Von Martin Scheele
mm.de: Wie wird sich der Steuerwettbewerb in der EU entwickeln?
Merten: Solange es in der EU selbst Steueroasen gibt, wird es immer eine Schere bei der Verteilung geben. Hier muss man die Koordinationscenter in Belgien oder die Dublin-Docks in Irland erwähnen. Selbst namhafte Unternehmen wie BMW oder Volkswagen lassen ihre internationale Finanzierung darüber laufen.
Volkswagen oder andere Konzerne beispielsweise finanzieren die Auslandstöchter darüber. Ein Beispiel: Die Konzernmutter braucht 100 Millionen Euro, bekommt das als Kredit von ihrer Finanzierungsgesellschaft in Belgien oder Irland. Das wird dann hier verzinst, die Zinsen können von der Steuer in Abzug gebracht werden.Im Ausland aber können von den Zinseinnahmen, die dort nur mit zehn oder 12 Prozent versteuert werden, zunächst einmal alle anfallenden Kosten für Verwaltung und Mieten etc. in Abzug gebracht werden, so dass dort die Besteuerung letztendlich nur sieben oder acht Prozent beträgt - ganz legal.
mm.de: Wer sind die Gewinner und Verlierer unter den Steueroasen?
Merten: Beliebtester Anlageplatz ist ja nach wie vor die Schweiz, das wird auch so bleiben. Verlierer werden sicherlich die Steueroasen und Territorien innerhalb der EU sein. Da wird Brüssel schon für sorgen. Doch Geld ist flexibel. Neben der genannten Schweiz und Liechtenstein werden davon insbesondere Karibikstaaten und Steueroasen im asiatischen Raum profitieren. Die Cayman Islands (Platz zwei der beliebtesten Anlageziele), Hongkong (drei) und Singapur (fünf) sind hier zu nennen.
mm.de: Thema Steueramnestie. Danach kann Strafbefreiung der erlangen, der seine unversteuerten Einnahmen erklärt und davon 25 Prozent an den Fiskus abführt. Die Regelung soll für das Jahr 2004 gelten. Danach gilt eine zweite, bis Ende März 2005 befristete Stufe, in der die Strafbefreiung gegen Zahlung von 35 Prozent möglich ist. Wie sehen Sie das Projekt, das ja gerade im Bundesrat durch die Unions-Länder abgelehnt worden ist?
Merten: Als ich hörte, dass der Bundeskanzler mit einem Kapitalrückfluss von über 100 Milliarden Euro rechnet - und damit mindestens 25 Milliarden Euro Steuereinnahmen -, musste ich lachen. Wenn fünf zurückkommen, dann ist das viel. Wie ich von Schweizer Banken höre, gibt es kaum Bestrebungen der Kunden, Geld abzuziehen. Die Amnestie wird verpuffen - im Gegensatz zu dem italienischen Modell.
Das liegt an einem zusätzlichen psychologischen Effekt. Die Gefahr, dass eine Vermögensteuer noch mal eingeführt wird oder eine Erbschaftsteuer, ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Davor fürchten sich die Leute.
Das Ganze ist aber noch aus einem anderen Grund fragwürdig. Es brauchen ja nur 1000 reiche Deutsche pro Jahr in die Schweiz übersiedeln - angenommen jeder von ihnen hat zehn Millionen Euro dabei - dann hauen Hans Eichel insgesamt zehn Milliarden Euro ab.
mm.de: Wie viel Schwarzgeld, schätzen Sie, liegt im Ausland?
Merten: Vor zwei Jahren hat das Bundesfinanzministerium von 960 Milliarden Euro Auslandseinkommen gesprochen. Etwa 300 bis 400 Milliarden Euro davon sind schwarz. Diesen Zahlen kann man sich schon annähern, wenn man sich die Geldbestände von Schweizer Banken anschaut. Allein bei der Credit Suisse lagern derzeit Kundenvermögen von rund 1,2 Billionen Schweizer Franken. Ein Großteil der Kunden sind Deutsche. Bei einzelnen Banken erreicht der Anteil Deutscher an den Einlagen bis zu sechzig Prozent.
Oder schauen Sie sich die Banken im österreichischen Jungholz oder Kleinwalsertal an, da erreicht der deutsche Anteil am verwalteten Kundenvermögen neunzig Prozent und mehr.
mm.de: Wann lohnt sich der Weg nach Übersee, etwa die Karibik?
Merten: Unter einer Million Euro ist der Kosten- und Zeitaufwand zu hoch. Anders sieht es da schon aus, wenn man eine Immobilie in Florida hat und diese beispielsweise über eine juristische Konstruktion auf den Cayman Islands hält. Dann macht eine Verbindung in der Karibik Sinn.
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