Mittwoch, 15. August 2018

Digitale Revolution "Es bleibt die Flucht nach vorn"

"Digital Native" in freier Wildbahn - ein Anblick für die Zukunft?
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"Digital Native" in freier Wildbahn - ein Anblick für die Zukunft?

Die Digitalisierung nimmt und sie gibt - sie zerstört ganze Wirtschaftszweige, schafft aber auch neue. Und unter dem Strich? Eine von vielen Fragen an den IT-Experten Melih Yener.

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mm.de: Wo steht Deutschland in Sachen "Digitaler Umbau"?

Yener: Aus meiner Sicht stehen wir hier noch am Anfang. Das zeigt sich an den vielen Versuchen von Unternehmen das Thema Digitalisierung als Add-On zum bestehenden Geschäft zu realisieren. Der disruptive Charakter der Digitalisierung kann nur zum Erfolg gemacht werden, wenn Produkte oder Dienste radikal anders gemacht werden. Und das beinhaltet manchmal auch, dass bestehende Prozesse, Lösungen oder Geschäftsbereiche kannibalisiert werden.

In der Fertigungsindustrie und bei Dienstleistern ist klar zu erkennen, dass sich viele des Themas angenommen haben und nach Antworten und Lösungsansätzen suchen. Aber nur wenige sind über die Ideensuche hinaus in erfolgreichen neuen Geschäftsmodellen unterwegs.

mm.de: Welches Umfeld müssen Unternehmen einräumen, um sich zu "digitalisieren"?

Yener: Es müssen Freiheitsgrade über das bestehende Geschäft hinaus geschaffen werden, um neue Ideen ausprobieren zu können. Eine Fehlerkultur, die es erlaubt mit neuen Ansätzen experimentieren zu können. Der Fokus sollte dabei auf zeitnahes Feedback von Kunden und Markt liegen, um Produkte und Prozesse kontinuierlich zu verbessern. Ein gutes Verständnis, wie Ökosysteme von Partnern genutzt werden können, um echte Mehrwerte für den Kunden zu generieren.

Entwickeln, einstampfen, entwickeln ...

Es lässt sich beobachten, dass Digitalisierungsversuche, die eng in bestehende Strukturen eingeflochten werden, häufig nach kurzer Zeit wieder eingestampft werden (durch interne Politik, starke Player im Bestandsgeschäft und so weiter) oder zu einer internen Beratungsfunktion verkümmern. Ich halte daher Startup-getriebene Ansätze, also möglichst organisatorisch autarke Einheiten, für vielversprechender.

mm.de: Inwiefern ändert das das Anforderungsprofil der Mitarbeiter?

Yener: Das Thema interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Fähigkeit zum Querdenken wird mit Sicherheit in einer digitalen Welt wichtiger werden. Wenn man auf die IT-Industrie schaut könnte man dazu beobachten, dass neben den digitalen Plattformen für die Entwicklung neuer Dienste die Kombination mit Domänenwissen an Wichtigkeit gewinnt. Auch der Umgang mit datengetriebenen Geschäftsmodellen und Technologien spielt in den meisten Digitalisierungsvorhaben eine Schlüsselrolle.

mm.de: Die Revolution frisst bekanntlich ihre Kinder - wie verhindert man das in Unternehmen (gibt ja genug düstere Studien, die massive Arbeitsplatzverluste durch Digitalisierung vorhersagen)?

Yener: Ich glaube auch, dass bei der Digitalisierung von Diensten und Produkten Jobs wegfallen (zum Beispiel Uber, Taxis, autonomes Fahren und so weiter) die an anderer Stelle wieder zum Teil entstehen werden. Es ist aber klar, dass sich der Trend zum "Knowledge Worker" noch verstärken und speziell bei den Jobs mit niedrigeren Qualifikationsprofilen der Druck sich deutlich verstärken wird. Dieser Prozess ist aber global über den Wettbewerb getrieben und würde sich meiner Einschätzung nach nicht durch geolokale Maßnahmen umkehren lassen.

Es bleibt also nur die Flucht nach vorn - auch bei der Ausbildung und der Weiterbildung, das Thema lebenslanges Lernen wird noch mehr in den Mittelpunkt gerückt als es heute schon der Fall ist. Unternehmen können dabei helfen, indem sie Akademien oder ähnliche Weiterbildungsangebote für ihre Mitarbeiter anbieten.


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