Freitag, 23. Juni 2017

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Übergewicht und Karriere "Dicke können viel weniger blenden"

Gisela Enders arbeitet als Führungskräfte- und Finanzcoach. Einen Teil ihrer Coaching-Tätigkeit widmet sie dem Thema Körperakzeptanz, zu dem sie auch bloggt und Bücher schreibt.
Stefanie Schmitt
Gisela Enders arbeitet als Führungskräfte- und Finanzcoach. Einen Teil ihrer Coaching-Tätigkeit widmet sie dem Thema Körperakzeptanz, zu dem sie auch bloggt und Bücher schreibt.

manager-magazin.de: Frau Enders, Sie sind Coach, selbst dick und beschäftigen sich auch mit dem Thema Körperwahrnehmung. Beim Thema Karriere und Ehrgeiz stellen die meisten sich wohl eher schlanke Leute vor.

Enders: Dicke sind faul, dumm, schwitzen und sind doof. Das sind die gängigen Vorurteile, nicht wahr? Es gibt selten die Assoziation: Dicke sind erfolgreich, pfiffig und fleißig. Aber das kommt genauso vor. Das Kriterium "dick" ist als Klassifizierungsmerkmal für Kompetenz, Fleiß oder Ehrgeiz ungefähr so sinnvoll wie das Kriterium "glatte Haare" oder "blaue Augen". Sind langhaarige Frauen fauler als andere, weil sie seltener zum Friseur gehen? Das ist offenkundiger Unfug, oder? Die Vorurteile gegenüber Dicken funktionieren aber nach derselben hanebüchenen Logik.

mm.de: In einem Bericht über eine Selbsthilfegruppe las ich das Zitat eines sehr dicken Mannes: "Niemand ist glücklich damit, übergewichtig zu sein."

Enders: Das ist eine Bewertung, die einer aus seiner Realität über die vermeintliche Realität anderer stülpt. Man könnte auch sagen: Niemand ist mit vielen Leberflecken glücklich. Wissenschaftlich nachgewiesen ist allerdings eine Stigmatisierung von dicken Menschen, die das Leben tatsächlich schwieriger macht.

mm.de: Es gibt ja auch den gesundheitlichen Aspekt. Einer aktuellen Studie zufolge ist fast ein Drittel der Menschheit übergewichtig.

Enders: Dass man mit einem Body-Mass-Index von mehr als 25 als übergewichtig gilt, hat die Weltgesundheitsorganisation vor 20 Jahren einmal festgelegt. Damit wurden dann plötzlich Millionen von normalen, gesunden Menschen plötzlich dick und risikobelastet. Dass das Unfug ist, zeigen andere Studien: Die geringste Sterblichkeit haben Leute mit einem BMI von rund 27 - die wären ja dann schon übergewichtig, sind aber merkwürdigerweise viel gesünder als dünne Menschen. Ob Sie dick sind oder nicht, hat kaum einen messbaren Effekt - wohl aber, ob Sie sich bewegen. Sportliche Dicke sind viel gesünder als schlappe Schlanke.

mm.de: Das Marathon-Finisher-Shirt hat als Statussymbol aber schon lange den Wohlstandsbauch abgelöst. Wird der Druck auf Dicke stärker?

Enders: Ja. In der Teeküche wird über Diäten gesprochen, dicken Mitarbeitern wird generell weniger zugetraut. Eine Freundin von mir ist im Beruf sehr gut und erfolgreich. Seit zwölf Jahren bewirbt sie sich auf höhere Positionen, und jedes Mal werden ihr sehr gute Chancen eingeräumt. Aber wenn es um Hopp oder Topp geht, ist sie immer nur die zweite. Die Vermutung liegt nahe, dass es daran liegt, dass sie dick ist.

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