30.11.2017

Michael Sen startet Healthineers-Börsengang

Dieser Mann wird Siemens' Allzweckwaffe

Von

Siemens

Michael Sen

Mit dem Börsengang der Medizintechniksparte von Siemens hätte es schneller gehen können. Publik waren die Pläne ja schon, und der Börsenboom des Jahres 2017 gilt nun als verpasste Chance für das Unternehmen namens Healthineers. Doch zu der Zeit war Michael Sen ja noch nicht an Bord.

Seit April sitzt der Finanzfachmann im Vorstand - ohne ein klassisches Ressort. Dafür aber mit einer Reihe Spezialaufgaben, die er in seinem ersten halben Jahr mit viel Wirbel angegangen ist.

In der Konzern-IT (Global Services), die von Finanzvorstand Ralf Thomas in Sens Zuständigkeit wechselte, wurde gleich ein weitreichender Umbau verkündet, der mehr als 1000 Jobs kostet.

Die gerade zu Sens Antritt in die Fusion mit Gamesa ausgelagerte Windkraftsparte saniert noch härter als das derzeit im Fokus der Öffentlichkeit stehende klassische Kraftwerksgeschäft: Die aktuell defizitäre Firma überraschte Anfang November mit einer Verschärfung des Sparkurses. Jetzt sollen 6000 Stellen wegfallen. Formell liegt die Verantwortung beim Management in Spanien, aber Sen führt für Mehrheitsaktionär Siemens die Regie.

Knorr-Bremse

Spekulationen gab es schon länger, jetzt ist es offiziell: Noch in diesem Jahr will der Bremsenhersteller Knorr-Bremse an die Börse gehen. 25 bis 30 Prozent der Knorr-Bremse-Anteile sollen wohl verkauft werden, alle aus dem Besitz von Mehrheitsaktionär Heinz Hermann Thiele und seiner Familie. Bei einem angenommenen Börsenwert von rund 16 Milliarden Euro entspräche das einem möglichen Erlös von drei bis vier Milliarden Euro. Damit wäre die Emission, die in den nächsten vier Wochen über die Bühne gehen dürfte, eine der größten in Deutschland in diesem Jahr.

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Das größte IPO hierzulande war 2018 bislang der Börsengang der Siemens-Medizintechniksparte Healthineers im März. Mit dem Erlös von 4,2 Milliarden Euro war es zudem die viertgrößte Neuemission in Deutschland seit dem Jahr 2000. Hier der Überblick über weitere prominente Börsengänge der vergangenen Jahre.

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Es ist schon mehr als 20 Jahre her, aber es ist bis heute der größte Börsengang am deutschen Aktienmarkt: Beim ersten IPO der Deutschen Telekom im Jahr 1996 kostete eine Aktie 28,50 DM. Der Börsengang hatte damit ein Volumen von 20 Milliarden DM oder etwa zehn Milliarden Euro. Später folgten noch zwei weitere Aktienemissionen der Telekom.

AP

Die meisten Investoren der ersten Stunde dürften mit den Papieren allerdings nicht glücklich geworden sein. Die T-Aktie stieg zwar zunächst auf mehr als 100 Euro stark an, brach dann aber 2000/2001 mit dem gesamten Aktienmarkt ein und dümpelt seither bei weniger als 20 Euro.

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Ein weiterer Milliarden-Börsengang war der des Fernsehkonzerns ProSiebenSat.1 - allerdings nur gerechnet in D-Mark: Das IPO im Sommer 1997 hatte ein Volumen von 1,3 Milliarden DM. Pro Aktie verlangte der Sender seinerzeit 72 DM, also etwa 36 Euro. Heute notiert das Papier bei 27,20 Euro.

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Es folgte die Zeit der Börseneuphorie rund um die Dot-Com-Blase. Da ging es oft um einen größtmöglichen Showeffekt - wie beispielsweise bei Infineon, dessen seinerzeitiger Chef Ulrich Schumacher im Jahr 2000 mit einem Rennporsche bei der Börse vorfuhr. Infineon - wie Healthineers ebenfalls eine ehemalige Siemens-Tochter - kassierte beim IPO immerhin stattliche 5,4 Milliarden Euro ein. Der Aktienkurs ist gegenüber dem Erstverkaufspreis von 35 Euro auf inzwischen nur noch 23,40 Euro gesunken.

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Am 17. April 2000 kam die Aktie der Telekom-Tochter T-Online an die Börse. Beim Ausgabepreis von 27 Euro hatte der Börsengang ein Volumen von knapp 3,1 Milliarden Euro. Fünf Jahre später beschloss die Telekom allerdings, die Tochter wieder ins Haus zu holen - T-Online ist wieder vom Kurszettel verschwunden.

