Donnerstag, 25. August 2016

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Osteuropa Billige Werkbank ohne Werktätige

Osteuropa war für deutsche Firmen lange das Niedriglohn-Dorado schlechthin. Der dramatische Fachkräftemangel dort trifft sie nun besonders hart. Manche Unternehmen reagieren mit verzweifelten Aktionen, damit ihre Produktion im Osten nicht zum Erliegen kommt. Haben sich die Arbeitsplatzverlagerer großflächig verkalkuliert?

Hamburg - Die Stellenanzeige klingt wie ein Hilferuf. "Für den Einsatz in Tschechien suchen wir baldmöglichst drei Schichtführer/innen zur Aufrechterhaltung der Produktion", wendet sich der schwäbische Autozulieferer Weigelt an Arbeitssuchende in Deutschland. "In Tschechien gibt es einfach nicht die Leute, die wir brauchen", sagt Weigelt-Personalerin Angela Seibold. Weit und breit seien keine Verfahrensmechaniker aufzutreiben, die beispielsweise die Herstellung von Gummiunterlagen für Außenspiegel überprüfen.

Boomendes Budapest: Viele Unternehmen finden in Ungarn nicht mehr genügend einfache Arbeiter. Fach- und Führungskräfte sind wie in anderen osteuropäischen Ländern erst recht knapp.
Doch die Suche nach in Deutschland heimischen Auswanderern verläuft ebenfalls unbefriedigend für den Mittelständler, der 450 Mitarbeiter in Westböhmen und 120 in Bietigheim-Bissingen beschäftigt. "Wir sind zwar bereit, Schmerzensgeld zu bezahlen", sagt Seibold, "aber die Leute wollen nicht nach Tschechien gehen. Wir müssten schon jemanden finden, der im Urlaub eine Tschechin kennengelernt hat und nun zu ihr ziehen möchte".

Mit zum Teil verzweifelten Aktionen begegnen deutsche Unternehmen dem sich weiter verschärfenden Fachkräftemangel in Mittel- und Osteuropa. Die Region ist Billigstandort Nummer eins für deutsche Mittelständler. Sie haben dort in den vergangenen Jahren laut der KfW-Bank fast jeden dritten Euro ihrer Auslandsinvestitionen angelegt, um mit billigen Arbeitskräften günstig zu produzieren.

Aber die Investitionen haben einen Wirtschaftsboom angeheizt, der die Arbeitslosenquoten zusammenschmelzen ließ. In Polen sank sie von 19 Prozent (2005) auf aktuell 11 Prozent, in Tschechien von 8 auf 5 Prozent. Regionen wie Prag und Bratislava melden Vollbeschäftigung.

Nun sind sowohl Führungskräfte als auch Facharbeiter vielerorts kaum zu finden. Laut einer Untersuchung der Personalberatung Kienbaum ist die Lage in Ungarn am schlimmsten, sogar ungelernte Arbeiter sind kaum zu bekommen. In der Slowakei geben zwei Drittel der befragten überwiegend deutschen Unternehmen an, nicht genügend Ingenieure für die Forschung zu finden. Auch in Tschechien bewerten die Unternehmen die Personalsituation laut der Studie derzeit deutlich schlechter als vor einem Jahr.

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