Sonntag, 22. April 2018

Feierabend! Mythen der Arbeitswelt Die Lüge von der "Herausforderung" im Job

Angestellter im Büro: Ohne Routine geht gar nichts
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Angestellter im Büro: Ohne Routine geht gar nichts

Buchtipp
Fischer

Volker Kitz
Feierabend!:
Warum man für seinen Job nicht brennen muss.

Fischer, 2/2017, 96 Seiten, 8,00 Euro

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Nicht unsere Arbeit macht uns unglücklich, sondern die Lügen, die wir darüber erzählen. In seinem neuen Buch erklärt Bestsellerautor und mm-MeinungsMacher Volker Kitz, warum wir nicht voller Leidenschaft sein müssen, um einen guten Job zu machen. www.volkerkitz.com

Möchten Sie mit einem Piloten fliegen, der vor dem Start verkündet: "Dieser Flug ist eine Herausforderung für mich"? Möchten Sie auf dem Behandlungsstuhl einer Ärztin sitzen, die Ihnen sagt: "Für meine Mitarbeiterin birgt ihre Tätigkeit ständig neue Herausforderungen; jetzt wird sie Ihnen Blut abnehmen"?

Und doch können wir sicher sein, dass beide Berufe genau so angepriesen wurden: als aufregende Herausforderung. Ich kenne keinen Personaler, der sagt: "Bei uns gibt es auch langweilige Dinge zu tun." Unternehmen inserieren selbst den ödesten Schreibtischjob als "spannende Herausforderung". Wenn wir über Arbeit reden, reden wir fast nie über das, woraus die Arbeit fast ausschließlich besteht: Routine. Wir schweigen die Routine tot und so verursachen wir Verwirrung, Enttäuschung und Leid.

In Lehre, Ausbildung oder Studium fängt es an. Dort ist die Lernkurve steil. Neues wird eingeübt, weiter geht's, nächstes Kapitel. Kein Stillstand, immer Herausforderungen. Auf die Berufsausbildung trifft das zu, denn ausgebildet wird man mit schwierigen Aufgaben, nicht mit leichten. Dass es in der Berufsausübung umgekehrt sein wird, sagt uns niemand.

Ohne Routine bräche die Gesellschaft zusammen

Aus anderen Quellen erreichen uns keine Informationen, die dieses Bild korrigieren. Kommt das Arbeitsleben in Büchern, Zeitungen, Film oder Fernsehen vor, geht es nie um die Alltagsroutine. Sie bietet keinen Stoff für eine Geschichte, weder für Reportage noch Fiktion. Eine Ärztin rettet ständig Leben oder zumindest eine Ehe. "Unser Lehrer Dr. Specht" stürzt sich in waghalsige Einsätze, um die Familienprobleme seiner Schüler zu lösen - in der Klasse sieht man ihn selten, die Kinder lernen brav ihren Stoff, ganz allein. Der Journalist ist dem Skandal auf der Spur, die Pfarrerin stimmt einen Selbstmörder um.

Ein Formular ausfüllen, eine Kostenstelle eintragen, Klassenarbeiten korrigieren, ein Medikament verschreiben, eine Predigt aufsetzen, einen Bericht über die langweilige Pressekonferenz in den Computer tippen - was 95 Prozent der dargestellten Berufe ausmacht, findet in den Medien nicht statt.

Einsteiger erleben einen Schock, wenn sie erfahren, wie sich der Arbeitsalltag von dem unterscheidet, was sie aus der Ausbildung und den Medien kennen. Statt sich mit der Normalität anzufreunden, leiden sie und sind sicher, den falschen Beruf erwischt zu haben.

Dabei wissen wir es nicht nur besser, sondern vertrauen sogar darauf. Denn die Gewöhnung ist auch ein Segen: Sie lässt uns Dinge lernen. Wir verlassen uns auf Menschen mit Routine, die ihre Arbeit "im Schlaf" erledigen, und wir wissen, dass es solche Menschen gibt. Säßen überall Leute, die gerade eine Herausforderung vor sich haben, bräche die Gesellschaft zusammen. Kein Unternehmen würde funktionieren, wenn seine Mitarbeiter derart "herausgefordert" wären, wie es behauptet. Wir sind auf Routinetätigkeiten angewiesen, aber keiner will sie machen. Wir lieben die Routine bei anderen und hassen sie bei uns selbst.

So beklagen viele, sie seien für ihre Tätigkeit überqualifiziert. Überqualifikation bedeutet: Mehr zu wissen und zu können, als für die tägliche Arbeit nötig ist. Das allerdings ist die Voraussetzung für gute Arbeit: ein Puffer aus Wissen und Können. Hin und wieder an Grenzen zu stoßen, ist eine willkommene Abwechslung. Doch dauerhafte Überforderung wünscht sich niemand.

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