Sonntag, 17. Februar 2019

Unternehmensteuer Das Hochsteuer-Paradies

6. Teil: Besteuert Brüssel mit neuem Modell?

Kritik am ZEW-Modell

Spengel weist außerdem den Vorwurf zurück, das ZEW gehe in seinem Vergleich lediglich von einer "theoretischen" Steuerbelastung aus. Zwar sei das ZEW-Modell "eine rein nationale Betrachtung", räumt der Experte ein. "Doch für viele mittelständische Unternehmen ohne Tochtergesellschaften im Ausland ist diese Steuerlast Realität." Das Modell lasse zudem Erweiterungen zu - je nachdem, wie stark ein international tätiger Konzern steuerlichen Gestaltungsspielraum nutze.

Ein deutscher Konzern, der in allen 24 weiteren EU-Ländern Tochtergesellschaften habe und die anfallenden Gewinne dort versteuere, komme auf eine durchschnittliche Belastung von rund 26 Prozent. Sofern das Unternehmen seine Tochtergesellschaften zusätzlich über Drittländer finanziert, könne es seine Steuerlast ganz legal auf 23,5 Prozent drücken - also eine real deutlich geringere Belastung trotz nominal hoher Steuersätze, die für einen Nachteil im internationalen Steuerwettbewerb sorgen.

Ausweg: Gemeinsame Bemessungsgrundlage

Einen möglichen Ausweg aus dem schädlichen Steuerwettbewerb sieht Spengel darin, eine gemeinsame Bemessungsgrundlage zu finden. Aufwendige Verrechnungsmodelle, nach denen der Gewinn eines Unternehmens fast ausschließlich im Steuerparadies Irland anfällt, die Verluste im gleichen Jahr aber ausgerechnet im Hochsteuerland Deutschland hängen bleiben, wären damit hinfällig.

"Sinnvoller wäre, sämtliche Kosten eines Konzerns vorab vom gesamten Gewinn abzuziehen und den verbleibenden Gewinn oder Verlust gleichmäßig auf alle Standort-Länder zu verteilen", meint der ZEW-Experte. Aus Brüssel könnten entsprechende Vorschläge "in etwa zwei Jahren" auf dem Tisch liegen.

Ein Systemwechsel in Brüssel könnte auch den europäischen Hochsteuerländern Deutschland und Frankreich etwas Luft verschaffen. Der Druck, rasch auf Steuersenkungen in den Nachbarländern zu reagieren, wäre nicht mehr ganz so stark.

Die Staaten, steuerlich und sozialpolitisch bereits geschwächt, müssten den Steuerwettbewerb dann nicht mehr auf die Spitze treiben, hofft Club-of-Rome-Mitglied Ernst Ulrich von Weizsäcker: "Wenn im überfüllten Kino mit einer zu niedrigen Leinwand einer aufsteht, kann er besser sehen. Aber wenn im Laufe der Zeit alle aufstehen, geht es allen schlechter."

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