Freitag, 15. Dezember 2017

Missmanagement bei Coop Das fast perfekte Verbrechen

Der Niedergang des Handelsunternehmens Ende der achtziger Jahre entpuppte sich als größter Wirtschaftskrimi der deutschen Nachkriegsgeschichte. Hauptdarsteller: Bernd Otto.

Hamburg - Als Bernd Otto im Juni 1993 vom Schwurgericht Frankfurt zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, war der Coop-Fall juristisch noch nicht abgeschlossen. Für den Missmanager war es hingegen der Abschied von der großen Bühne.

Er war nicht der Alleinschuldige in dem Gaunerstück um die Coop, das vom Regisseur Heinrich Breloer unter dem Titel "Kollege Otto - Die Coop-Affäre" Anfang der neunziger Jahre verfilmt wurde.

Otto war aber ohne Frage der bekannteste Protagonist. Gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen Dieter Hoffmann und Werner Casper - dem mutmaßlichen Drahtzieher - hatte er den in der deutschen Wirtschaftsgeschichte bisher einmaligen Versuch unternommen, sich einen ganzen Konzern in der Größenordnung der Coop (50.000 Beschäftigte, zwölf Milliarden Mark Umsatz) unter den Nagel zu reißen. Begünstigt durch Fehler in der Konzernkonstruktion, die Gutgläubigkeit der Banken, den Beistand von Gewerkschaftsfunktionären und die mangelhaften Kontrolle des Aufsichtsrats.

Zielstrebig Karriere gemacht

Ottos Aufstieg war eindrucksvoll. Vom Färbergesellen arbeitete er sich zum Chef eines der damals größten Handelsunternehmen Deutschlands hoch und zählte zu den bestbezahlten Managern. 1966 trat er in die Dienste des Deutschen Gewerkschafts-Bundes (DGB) ein. 1974 wechselte der 1940 in Wuppertal geborene Otto zum Coop-Konzern nach Frankfurt und trat die Stelle eines Arbeitsdirektors an. Das Unternehmen war kurz zuvor aus mehr als hundert maroden regionalen Konsumgesellschaften geschaffen worden. Ab 1980 hatte Otto als Vorstandschef das Sagen.

Zu dieser Zeit hätten die Coop-Vorstände begonnen, sämtliche Coop-Aktien "ihrem eigenen Vermögen einzuverleiben", hieß es in der Frankfurter Anklageschrift.

Coop kauft sich selbst

Das Trio nutzte die verworrenen Eigentumsverhältnisse der Handelsfirma. Um ihre wahre Beteiligung an dem angeschlagenen Unternehmen zu verschleiern, hatten die Gewerkschaften lange Zeit die Aktien der Coop AG zum Teil bei Briefkastenfirmen mit Namen wie Skandinavia oder Gesellschaft für Handelsbeteiligungen geparkt.

Die Gewerkschaften gerieten Mitte der Achtziger allerdings durch den Skandal um die Neue Heimat in finanzielle Schwierigkeiten. Sie wollten deshalb das wirtschaftliche Risiko bei der Coop reduzieren, ohne jedoch Einfluss zu verlieren.

Mittels komplizierter Treuhand-Verträge übertrug die Gewerkschaftsholding BGAG, damals von Alfons Lappas geführt, Stück für Stück die Verfügungsgewalt über die Briefkastenfirmen auf die Coop selbst.

Konzern der Kontrolle entzogen

Das Vorstandstrio um Bernd Otto sah seine Chance zum "großen Ding". Geschickt entzogen sie den Konzern der Kontrolle. Heimlich wurde ein Parallelkonzern im Ausland aufgebaut, über Stiftungen in der Schweiz und in Liechtenstein flossen Gelder in unbekannte Kanäle. Helfer war der Liechtensteiner Treuhänder Ronald Kranz.

Erste Anzeichen, dass im Konzern einiges nicht stimmt, gab es beim Börsengang 1987. Die DG Bank lehnte es ab, das Unternehmen an die Börse zu bringen. Absagen erhielt Otto auch von der Commerzbank und der Deutschen Bank. Erst die Schweizerische Bankgesellschaft - gerade neu auf dem deutschen Markt - erklärte sich bereit, Konsortialführerin zu werden.

Fristlos gefeuert

Die Pläne des Gaunertrios flogen ein Jahr nach dem Börsengang auf. Der SPIEGEL berichtete im Oktober 1988 über undurchsichtige Vermögensverschiebungen und bilanztechnische Manipulationen. Das Unternehmen sei künstlich aufgebläht und hoffnungslos überschuldet.

Otto und Kumpanen gerieten in Bedrängnis. Der Chef verzichtete im November 1988 auf die Verlängerung seines Ende 1989 auslaufenden Vertrages. Noch im gleichen Monat folgte seine Beurlaubung, nachdem eine Verschuldung von fünf Milliarden Mark bekannt worden war und Banken die Kreditlinien gekündigt hatten. Im Dezember wurde der gesamte Vorstand fristlos gefeuert.

Otto auf der Flucht

Otto entschwand nach Südafrika, kehrte im Dezember 1989 aber freiwillig nach Deutschland zurück und wurde noch auf dem Frankfurter Flughafen verhaftet. Nach zwei Jahren Untersuchungshaft wurde er gegen eine Kaution von 500.000 Mark wieder auf freien Fuß gesetzt.

Im Februar 1992 begann der größte Wirtschaftsprozess in Deutschland mit sieben Angeklagten und 16 Verteidiger. Die Beweisaufnahme erwies sich als schwierig. Doch die nachweisbaren Anschuldigungen waren massiv genug.

Mauer des Schweigen

Die Coop-Chefs hatten mehr als hundert Banken durch falsche Bilanzen um Kredite in Höhe von rund zwei Milliarden Mark geprellt. Dazu kam der Vorwurf, die Handelsfirma habe verbotenerweise in großem Stil eigene Aktien aufgekauft und die Kurse manipuliert. Die Anklagepunkte lauteten somit Betrug, Untreue, persönliche Bereicherung und Bilanzfälschung.

Die Beklagten schwiegen, der Prozess stockte. Erst als der Vorstandssekretär Hans Gitter die Anklagepunkte bestätigte kam Bewegung in die Verhandlung. Gitter wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

Otto folgte Gitters Beispiel. Die Staatsanwaltschaft ließ Anklagepunkte fallen, dafür legte Otto ein Teilgeständnis ab. Wegen Untreue in drei Fällen und Verletzung der Fürsorgepflicht erhielt Otto seine Haftstrafe. Der entstandene Schaden wurde auf 20 Millionen Mark statt auf zwei Milliarden Mark beziffert.

"Kuhhandel"

Die Vereinbarung zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung wurde offiziell mit "Prozessökonomie" gerechtfertigt. In der Öffentlichkeit dagegen wurde die Sonderbehandlung Ottos als "Kuhhandel" gebrandmarkt. Bis heute blieben etliche Millionen verschwunden.

Nach Verbüßung der Haftstrafe versuchte Otto als Unternehmensberater Fuß zu fassen, scheiterte jedoch. Wirtschaftliche Not leidet er deshalb aber nicht.

Der Coop-Konzern wurde indes zerschlagen. Übrig blieben nur noch kleinere regionale Unternehmen; 400 Coop-Läden wurden von dem Rewe-Patriarchen Hans Reischl übernommen.


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