Mittwoch, 21. November 2018

Die 50 Mächtigsten "Im Nachhinein ist jeder schlau"

Der einst so erfolgreiche Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle hat sich bestimmt einen anderen Abschied gewünscht. Kurz vor seinem Wechsel in den Aufsichtsrat präsentiert sich der gigantische Finanzkonzern in einem miserablen Zustand.

Dem Bild, das viele Menschen von einem Topmanager haben, entspricht Henning Schulte-Noelle wahrlich nicht. Kein Glamour. Kein Pomp. Keine Statussymbole. Der Noch-Chef der Münchener Allianz tritt bescheiden und leise auf. Schulte-Noelle meidet öffentliche Auftritte wo es nur geht. Allein ein extravagantes Markenzeichen leistet er sich: Sein Gesicht ziert ein langer Schmiss - eine Erinnerung an feucht- fröhliche Tage bei den "Tübinger Borussen", einer schlagenden Studentenverbindung.

Henning Schulte-Noelle: Kein Glamour, kein Pomp, keine Statussymbole
Lange war der Allianz-Lenker einer der einflussreichsten Manager unserer Republik, der heimliche Chef der Deutschland AG. Mit seinem Wechsel in den Aufsichtsrat Ende April verabschiedet sich Schulte-Noelle zwar aus dem Tagesgeschäft. Doch auch als Oberkontrolleur wird er weiter hinter der Kulisse die Strippen ziehen, hält doch kein anderes Unternehmen hält derart viele Päckchen und Pakete an anderen Konzernen wie die Allianz: Etwa RWE, Eon, Münchener Rück, Bayer, Linde, MAN oder Thyssen Krupp.

Schulte-Noelle wurde 1942 in Essen geboren und wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf. Sein Vater war Diplomingenieur, die Mutter kam von einem großen Hof in Westfalen. Mit der Landwirtschaft hatte der zielstrebige Sohn allerdings nie etwas im Sinn. Der junge Mann studierte Rechtswissenschaften und promovierte zum Dr. jur. Seine erste Karrierestation fand Schulte-Noelle in einer Frankfurter Anwaltskanzlei, von der er 1975 zur Allianz-Versicherung wechselte. Bereits 1988 schaffte der ehrgeizige Manager den Sprung in den Vorstand, und nur drei Jahre später war er an der Spitze der Allianz angelangt.

Als Schulte-Noelle den Vorstandsvorsitz der Allianz übernahm, war das Unternehmen in erster Linie ein national ausgerichteter Versicherungskonzern, in dem es ziemlich hierarchisch und bürokratisch zuging. Schritt für Schritt baute der präzise denkende Stratege die Allianz zu einem weltweiten Allfinanzkonzern aus, mit dem immer wichtigeren Bereich Vermögensverwaltung.

Der Fehler seines Lebens

Schulte-Noelle und seine Allianz hatten gerade den Zenit erreicht, als der erfolgreiche Topmanager den Fehler seines Lebens machte: Er übernahm die Dresdner Bank. Was Schulte-Noelle eigentlich Zugang zu einem großen Filialnetz und einer sinnvollen Ergänzung der Produkte sichern sollte, erwies sich als Klotz am Bein. Nach und nach stellte sich heraus, wie angeschlagen die Dresdner Bank tatsächlich war. Sein Stellvertreter und Dresdner-Bank-Chef Bernd Fahrholz bekam die Risiken nicht in den Griff und musste jüngst gehen.

Ein Debakel. Knapp zwei Jahre nach ihrer Traumhochzeit zum größten deutschen Allfinanzkonzern stehen Allianz und Dresdner Bank vor einem Trümmerhaufen. Vielleicht hat Schulte-Noelle daher entschieden, sich früher als erwartet in den Aufsichtsratsvorsitz zu verabschieden. Ende April auf der Hauptversammlung wird er den Vorstandsvorsitz an Michael Diekmann übergeben. Seine persönliche Schlussbilanz hätte sich Schulte-Noelle allerdings anders vorgestellt: Die Allianz schreibt hundsmiserable Zahlen, die Aktie ist schwer eingebrochen, das Vertrauen der Finanzmärkte dahin.

"Im Nachhinein ist jeder schlau. Weder für die Ökonomen noch für die Markteilnehmer oder Medien war absehbar, dass wir einen solchen Sturz der Börsen erleben würden," konterte Schule-Noelle kürzlich die auf ihn einprallende Kritik. Das klingt schon fast frustriert.


Die 50 mächtigsten Manager

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