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Ebenfalls viel beachtet: Der Börsengang der Deutschen Post im Jahr 2000. Mit werblicher Unterstützung der Brüder Thomas und Christoph Gottschalk brachte es das IPO der "Aktie Gelb" bei einem Ausgabepreis von 21 Euro auf ein Volumen von 5,8 Milliarden Euro. Aktuell notiert die Post-Aktie bei fast 40 Euro.

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Kurz darauf kam auch die Börse selbst an die Börse: Das IPO der Deutschen Börse AG Anfang 2001 hatte ein Volumen von rund 1,1 Milliarden Euro. Danach mussten die Börsianer ziemlich lange auf das nächste Milliarden-IPO warten:

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Erst 2006 nahm mit Wacker Chemie wieder ein Unternehmen bei einem Börsengang hierzulande mehr als eine Milliarde Euro ein, nämlich präzise 1,199 Milliarden, wie aus der Datenbank der Deutschen Börse hervorgeht. Bei der Erstnotierung hatte der Konzern eine Marktkapitalisierung von knapp 4,7 Milliarden Euro - daraus sind inzwischen 7,2 Milliarden Euro geworden.

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Im Dezember des gleichen Jahres ging mit dem IPO des Aromen- und Geschmackstoffherstellers Symrise erneut ein Milliarden-Börsengang über die Bühne. Das Emissionsvolumen betrug in diesem Fall 1,4 Milliarden Euro, die Marktkapitalisierung zum Start gut zwei Milliarden. Inzwischen ist Symrise an der Börse 9,2 Milliarden Euro wert.

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2007 nahm die Hamburger Hafen und Logistik AG - kurz: HHLA - bei ihrem Börsengang knapp 1,2 Milliarden Euro ein. Das Unternehmen startete mit einer Marktkapitalisierung von 4,1 Milliarden Euro - inzwischen sind davon nur noch 1,7 Milliarden Euro übrig.

Telefonica

Auch der Börsengang der Telefonica Deutschland AG, die hinter dem Mobilfunknetz O2 steht, brachte es 2012 auf ein Milliardenvolumen (1,4 Milliarden Euro). Die Marktkapitalisierung des Unternehmens ist seither von 6,4 Milliarden auf 11,8 Milliarden Euro gestiegen.

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2013 ging der Immobilienkonzern LEG an die Börse, mit einem Emissionsvolumen von knapp 1,2 Milliarden Euro. Seinen Marktwert konnte das Unternehmen seither - dem Immobilienboom sei Dank - von 2,4 Milliarden Euro auf 5,7 Milliarden Euro mehr als verdoppeln.

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Wenig später bot der Fernsehsender RTL seine Aktien den Investoren an. Der Börsengang im April 2013 hatte ein Volumen von 1,4 Milliarden Euro, der Marktwert des Unternehmens betrug gemessen an der Erstnotiz 8,6 Milliarden Euro. Heute sind es etwa 10,3 Milliarden Euro.

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Großes Aufsehen erregten auch die Brüder Samwer, als sie im Oktober 2014 ihre Internet-Holding Rocket Internet an die Börse brachten (im Bild: Oliver Samwer, M., mit den Rocket-Vorständen Alexander Kudlich, l., und Peter Kimpel). Dabei sammelten die Web-Unternehmer mit viel PR-Getöse 1,4 Milliarden Euro ein, was dem Unternehmen zu einer Börsenbewertung von 6,5 Milliarden Euro verhalf. Die Investoren hatten allerdings seither wenig Freude an der Aktie, der Marktwert des Unternehmens hat sich auf 3,3 Milliarden Euro ungefähr halbiert.

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Der Name Hypo Real Estate sagt jedem etwas, der die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 nicht im Tiefschlaf verbracht hat. Deutsche Pfandbriefbank heißt das einstige Kriseninstitut inzwischen, und 2015 ging es mit einem Emissionsvolumen von 1,16 Milliarden Euro an die Börse. Immerhin: Die Marktkapitalisierung ist seither von 1,5 Milliarden auf 1,7 Milliarden Euro gestiegen.

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Auch die Scout24 AG sammelte bei ihrem IPO 2015 gut eine Milliarde Euro ein. Angesichts der Erstnotiz der Aktien bei 30,75 Euro ergab sich ein Marktwert von 3,3 Milliarden Euro. Heute sind es 3,7 Milliarden Euro.

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Auch der Werkstoffhersteller Covestro ist eine Abspaltung, das Unternehmen gehörte früher zum Dax-Konzern Bayer. Im Oktober 2015 emittierte Covestro beim Börsengang Aktien im Wert von zusammen 1,5 Milliarden Euro, was zu einem Börsenwert von 5,3 Milliarden Euro führte. Seither ging es mit der Aktie steil bergauf, so dass Covestro an der Börse inzwischen 17,8 Milliarden Euro wert ist.

