Hauptversammlung, sondern in vielen Treffen mit unseren Aktionären. Bedauerlicherweise beschreiten einige aber auch andere Wege, die teilweise schon als Psychoterror bezeichnet werden könnten", hatte Lehner in einem vergangene Woche veröffentlichten Interview gesagt.

Einige aktivistische Investoren seien dafür bekannt, dass jene Manager, die sie loswerden wollten, später in psychiatrische Behandlung gemusst hätten. Eine Zerschlagung des Konzerns mitsamt seiner florierenden Aufzugssparte, wie sie sowohl der Investor Cevian wie auch der Hedgefonds Elliott gefordert hatten, schloss der Thyssenkrupp-Aufsichtsratschef jedoch zu diesem Zeitpunkt noch aus.

Thyssenkrupp-Finanzchef Guido Kerkhoff soll nach dem Rücktritt von Vorstandschef Heinrich Hiesingers übergangsweise die Führung des Mischkonzerns übernehmen. Der Vorstand um Kerkhoff bedauerte Lehners Rücktritt.

rei/dpa/Reuters

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