Montag, 24. September 2018

"Boni-Ritter" überwacht Abbau der Investmentbank Was die Deutsche Bank vom Oberstrategen John Thain hat

John Thain

Ein Grund für die Schwierigkeit der Deutschen Bank, den Aufbruch aus ihrer Misere zu schaffen, mag darin liegen, dass sie kein stimmiges Selbstbild abgibt. "Bodenständig" ist das Schlüsselwort, mit dem der neue Chef Christian Sewing am häufigsten beschrieben wird. Das entsprechende Attribut für den prominentesten Neuzugang im Aufsichtsrat, John Thain, beginnt ebenfalls mit B: "Boni-Ritter."

Der 62-jährige Amerikaner hat eine turbulente Karriere hinter sich. Bekannt wurde er aber in der Finanzkrise als Kurzzeit-Chef der gestrauchelten Investmentbank Merrill Lynch mit exorbitantem Gehalt, als Objekt der Kritik von Barack Obama am "Höhepunkt der Verantwortungslosigkeit".

Verantwortung trägt Thain künftig als Leiter des neu zu bildenden Strategieausschuss im Aufsichtsrat der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen. Ein solches Gremium gibt es bisher nur bei wenigen Dax-Konzernen. Zu den Ausnahmen zählt die Deutsche Börse, wo Ann-Kristin Achleitner dem Ausschuss angehört, deren Ehemann Paul den Aufsichtsrat der Bank führt.

Formell gesehen ist die Strategie Sache des Vorstands, der Aufsichtsrat muss sie nicht billigen. Im Zuge der Professionalisierung streben die Kontrolleure aber mehr Mitsprache über die Richtungsentscheidungen der Konzerne an. Aus der Deutschen Bank heißt es, bisher hätten Mitglieder des Präsidialausschusses die jährlichen Strategietreffen der Bankführung begleitet. Mit einem eigenen Strategieausschuss wäre die Aufteilung sauberer, "wir versuchen, weißer als weiß zu sein".

Achleitner: "In New York und London sprechen mich viele darauf an"

Allerdings kommt das neue Gremium gerade jetzt, da Christian Sewing behauptet, mit dem Abbau in der Investmentbank letzte strategische Fragen beantwortet zu haben. Jetzt geht es nur noch ums Exekutieren - und die Rolle John Thains mit seinem Ausschuss dürfte sich demnach darauf beschränken, regelmäßig zu prüfen, ob Sewing seine Ziele einhält. Eigene strategische Entwürfe hingegen wären das Rezept für weiteres Chaos.

Noch vor Wochen hätte es auch anders aussehen können: Als die Personalie Thain bekannt wurde, war Sewing noch nicht Chef. Es hätte auch Sewings Investmentbank-Kollege Marcus Schenck werden können, oder einer von mehreren umworbenen globalen Bankern - und eine andere Strategie, die auf eine stärkere statt schwächere Rolle der Deutschen am Kapitalmarkt setzt, so wie von manchen Großaktionären gewünscht.

Dazu hätte die Aussage Paul Achleitners in der "Frankfurter Allgemeinen" gepasst, "in New York und London sprechen mich viele Leute darauf an, wie es mir gelungen ist, Thain für diese Aufgabe zu gewinnen. Viele haben das versucht, und er hat immer abgelehnt."

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