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Der bislang letzte Milliarden-Börsengang in Deutschland war im Oktober des vergangenen Jahres jener der Innogy AG, einer Tochter des Versorgers RWE. Immerhin 4,6 Milliarden Euro betrug das Volumen der Emission, der Marktwert des New-Energy-Unternehmens startete am Tag der Erstnotiz bei 20,7 Milliarden Euro. Heute ist Innogy laut Börse allerdings nur noch 18,9 Milliarden Euro wert.

Am meisten Furore könnte er mit dem nun für das Frühjahr 2018 angepeilte IPO der Medizintechnik machen. Es dürfte einer der größten Börsengänge seit Jahren in Deutschland werden, Analysten taxieren den Firmenwert der profitabelsten Siemens-Sparte auf bis zu 40 Milliarden Euro. Bis zu ein Viertel davon könnte die Konzernkasse füllen, in der ohnehin kein Mangel herrscht - und vielleicht sogar die negativen Nachrichten anderswo verdrängen.

Sen ist zwar nicht der Chef von Healthineers, diesen Job macht Bernd Montag. Aber Sen verantwortet den Bereich, dem er früher als CFO diente, im Konzernvorstand - und kann jetzt von oben den Kurs vorgeben. In mehreren Berichten wurde dem Physiker Montag zu wenig Verständnis für die Belange des Kapitalmarkts und ein zu starkes Festhalten am zwar gut laufenden, aber als wenig zukunftsträchtig geltenden Geschäft mit großen Diagnosegeräten für Krankenhäuser nachgesagt. Michael Sen steht als das agile Korrektiv da.

Zweimal war der langjährige Siemensianer von Konzernchef Joe Kaeser in seinen Karriereambitionen übergangen wurden - zu Gunsten von Ralf Thomas als Konzern-CFO und Bernd Montag als Healthineers-Chef. Doch jetzt sieht es so aus, als stehe Michael Sen nur umso stärker da, vielleicht sogar in einer Position, um sich als Kaesers Nachfolger zu empfehlen. Niemand außer Kaeser selbst verkörpert so sehr wie Sen dessen Kurs in Richtung einer Holding-Struktur anstelle des einheitlichen Industriekonglomerats.

Sen und Kaeser sind alte Weggefährten. Der am Niederrhein geborene und im Siemens-Herzland Franken aufgewachsene Betriebswirt startete Mitte der 90er Jahre in der Strategieabteilung und kehrte später unter Kaesers Führung dahin zurück, nach einem Intermezzo in der bald darauf aufgegebenen Mobilfunksparte, wo die beiden auch gemeinsam agierten.

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Denkbar bodenständig ist die Herkunft des mächtigsten deutschen Managers. Im Bayerischen Wald ist der Arbeitersohn Josef Käser bis heute verwurzelt. Er hat sich hochgearbeitet, ohne Stationen in Business Schools oder Beratungsfirmen.

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Seit 1980, gleich nach dem BWL-Diplom an der Fachhochschule Regensburg, ist Kaeser Siemensianer. Ganz unsentimental war er später aktiv daran beteiligt, seine ersten Stationen wie das Halbleiterwerk Regensburg (Infineon), den Bereich Passive Bauelemente (Epcos), oder ...

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... das LED-Geschäft Opto Semiconductors (Osram), wo er ab 1990 seinen ersten Führungsjob hatte, aus dem Konzern zu entfernen. An der umfassenden Neuordnung von Siemens unter Heinrich von Pierer arbeitete Kaeser nach Auslandsstationen in Malaysia und dem Silicon Valley (wo er seinen Namen amerikanisierte) im Finanzbereich und zuletzt als Leiter der Strategieabteilung mit.

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Zwischenzeitlich saß Kaeser auch im Bereichsvorstand der Mobilfunksparte ICM, die kurz darauf an die taiwanische Firma BenQ losgeschlagen und dann geschlossen wurde. Heute ist der aus einer Telegrafenbauanstalt entstandene Siemens-Konzern ganz ohne Telekommunikationsgeschäft - was Kaeser inzwischen als Folge strategischer Fehler bedauert.

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In der tiefsten Krise des Siemens-Konzerns, als 2006 der Skandal um ein System schwarzer Kassen publik wurde, stieg Kaeser als Finanzchef unter Kurzzeit-CEO Klaus Kleinfeld in den Konzernvorstand auf. Er sollte das einzige damalige Mitglied des Gremiums sein, das die Affäre unbeschadet überstand.

