Dienstag, 23. Oktober 2018

Guter Vorsatz für 2018 Schweigen - die Krone jeder Kommunikation

Schröder, Putin: Man muss nicht über alles reden
imago/ ITAR-TASS
Schröder, Putin: Man muss nicht über alles reden

Politiker bekommen oft gesagt, sie müssten in Peking unbedingt dieses oder jenes heikle Thema ansprechen. Oder in Moskau. Oder in Istanbul. (In den nächsten Jahren wird es übrigens Mode werden, Politiker zu fragen, ob sie diesen oder jenen Missstand beim Besuch des US-Präsidenten angesprochen hätten. So schnell kann's gehen.) Nach dem Staatsbesuch versichern sie dann pflichtschuldigst, natürlich hätten sie die Menschenrechtssituation angesprochen. Oder die Lage in der Ostukraine. Oder die inhaftierten Journalisten.

Stefan Wachtel
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    Etienne Fuchs
    Stefan Wachtel ist Executive Coach und bereitet beispielsweise Spitzenmanager auf öffentliche Auftritte vor. Er ist Autor von fünf Büchern, zuletzt "Executive Modus" bei Hanser. Außerdem ist der promovierte Sprechwissenschaftler gefragter TV-Experte, u.a. bei Bundestagswahlen.
    www.expertexecutive.de

Politiker, die richtig guten, erkennt man allerdings nicht nur an den Themen, über die sie gesprochen haben. Sondern daran, worüber sie nicht gesprochen haben. Politprofis wissen,

1. über welche Punkte sie nicht sprechen

2. mit wem sie darüber sprechen, was besprochen und was nicht besprochen wurde.

Man sollte Politikern nicht alles abschauen, aber das ganz sicher.

"Gut, dass wir darüber gesprochen haben!" Das Sprechen über bestimmte Sachverhalte oder Streitfragen war lange ein Wert an sich, ausschließlich positiv besetzt, heilsam: Reden als Methode. Doch es gibt auch jede Menge Situationen, in denen man besser sagen sollte: "Gut, dass wir nicht darüber gesprochen haben!" Die sind interessanter.

Schweigen ist Geld

Ein deutscher Spitzenmanager hält auf einer Promotionsfeier eine Rede. Seine Gattin sitzt im Publikum. "Meine Frau ist jetzt auch da, da drüben sitzt sie!", beginnt er einen Exkurs. Bis dahin ist alles fein. Aber dann sagt der Redner: "Sie wollte ursprünglich auch promovieren. Dann kamen die Kinder, das alles, Sie wissen, wie das ist. Obwohl, dann waren die Kinder aus dem Haus, na ja, sie hätte dann noch - aber das weiß man nie, da müsste ich noch mal fragen.…"

Ein "ehrliches Wort" versandet in Peinlichkeit. Wie so viele ehrliche Worte.

Wer öffentlich spricht, muss die Themen kennen, über die man besser nicht spricht. Wer rhetorische Wirkung will, muss auch Themen vermeiden können. Es kann sogar wirtschaftlich relevant sein, über etwas nicht zu sprechen. Hätte Gerhard Schröder an jeder Ecke über irgendwelche Probleme russischer Politik sprechen wollen, hätten seine Kameraden bei Gazprom manches kaum so zügig erreicht. Wer die Themen, die "Issues" setzt, bestimmt, worüber gesprochen wird.

Das ist gerade dann am schwersten, wenn wir mit allgemeinen Reizwörtern konfrontiert werden, vor allem von Personen, die situationsmächtige Fragen stellen - zum Beispiel Journalisten auf einer Pressekonferenz. Wer in einem solchen Setting kritisch angesprochen wird, kontert oft allzu schnell - und setzt damit genau die Themen in die Welt, die er eigentlich gar nicht haben möchte. "Es gibt kein Risiko." "Von ,Versagen' würde ich nicht sprechen." "Wir haben keineswegs eine falsche Entscheidung getroffen." Und so weiter.

Gefährlich sind auch die Namen realer Personen, wenn sie in einem Kontext fallen, mit dem sie besser nicht in Verbindung gebracht werden sollten. Oder wenn damit eine negative Wertung verbunden sein könnte.

