Von Heide Neukirchen und Brigitta Palass
So leicht ist Jürgen Heraeus (65) normalerweise nicht aus der Ruhe zu bringen. Souverän, wie sonst am Ruder seiner Hochseejacht, hat der smarte Firmenchef rund 16 Jahre lang den Kurs der familieneigenen Heraeus Holding GmbH in Hanau bestimmt. Seit gut zwei Jahren steht er ebenso selbstsicher dem Aufsichtsrat vor.
Doch derzeit ist Heraeus aufgeregt wie ein Schuljunge nach der Abgabe der entscheidenden Klassenarbeit. Wochenlang haben die Bewerter der Rating-Agentur Standard & Poor's die Finanzunterlagen der Firma inspiziert. Nun wartet der Unternehmensprinzipal gespannt auf die Benotung. "Ein A", hofft Heraeus, "sollte es schon sein."
Warum die Mühe? Dem Edelmetallverarbeiter (6,9 Milliarden Euro Umsatz, rund 9000 Mitarbeiter) geht es glänzend. Die 140 Inhaber konnten über mangelnde Vermögenszuwächse in den vergangenen Jahren nicht klagen. "Unser Unternehmen", erklärt Heraeus, "will und muss sich in jeder Hinsicht mit der internationalen Konkurrenz messen lassen."
Die Transparenz, die Heraeus mit dem Rating schafft, ist neu. Bisher standen Firmen in Familienbesitz im Ruch, verschlossener zu sein als ein Schweigeorden. Ihre handgestrickten Führungs- und Organisationsprinzipien hielten den Ansprüchen moderner Corporate Governance meist nicht stand. Familienbande gingen oft vor Sachkompetenz.
Gerade in den Jahren des Börsenbooms galten viele seit Generationen von ihren Inhabern geführte oder dominierte Unternehmen als hoffnungslos langweilig, rückständig und auf Dauer zum Mittelmaß verdammt. Zu pomadig, um interessante Wachstumschancen zu nutzen. Zu dumm oder ehrpusselig, um schnelles Geld an der Börse zu machen.
In die Schlagzeilen schafften sie es allenfalls, wenn Clans sich fetzten und ihr Erbe ruinierten.
Die gar nicht freundliche Übernahme des börsennotierten Kugellagerherstellers FAG Kugelfischer aus Schweinfurt Ende vergangenen Jahres hat allerdings gezeigt, wie überraschend finanzstark Familienunternehmen sein können - und auch angriffslustig.
Aufkäufer war der Wälzlagerkonkurrent INA aus dem nahen Herzogenaurach, nach eigener Aussage "ein Familienbetrieb", im Besitz der Gründerwitwe Maria-Elisabeth Schaeffler (60) und ihres Sohns (siehe: "Beste Übernahme: Wie INA die börsennotierte FAG Kugelfischer schluckte").
Ein Jahr zuvor hatte die Unternehmersippe Vaillant für umgerechnet 1,1 Milliarden Euro die Aktionäre des britischen Heizthermenbauers Hepworth aus der Firma gekauft. Die gewaltigen Mittel für den Deal brachte der Clan zu einem großen Teil aus eigener Kraft auf.
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