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Als Zeuge trat Kaeser im Juni 2008 vor dem Landgericht München auf. An ihm selbst blieb trotz der Verantwortung im Kommunikationsbereich, wo besonders viele Schmiergeldfälle aktenkundig wurden, keine Schuld hängen.

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Als CFO wirkte Kaeser jahrelang als Stütze des von außen geholten Konzernchefs Peter Löscher, fädelte mehrere Milliardendeals (meist mit dem Verkauf von Konzernteilen) ein und äußerte seine Meinung gerne auch zur Konzernstrategie ...

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... was ihn zuletzt zunehmend in Rivalität zu Löscher brachte. 2013 brachte Kaeser, inzwischen ohne Schnauzbart, seinen Vorgesetzten mit Gewinnwarnungen und öffentlichen Hinweisen auf Fehler in Bedrängnis.

Siemens

Der Coup folgte am 31. Juli 2013, als der Aufsichtsrat Löscher absetzte und mit sofortiger Wirkung Kaeser an dessen Stelle berief. In der Siemens-Belegschaft wurde Hoffnung laut, dass nun mit einem der Ihren am Ruder etwas Ruhe in den Betrieb käme. Auch die Aktionäre gaben Kaeser mit steigendem Kurs Vorschusslorbeeren.

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Anfangs schien das Glück den Dealmaker zu verlassen. Als der französische Wettbewerber Alstom im Juni 2014 zum Verkauf stand, warb Kaeser vergeblich im Elysée-Palast, hatte jedoch das Nachsehen gegenüber General Electric - aus heutiger Sicht ein Glücksfall, weil der nun noch größere Probleme im flauen Kraftwerksgeschäft hat.

Intern wurde noch kräftiger umorganisiert als zuvor. Das manager Magazin prägte im November 2014 den Titel "König Joe", weil Kaeser die mächtigen Sektoren abschaffte und durch übersichtliche Sparten ersetzte, interne Rivalen loswurde und die ganze Struktur auf seine Person zuschnitt. Der Plan...

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...ging weitgehend auf. Kaeser hat den Wert von Siemens stark gesteigert und den Erzrivalen GE bei vielen Kennziffern überholt. Ein Lohn: Kaeser bewegt sich auf der großen Bühne mit Staatschefs aus aller Welt.

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Neben dem rein Geschäftlichen äußerte der Siemens-Chef sich auch immer wieder zur gesellschaftlichen Entwicklung. Fehlgriffe wie ein Milliardenzukauf in der Öl- und Gasindustrie der USA unmittelbar vor dem Einbruch der Rohstoffpreise geraten so zur Fußnote.

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Im November 2017 stand Joe Kaeser mit Ehefrau Rosemarie (Fraktionssprecherin der CSU im niederbayerischen Heimatort Arnbruck) auf der Bühne des Jüdischen Museums in Berlin. Zusammen mit Altbundespräsident Joachim Gauck erhielt er den Preis für Verständigung und Toleranz.

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Doch schon wenige Tage später folgte die offene Konfrontation mit dem bisher freundlich-konstruktiv gesinnten Betriebsrat und der Gewerkschaft IG Metall. Neue Pläne für den Abbau tausender Stellen und Werksschließungen nach einem Jahr mit Rekordgewinn bringen die Beschäftigten ebenso gegen Kaeser auf wie die missglückte Kommunikation.

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Jetzt zeigt Kaeser, dass auch er konfrontativ sein kann. Auf Vorwürfe von SPD-Chef Martin Schulz, der auf Demos von Siemens-Arbeitern die Konzernführung "asozial" nannte und des "Manchester-Kapitalismus" bezichtigte, antwortete der Siemens-Chef mit einem offenen Brief: "Wer ist hier verantwortungslos?"

Beide Manager sind dem Konzern in ihrer Biografie treu verbunden (Sen machte im Stammwerk Berlin sogar seine Lehre), wenn auch ohne Bindung an die eigenen Arbeitsorte, mit deren Trennung von Siemens sie kaum Probleme zeigten. Im Unterschied zu Kaeser hat Sen aber eine externe Station im Lebenslauf vorzuweisen: als Finanzvorstand des Energiekonzerns Eon , wo es ihn vor seiner Rückkehr nach München aber keine zwei Jahre hielt.

Seine Hauptaufgabe dort war die Trennung vom klassischen Kraftwerksgeschäft, das als Uniper an die Börse ging und sich nun vom Mutterkonzern stiefmütterlich behandelt fühlt.

Im Rückblick erscheint der Weggang von Siemens zu Eon wie eine Lehrstation für den radikalen Umbau des größeren Konzerns. Kaeser beschrieb es den Aktionären so: Michael Sen habe in Düsseldorf "geübt".

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