Montag, 23. Juli 2018

Soziale Kompetenz Unternehmen ohne Orientierung

Soziales Engagement von Unternehmen ist populär - gut so. Doch viele Führungskräfte vergessen darüber den gesellschaftlichen Wert ihrer Kernaufgaben: Profitstreben war immer ein Fortschrittsmotor. Managern, die das verkennen, fehlt Vertrauen in das eigene Wirtschaften.

Erinnern Sie sich noch an die Zwillinge von Ratiopharm, die in TV-Werbespots regelmäßig kränkelnden Mitbürgern das passende Medikament näher brachten? Seit der Generikahersteller durch dubiose Vertriebspraktiken ins Schlingern geriet, haben die beiden blonden Werbedamen ausgedient.

Soziale Verantwortung: Straßenkind in Indien
DPA
Soziale Verantwortung: Straßenkind in Indien
Die neue Unternehmensführung um Philipp Daniel Merckle will nunmehr, anstatt mit guten Preisen für gute Besserung zu sorgen, die Welt retten. "World in Balance" heißt die von Merckle 2006 gegründete Stiftung, die, heftig beworben, das "Gleichgewicht in dieser Welt herzustellen" zum Inhalt hat. Von jedem verkauften Ratiopharm-Produkt fließt nun ein Cent in die Stiftung - womit wiederum Kunden zum Kauf animiert werden sollen.

Dass Unternehmen soziales oder ökologisches Engagement zeigen, gilt inzwischen als ein tragender Pfeiler wirtschaftlichen Erfolgs. Corporate Social Responsibility (CSR) lautet hierfür der Fachbegriff. Anstatt als reine Profitmaschinen gesehen zu werden, streben Unternehmen danach, sich als Corporate Citizen in die Gesellschaft einzubringen. Zahlreiche Unternehmensstiftungen wurden ins Leben gerufen, die sich für Bildung, Kultur, Entwicklungs- und Katastrophenhilfe und - in Deutschland ist dies besonders stark ausgeprägt - für den Umwelt- und Klimaschutz einsetzen.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Schachzug von Ratiopharm, nachdem interne "Inbalancen" ans Licht gekommen waren, nunmehr die ganze Welt zurück ins Gleichgewicht führen zu wollen, als billige PR-Masche und eine Art Ablasshandel diskutiert wurde. Zu groß war die zeitliche Nähe zwischen dem Skandal und dem Ausbruch unternehmerischen Gutmenschentums und zu surreal Merckles Aufruf zum "Aufbruch", der nötig sei, weil "wir herausfinden müssen aus entseelten Systemen, aus dem Austauschbaren und der Gleichgültigkeit."

Entsprechend bissig fielen auch einige Kommentare aus, in denen Merckle unter anderem eine "sonderbare Mischung aus Esoterik, Weltverbesserungswillen und Waldorf-Rhetorik" (SPIEGEL ONLINE) attestiert oder die ganze Veranstaltung als "Realsatire" eingestuft wurde.

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