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24.04.2008
 

Schleichende Steuererhöhung

Wie kalte Progression die Lohnerhöhung auffrisst

Von Kai Lange

Mehr Gehalt, weniger Einkommen: Schuld daran sind nicht nur steigende Preise, sondern auch schleichende Steuererhöhungen. Rund 63 Milliarden Euro zusätzlich wird der Fiskus allein durch die "kalte Progression" bis 2011 kassieren. Während der Staat an der Inflation verdient, leiden mittlere und kleinere Einkommen.

Hamburg - Die Freude über die moderate Gehaltserhöhung ist dem Angestellten M. rasch vergangen. Um 2,2 Prozent ist sein Bruttogehalt auf jetzt 3577 Euro gestiegen: Die monatliche Einkommensteuer kletterte dagegen inklusive Soli um rund 4 Prozent auf 782 Euro.

Dieses Missverhältnis könnte M. noch verschmerzen - wenn die Inflationsrate von 2,2 Prozent im vergangenen Jahr seine Gehaltssteigerung nicht bereits komplett auffräße. Das Einkommen des Angestellten ist nach Abzug der Inflation real gleich geblieben. Die höhere Steuerlast sorgt jedoch dafür, dass er sich jetzt weniger leisten kann als vorher.

"Schleichende Steuererhöhung" oder "kalte Progression" heißt dieses Phänomen. Da das deutsche Steuersystem die Inflation nicht berücksichtigt, steigt mit jeder nominalen Erhöhung des Bruttolohns auch die Einkommensteuer an - und zwar stärker als das Einkommen selbst. In Zeiten stark steigender Preise sorgt dieser Effekt bei immer mehr Steuerzahlern dafür, dass sie reale Einkommensverluste erleiden: Die Gehaltserhöhung muss schon deutlich über der Inflationsrate liegen, wenn nach der schleichenden Steuererhöhung etwas übrig bleiben soll.

63 Milliarden Euro zusätzliche Steuern in sechs Jahren

Derzeit verschärft sich das Problem. Bei vielen Beschäftigten zehren höhere Steuern plus anziehende Inflation den Gehaltsaufschlag komplett auf. Dass viele Bürger in Deutschland trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs real weniger Geld zur Verfügung haben als noch vor einigen Jahren, liegt nicht nur daran, dass fast alles teurer wird. Auch der deutsche Fiskus, der eben diese Inflation beharrlich ignoriert, kassiert kräftig mit.

Gehälter steigen, Steuern steigen: Der Grenzsteuerbelastung nimmt bei steigendem Bruttoeinkommen rasch zu - ohne die Inflation zu berücksichtigen
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[M] DPA; mmde

Gehälter steigen, Steuern steigen: Der Grenzsteuerbelastung nimmt bei steigendem Bruttoeinkommen rasch zu - ohne die Inflation zu berücksichtigen

Die Sondereinnahmen für den Staat sind enorm. Im Zeitraum zwischen 2001 und 2006 fließen dem Fiskus allein durch die schleichende Steuererhöhung rund 63 Milliarden Euro zusätzlich zu, hat das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen errechnet. 63 Milliarden Euro zusätzliche Steuern innerhalb von sechs Jahren - ohne, dass man offiziell die Steuersätze anheben muss.

Der Staat verdient auf verschiedene Weise an der hohen Inflation. Wenn die Preise von Waren und Gütern steigen, klettern automatisch auch die Einnahmen aus der Umsatzsteuer, die die Große Koalition auf 19 Prozent angehoben hat. Deutlich größer als das Mehrwertsteuerplus fällt aber der Geldsegen durch die schleichende Einkommensteuererhöhung aus, da mit der Inflation auch die meisten Bruttolöhne steigen. Knapp vier Milliarden Euro zusätzliche Steuern wird der Fiskus allein in diesem Jahr aufgrund der hohen Inflation einnehmen, schätzt der Bund der Steuerzahler.

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