Von Arvid Kaiser
mm.de: Frau Joppe, Ihr Buch beginnt mit Todesfällen, die Sie auf missglücktes Outsourcing zurückführen. Ein Beispiel: Ein Kreiskrankenhaus habe keimverseuchtes Essen eingekauft, um Kosten zu sparen. Ist das nicht etwas übertrieben?
Joppe: Das wäre es – wenn die Todesfälle sowieso passiert wären, also auch ohne Outsourcing. Doch genau das ist der springende Punkt: Das wären sie nicht. Krankenhausküchen arbeiten nämlich in der Regel bei der Qualitätssicherung so aufwendig, dass es keine Toten gibt. Und genau aus diesem Grund werden sie ausgelagert: weil sie zu teuer sind. Bitte vergessen Sie auch nicht die Todesfälle, die täglich passieren, weil die Arbeitsbedingungen bei den asiatischen Outsourcing-Partnern von Westfirmen teilweise im wahrsten Sinne des Wortes mörderisch sind.
mm.de: Wie stark schaden solche Fälle auch den Unternehmen selbst?
Joppe: Imageschäden durch Outsourcing treffen insbesondere lokal verankerte Mittelständler, weil sie genau diese lokale Bindung beschädigen oder oft sogar völlig zerstören. Mittelständler berichten uns, dass sie auf den Straßen ihrer Stadt oder Gemeinde wochenlang nicht mehr gegrüßt werden, wenn sie wieder eine Abteilung ausgelagert haben, oder wenn herauskommt, dass in ihren asiatischen Werken Menschen verstümmelt werden oder Kinder sterben.
Diese soziale Ausgrenzung juckt den typischen Konzernmanager nicht. Mittelständler, die stolz auf ihren guten Ruf in ihrer Stadt sind, leiden jedoch unter diesem sozialen Stigma. Vor allem ihre Familien. Wenn die Frau des Mittelständlers beim Einkaufen schief angesehen wird, dann können Sie sicher sein, dass der Mann am Abend mächtig Ärger kriegt.
mm.de: Ist die Öffentlichkeit nicht inzwischen an Outsourcing gewöhnt?
Joppe: Gewöhnen sich Menschen jemals an den Verlust ihres Arbeitsplatzes? An die Gefährdung ihrer Existenz wegen Outsourcing? Die Medien und die Manager haben sich an Outsourcing gewöhnt. Die einfachen Menschen an der Werkbank nicht. Die schieben eine Mordswut auf das Management, die leider nur selten in Redaktionsstuben oder im Vorstandsbunker ankommt. Wenn wir Management by walking around machen, kriegen wir den Zorn des einfachen Volks oft mit. An die Bedrohung seiner Existenz gewöhnt sich ein Mensch nie.
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