Als sich einst die ehemaligen Arbeitgeber von Dr. Zumwinkel zum Gipfeltreffen trafen, zuckten sie eher zusammen, als "der Klaus", der gerade beim Steuerhinterziehen erwischt worden war, immer wieder lobend erwähnt wurde. Und ohnehin: Der Name des Chefs ist oft besonders heikel. Und erst recht sind Namen von Konkurrenten eher kleine Bomben, die explodieren.

Beispiel CSU: Nicht-Themen sind die wichtigen Themen

Die Nicht-Themen sind häufig die wichtigeren Themen. Mit ihnen beschäftigen sich Berater öfter als mit den Themen, über die unbedingt gesprochen werden soll. Dazu braucht man nicht Rhetorik, Kommunikationswissenschaft oder Sprechwissenschaft studiert zu haben, das weiß schon der Volksmund. Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung jeder rhetorischen Wirkung. Sie entsteht besonders nachhaltig dann, wenn Leute über bestimmte Reizthemen nicht gesprochen haben.

Der jüngste CSU-Parteitag illustriert diese These nur zu treffend: Seehofer und Söder hassen einander. Jeder weiß das, ein Thema war es nicht. Gut, dass wir nicht darüber gesprochen haben!

Das Ganze funktioniert übrigens auch im Positiven, bei gegenseitiger Übereinstimmung. Der Satz "Brauchen wir nicht drüber zu reden!" ist die Krone jeder Kommunikation.

So ließ ein Strategieberater, der in einem dieser "Sieg-oder-Sibirien"-Pitches ein Indien-Projekt zu verkaufen hatte, die 32 Charts, die zu solchen Anlässen gern gleich zu Anfang aufgelegt werden, erst einmal weg ("selbsterklärend!") und suchte stattdessen erst Zugang zum Klienten. Dieser Zugang entsteht eben oft nicht über Sachthemen, sondern über inhaltslose Gemeinsamkeit. Und so sagte der Berater, als der Klient zur Tür herein kam: "Über Indien brauche ich Ihnen ja nichts zu erzählen!"

Nicht darüber reden zu müssen - das schafft Zugang, das schmiedet zusammen, mehr als alle 32 Charts zusammen. (Die natürlich dann auch noch diskutiert wurden - als der Klient schon entschieden hatte.) Ob die Beratungsgesellschaft den Auftrag bekam, verrate ich nicht, aber es könnte schon sein.

Worüber Sie nicht sprechen sollten

Worüber will ich nicht reden? Es gibt eine ganze Reihe von Bereichen, die vor Kunden oder der eigenen Belegschaft tabu sein sollten, vor Journalisten sowieso. Andernfalls könnte es gefährlich oder teuer werden. Die eigenen Kinder gehören dazu, ebenso Partner und Ex-Partner jeder Art, ehemalige Kollegen, Jobs, die man nicht bekommen hat. Was wie viel gekostet hat, geht niemanden etwas an, auch nicht, wo man es gekauft hat. Über Verluste jeder Art sollte man besser schweigen - oft gilt das auch für Gewinne. Die Liste ist lang. Und sie ist höchst individuell. Machen Sie sich Gedanken darüber, welche Tabuthemen auf Ihrer ganz persönlichen Liste stehen sollten. Und halten Sie sich anschließend daran.

Wie bei vielen Verhaltensregeln kann manchmal aber auch das Gegenteil richtig sein. Es gibt Themen, über die man sprechen muss - weil Schweigen an der falschen Stelle auch gefährlich sein kann. Oft für die anderen. Damit sind wir zurück bei den Politikern. Als sich 1968 die deutsche Regierung partout weigerte, mit dem Schah von Persien über dies und jenes zu sprechen, gab es einige Großdemonstrationen. Als die eine zu Ende war, war einer tot.

Überlegen Sie sich gut, worüber Sie sprechen oder nicht sprechen. Definieren Sie genau, worüber Sie nicht reden wollen. Nichts zu danken.

Stefan Wachtel ist Executive Coach und bereitet beispielsweise Spitzenmanager auf öffentliche Auftritte vor. Er ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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