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10. März 2004, 12:33 Uhr

Baustelle Deutschland

Zu niedrige Zinsen belasten die Wirtschaft

Von Henrik Müller

Je niedriger die Zinsen, desto besser – so lautet einer der folgenschwersten Irrtümer über die Wirtschaft. Die Folgen sind in Deutschland zu beobachten: Über Jahrzehnte billiges Fremdkapital hat die Strukturkrise mitverursacht.

Kürzlich saß ich mit einem Unternehmensberater zusammen - keinem dieser glatten Strategie-Consultants, die Großkonzerne beraten, sondern einem stämmigen Typ, der angeschlagene mittelständische Unternehmen wieder auf Vordermann bringt.

  Henrik Müller , Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen. Dieser Essay ist eine stark gekürzte Fassung eines Kapitels aus seinem neuen Buch "Wirtschaftsirrtümer. Richtigstellungen von Arbeitszeitverkürzung bis Zinspolitik".
Manfred Witt

Henrik Müller, Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen. Dieser Essay ist eine stark gekürzte Fassung eines Kapitels aus seinem neuen Buch "Wirtschaftsirrtümer. Richtigstellungen von Arbeitszeitverkürzung bis Zinspolitik".

"Wir redeten über die Lage seiner Klienten, über die Aussichten, die Sorgen und Ängste deutscher Unternehmer. Was ist das größte Problem der Mittelständler?" fragte ich. Seine Antwort kam schnell und eindeutig: "Die Banken."

Und dann redete er sich in Rage, erzählte von einer Baufirma, deren Hausbank plötzlich die Kreditzinsen verdoppelt habe. Einfach verdoppelt! Von heute auf morgen! Ich solle mir das einmal vorstellen!

Fast sei das ganze Unternehmen mit 100 Arbeitsplätzen den Bach heruntergegangen. "Die Banken verlangen zu hohe Zinsen": eine Meinung, die man in Deutschland häufig hört.

Ein paar Monate zuvor traf ich Jan Hatzius, einen Deutschen, der für die Investmentbank Goldman Sachs die US-Ökonomie analysiert. Aus seinem Bürofenster blickt man auf die Lücke, die die Türme des World Trade Center hinterlassen haben.

Hatzius ist ein scharfsinniger Analytiker und ein hochinteressanter Gesprächspartner. Als der offizielle Teil des Gesprächs vorbei war, plauderten wir noch etwas über privatere Dinge. Er erzählte, wie froh er doch sei, Europa verlassen zu haben, nicht nur aus persönlichen Gründen - er ist mit einer Amerikanerin verheiratet -, sondern auch aus ökonomischen.

Die Zinsen seien so hoch in Europa, da könne doch aus der Euro-Ökonomie nichts werden. "Die Notenbanken halten die Zinsen zu hoch": eine besonders unter angelsächsisch geprägten Ökonomen gängige Auffassung.

Die Zinsen bleiben ein Dauerthema. Gewerkschafter und konservative Politiker, traditionsverwurzelte Unternehmer und liberale Ökonomen - sie alle eint der rituelle Ruf nach niedrigen Zinsen.

Je billiger das Geld, so heißt es, desto besser gehe es den Unternehmen, desto schneller wachse die Wirtschaft, desto mehr Beschäftigung und Wohlstand entstünden.

Der Zins, gleich welcher Spielart, ist mit dem Vorwurf des Wuchers belastet. Banker genießen einen zweifelhaften Ruf als schwarze Schafe der Wirtschaft. Sie gelten als mächtig und knauserig - hier schwingt das uralte Vorurteil mit, wonach der Geldverleiher ein zutiefst unmoralisches Geschäft betreibe.

Eine Haltung, die tief in der abendländischen Kultur wurzelt. Zinsen zu verlangen galt jahrtausendelang als unmoralisch, zeitweise war es sogar gänzlich verboten. Im Jahr 1215 untersagte Papst Innozens III. im "Kanonischen Zinsverbot" den Christen die Zinserhebung.

Geld, so die Haltung der römischen Kirche, verschleiße nicht; wer es verleihe, bekomme ja das Gleiche zurück - der Kreditgeber nehme also Zinsen für nichts, was als äußerst unfair gegenüber den Mitmenschen galt.

Noch schlimmer: Der Zinsnehmer handelte zudem gotteslästerlich. Denn der Zins ist ein Preis auf die Zeit. Die Zeit aber, so die Kirche, gehöre Gott. Folglich besteuere der Mensch Gottgegebenes.

Mächtige moralische Schranken. Zugleich war aber auch im Mittelalter offenkundig, dass ohne Kreditmärkte eine Wirtschaft kaum funktionieren kann, und ohne Zinsen kein Kreditmarkt. Warum sonst sollte ein Kapitalbesitzer sein Geld hergeben? Aus Nächstenliebe?

Das mag im Freundes- und Familienkreis noch funktionieren, nicht aber auf einem anonymen Markt, wo sich Kreditnehmer und -geber persönlich gar nicht oder nur flüchtig kennen. Im Wissen um die Bedeutung von Kreditmärkten eröffnete Innozens III. der Wirtschaft eine Hintertür und erlaubte Menschen jüdischen Glaubens, Zinsen zu nehmen.

Die ergriffen das Geldgewerbe gern, weil ihnen der Zugang zu vielen Berufen der Christen versperrt war. Ihnen wuchs in der Folge eine Machtposition zu, die den ohnehin grassierenden Antisemitismus noch verstärkte.

