Mittwoch, 18. Oktober 2017

Indien/China Guru gegen Glückskeks

Deutschlands Firmen produzieren gern in Indien oder China. Doch die Standortbedingungen ändern sich. Unternehmer Rudolf Weiler kennt beide Länder seit Jahren und lässt sich in die Karten schauen: Warum er gerade ein chinesisches Joint Venture kündigt und was deutsche Unternehmen in beiden Ländern erwartet.

mm.de: Herr Weiler, Sie haben jahrelange Erfahrung als mittelständischer Unternehmer mit Fabriken sowohl in China als auch Indien. Sie haben bereits dort investiert, als es noch kein Modethema in der deutschen Industrie war. Inzwischen kehrt manches Unternehmen wieder zurück, sei es, dass sich die erhofften Einsparungen nicht bewahrheitet haben, sei es, dass sie sich vor Ort ausgebootet fühlen. Welche Erfahrungen machen Sie?

Rudolf Weiler ist Geschäftsführer der Digisound-Electronic GmbH aus Norderstedt bei Hamburg. Der mittelständische Produzent akustischer Signalgeber - von Handypiepern bis zu Sirenen - betreibt Werke in China, Hongkong und Indien. Zu den Kunden gehören unter anderen Daimler, John Deere, Siemens und Bosch. Weltweit arbeiten rund 1600 Mitarbeiter für Digisound, davon 35 in Deutschland.
Weiler: Vor vier Jahren habe ich in einem Gespräch mit manager-magazin.de gewarnt, die Wirtschaft in China würde überhitzen und das Geschäftsklima gegenüber Ausländern schwieriger, vereinzelt feindselig werden. So leid es mir tut: Ich habe recht behalten. Es ist heute oft eine Katastrophe, mit chinesischen Partnern zusammenzuarbeiten. Deshalb habe ich beschlossen, unsere bestehende Kooperation in China zu beenden.

mm.de: Eine drastische Konsequenz. Wie ist der Stand?

Weiler: Wir haben die Kündigung gerade ausgesprochen. Weil die Gegenseite widerspricht, wird das Ganze noch einen längeren behördlichen Weg gehen. Wie lange sich das Verfahren ziehen wird, vermag ich nicht zu sagen.

mm.de: Was treibt Sie zu diesem Schritt?

Weiler: Wir werden von vorne bis hinten kopiert. Es ist neben unserer gemeinsamen Fabrikation eine Art parallele Fertigungshalle entstanden. Dort werden tatsächlich alle Produktionsanlagen kopiert und die Arbeitsabläufe nachgeahmt. Dabei werden sämtliche Verträge gebrochen, die überhaupt zu brechen sind. Schlimm daran ist, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Die Chinesen werden immer radikaler, wenn es darum geht, ihre Chancen zu nutzen.

mm.de: Also raten Sie von China ab?

Weiler: Ich rate zur Vorsicht.

mm.de: Welchen Schaden haben Sie zu verzeichnen?

Weiler: Wir haben Unannehmlichkeiten, aber Schaden haben wir vermeiden können. So haben wir rechtzeitig neue Lieferanten aufgebaut, teils in China, teils in Hongkong und Indien. Ich denke, dass es unserem bisherigen Partner nach unserem Rückzug sehr schlecht gehen wird. Wir haben ähnliche Erfahrungen vor etlichen Jahren in Japan gemacht. Nach unserer Trennung dauerte es ein halbes Jahr, dann war der Lieferant aus dem Markt verschwunden.

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