Donnerstag, 23. November 2017

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Überforderung als Tabuthema Von der Chefetage in die Psychiatrie - und zurück

Depressionen: Viele Arbeitnehmer verheimlichen psychische Probleme

Es ist ruhig geworden rund um das Thema Burnout. Was ist los, liebe Medien, habt Ihr die Lust verloren? Seid Ihr es leid, die immer gleichen Artikel zu schreiben, über die bösen Smartphones, die uns alle in den Wahnsinn treiben, weil wir nicht gelernt haben, wie man die E-Mail-Benachrichtigung ausschaltet? Habt Ihr die Nase voll von den Geschichten über gestresste Manager, die nicht auf ihren Körper hören und deshalb "ausbrennen"? Oder ist das Thema einfach durch, langweilig, von gestern? Gibt es das Thema Burnout am Ende gar nicht mehr? War es ein "Phänomen", eine temporäre Zeitgeist-Erscheinung, so wie Koch-Shows?

Es ist ruhig geworden rund um das Thema Burnout, aber eben nur in den Medien. Da draußen lassen sich weiterhin Woche für Woche Hunderte Menschen in psychiatrische, psychotherapeutische und psychsomatische Kliniken einweisen, denen eine längere, extreme Belastungssituation auf der Arbeit zum Verhängnis geworden ist. Sie sind depressiv geworden, haben irrationale Ängste, oder sie sind suchtkrank. Oder sie leiden unter einer Kombination aus all dem.

Sie haben viel gearbeitet - so viel, dass sie davon krank geworden sind. Eben ausgebrannt sind. Burnout.

Hört sich doch fast ein bisschen heldenhaft an. Komisch, dass man trotzdem kaum jemanden kennt, der betroffen ist, der vielleicht sogar mal in einer psychiatrischen Klinik war - und der das nicht verheimlicht. Liegt es daran, dass psychische Erkrankungen eben nicht einfach durch viel Arbeit entstehen, sondern meist auf Unverarbeitetes aus der Vergangenheit aufsetzen?

"Gerade Sie als Manager!"

"Dass gerade Sie als Manager sich mit einer Angststörung outen - das ist natürlich besonders mutig!" Das habe ich nicht nur einmal gehört; eigentlich ist das die übliche Dosis Respekt, die ich erhalte, und die mich immer wieder ehrlich freut - und verwundert. "Gerade Sie als Manager!" Was bedeutet das wohl?

Viele meiner Freunde haben mich bereits damals, in dem für mich verhängnisvollen Winter, als ich mich aus freien Stücken in eine psychiatrische Klinik begeben habe, für "mutig" gehalten. Dabei konnte von Mut keine Rede sein, ganz im Gegenteil. Es war nichts anderes als Verzweiflung - abgründige, tiefe Verzweiflung. Aber als dieser Schritt einmal getan war, habe ich tatsächlich keinen Moment mit dem Gedanken gespielt, irgendwas anderes als die Wahrheit zu erzählen. Ich habe damals mit meinen Kollegen verabredet, dass wir keine Märchen erfinden, sondern sagen, was ist. Irgendetwas anderes als völlige Transparenz kam nicht in Frage.

Später, ein Jahr danach, als ich längst wieder zurück im Job war und meine Erinnerungen aufgeschrieben habe, war dann erst recht klar: Ich schreibe genau das, was ich gedacht und gefühlt habe. Und wieder fand ich mich alles andere als heldenhaft. Ich fand immer noch, dass ich ein passabler Manager bin, einer mit Geschichte. Mit einer Geschichte des Scheiterns.

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