  Ende der Niedrigzinsen:  Renditen zehnjähriger Staatsanleihen, in Prozent
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mm

Ende der Niedrigzinsen: Renditen zehnjähriger Staatsanleihen, in Prozent

Die Vorurteile haben sich gehalten. Noch die Nazis dämonisierten das "internationale Finanzjudentum", das sich angeblich gegen Deutschland verschworen habe. Bis heute sind Schimpfworte wie "Geldjude" zu hören.

Um nicht missverstanden zu werden: Hier soll keinesfalls behauptet werden, dass wer heute niedrige Zinsen fordert, ein Antisemit sei. Aber der Vorwurf des Wuchers ist tief in der abendländischen Seele verankert.

Bis heute muss sich der Kapitalbesitzer (heute: die Geschäftsbank, die Zentralbank) dafür rechtfertigen, dass er demjenigen, der sich etwas Geld leihen möchte, einen Preis abverlangt. Ergo: Je niedriger der Zins, desto besser.

Aus ökonomischem Blickwinkel ist das natürlich Unsinn. Zinsen haben dann die richtige Höhe, wenn sie angemessen sind - der wirtschaftlichen Lage und dem individuellen Risiko des Kreditnehmers.

Im Abschwung nach der Jahrtausendwende stürzten die deutschen Banken in die tiefste Krise der Nachkriegsgeschichte. Einst so stolze Institute wie die Commerzbank oder die HypoVereinsbank kämpften ums Überleben; die Dresdner Bank durchlitt die Krise als Tochter des Versicherungsgiganten Allianz.

  In der Klemme:  Kreditvergabe an Unternehmen
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In der Klemme: Kreditvergabe an Unternehmen

Natürlich ist die deutsche Bankenmisere zum großen Teil hausgemacht: In guten Zeiten haben die Institute die Zügel schleifen lassen. Sie haben zu aufwändig gearbeitet, mit zu vielen Filialen und zu vielen Mitarbeitern.

Sie haben, wohl auch aus Eitelkeit und Hochmut, notwendige Fusionen unterlassen - Fusionen, die in anderen Ländern längst zustande kamen. Als dann 2001 der Abschwung einsetzte, verschärften die hohen Kosten die Krise der Banken noch.

Neben den hausgemachten Problemen haben die privaten Banken in Deutschland mit einem Grundproblem zu kämpfen, an dem sie tatsächlich nicht selbst Schuld tragen: den Zinsen, die über Jahrzehnte in Deutschland extrem niedrig lagen.

Die Gründe? Zum einen die konstant niedrigen Inflationsraten und die nach außen starke D-Mark - dagegen kann niemand etwas einwenden. Zum anderen wurde und wird das Kreditgeschäft in Deutschland von Instituten dominiert, deren Ziel gerade die Vergabe von Krediten zu niedrigen Zinsen ist: den Sparkassen und den Genossenschaftsbanken.

Die öffentlich-rechtlichen Sparkassen werden durch den Staat in die Lage versetzt, sich extrem günstig zu refinanzieren - im Zweifel stehen die Steuerzahler für Ausfälle gerade. Die Genossenschaftsbanken verfolgen keinen Gewinnzweck - entsprechend eng können sie ihre Margen kalkulieren. Beide Verbunde zusammen erreichen einen Marktanteil von rund 75 Prozent.

  Ökonomisch unsinnig:  Bis heute muss sich der Kapitalbesitzer dafür rechtfertigen, dass er demjenigen, der sich etwas Geld leihen möchte, einen Preis abverlangt
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AP

Ökonomisch unsinnig: Bis heute muss sich der Kapitalbesitzer dafür rechtfertigen, dass er demjenigen, der sich etwas Geld leihen möchte, einen Preis abverlangt

Über Jahrzehnte hat dieses System die deutsche Wirtschaft angefeuert. Kleine, wendige mittelständische Unternehmen kamen günstig an Kapital, mit dem sie Investitionen finanzieren konnten - eine Säule des vormaligen "Modells Deutschland".

Doch die niedrigen Zinsen haben zwei negative Langzeitfolgen: Mittelständische Unternehmen sind heute extrem hoch verschuldet, weil sie allzu sorglos immer neue Kredite aufgenommen haben - es war ja so schön billig. Und die privaten Banken können in ihrem Kerngeschäft, der Kreditvergabe, kaum Geld verdienen.

Anders als beispielsweise in Großbritannien oder in Spanien, wo große, kapitalstarke Institute herangewachsen sind, leiden deutsche Banken unter chronisch engen Margen - schließlich müssen sie mit der öffentlich-rechtlichen und der genossenschaftlichen Konkurrenz mithalten.

Die Finanzierungskrise des Mittelstands, ausgelöst durch die Verringerung des an die Unternehmen ausgeliehenen Kreditvolumens, ist auch eine Folge der über lange Zeit sehr niedrigen deutschen Zinsen. Denn inzwischen sind die Banken gezwungen, ihre Kreditvergabe insgesamt zu überprüfen - weil sie die neuen internationalen Eigenkapitalrichtlinien ("Basel II") zu größerer Risikovorsorge anhalten und weil sie, koste es, was es wolle, profitabler werden müssen.

Hochverschuldete Unternehmen gehen Pleite, die Banken bleiben auf faulen Krediten sitzen. Angeschlagen, wie sie sind, müssen die Institute ihre Kosten senken und gleichzeitig die Einnahmen verbessern sowie die Risiken senken.

Ein Boomerang-Effekt. Was jahrzehntelang gut funktionierte, bricht nun zusammen.


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