Freitag, 23. Juni 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Mut zum Rücktritt Wie man rechtzeitig und würdevoll aus dem Amt scheidet

Karl-Thomas Neumann: Abschied als Opel-Chef

Opel-Chef Karl Thomas Neumann tritt ab, Audi-Chef Rupert Stadler will trotz heftiger Kritik bleiben. Der Grat zwischen gesunder Wettkampfhärte und einem konsequenten Rückzug ist schmal.

Der Rücktritt von einem wichtigen Amt fällt oft nicht leicht und ist mit Ängsten verbunden. Das Wissen, dass der Abschied bevorsteht, ist das eine. Das Handeln etwas völlig anderes. Nicht immer sorgt die eigene Erkenntnis dafür, dass der Rücktrittsprozess in Gang kommt. Oft sind es externe Ereignisse, die den Amtsträger zwingen, sich mit diesem Gedanken zu befassen. Doch unabhängig davon, was am Ende zur Entscheidung führt: Wer zum richtigen Zeitpunkt und mit Würde abtreten will, sollte einige wichtige Punkte beachten.

Moritz Küpper

"Es ist eine Regel der Klugen, die Dinge zu verlassen, ehe sie uns verlassen." So hat der spanische Schriftsteller Balthasar Gracián es einmal auf den Punkt gebracht. So könne man selbst aus seinem Ende noch einen Triumph machen. Die Erfahrungen zurückgetretener Persönlichkeiten zeigen, worauf es dabei ankommt: Organisation, Timing, Informationsmanagement und der Tonfall des Rückzugs sind wichtig, ebenso Nebenaspekte von der Begründung bis hin zur Nachfolgefrage und zu den Zukunftsplänen.

Nur nicht rumeiern

In einem Punkt sind sich fast alle einig: "Die Schritte müssen schnell gehen und dezidiert sein. Es darf nicht rumgeeiert werden", sagt die ehemalige RBB-Intendantin Dagmar Reim. Der frühere Außenminister Klaus Kinkel (FDP) beschreibt es so: "Die Konsequenz ist das Entscheidende. Sie können nicht lange über etwas brüten, sondern das muss schnell kommen. Das gilt auch für Ämter in der Wirtschaft."

Das kann Roland Koch (CDU) bestätigen, der sowohl in der Politik - als hessischer Ministerpräsident - als auch in der Wirtschaft - als Vorstandsvorsitzender von Bilfinger - schon einmal zurückgetreten ist. Sein Rat: "Man braucht eine ausreichend belastbare, externe Begleitung. Betroffene schauen nicht auf die Alternativen und evaluieren nicht die nächsten Schritte, sondern sind sehr voreingenommen oder wollen Dinge nicht wahrhaben. Vor allem können sie sich nicht in die Lage der unbeteiligten, erstaunten Betrachter versetzen." Aus Kochs Sicht ist es unerlässlich, dass vor einem solchen Schritt eine umfassende, vertrauliche Organisation steht, die zugleich eine gewisse Distanz hat: "Da muss ein Außenstehender das Kommando übernehmen."

Als Koch im Frühjahr 2010 als hessischer Ministerpräsident zurücktrat, war die Zeit auf seiner Seite, ließen sich Schritte - wenn auch unter Geheimhaltung - sorgfältig planen: "Ich habe das so gelöst, dass ich zwei Wochen vorher einem sehr engen, persönlichen Mitarbeiter von mir gesagt habe: ,Ich brauche jetzt Pläne, auch Zeitpläne. Ich brauche Namenspläne, wer zu unterrichten ist.' Dann wurde das ausgearbeitet und genau so umgesetzt."

Die Definitionsmacht bewahren

Das Timing eines Rücktritts ist entscheidend, und zwar nicht nur abstrakt für die grundsätzliche Entscheidung, sondern auch konkret für die Umsetzung: "Es musste ein Dienstag sein", so Koch, "weil es ein Tag sein musste, an dem die eigene Fraktion tagt." Und die galt es vorab zu informieren.

Sieht man sich zu einem Rücktritt gezwungen, beginnt die Zeit zu rasen. Dann gilt es, unverzüglich handeln. Nur so lasse sich die "Definitionshoheit" (Koch) behalten, bekommt man noch einen letzten Respekt und erspart sich quälenden internen und öffentlichen Druck. So war es auch beim Rückzug des damaligen Bundesinnenministers Rudolf Seiters (CDU) 1993, der nach einem missglückten Polizeieinsatz gegen RAF-Terroristen die politische Verantwortung übernahm. Zwar versuchte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, ihn noch umzustimmen, doch Seiters Entscheidung war gefallen: "Ich sagte ihm (Kohl) dann: Mein Rücktritt ist heute noch etwas wert, aber morgen kann ich mir dessen nicht mehr sicher sein. Und das hat er akzeptiert."

Nachvollziehbare Begründung

Eine Begründung muss plausibel und überzeugend sein. Das hat auch Marina Weisband bei ihrem Rückzug als politische Geschäftsführerin der Piratenpartei erlebt: "Es gab Versuche der Medien, meine erneute Kandidatur zu kolportieren", erinnert sie sich an die Schlussphase ihrer Amtszeit. "In einem "Spiegel"-Interview habe ich der Journalistin gesagt, dass ich nicht erneut antreten werde, woraus sie dann doch den Eindruck weitergegeben hat: Ich würde wieder antreten wollen." Mangelnde Unterstützung, unzureichende Ausstattung, die Sorge, vom politischen Betrieb abhängig zu werden, sowie das noch nicht beendete Studium waren Weisbands Gründe für den Rückzug. Und dennoch: "Ich musste mich viel rechtfertigen", sagt sie.

Buchtipp

Moritz Küpper
Rücktritte: Über die Kunst, ein Amt zu verlassen

Tectum, Taschenbuch, 160 Seiten, Mai 2017, 19,95 Euro

Jetzt kaufen

Zwar sei die Diplomarbeit ein "angenehmes Totschlagargument" gewesen, aber ihre Erfahrung mit der aus ihrer Sicht falschen Interpretation im "Spiegel" sei exemplarisch: "Es sagt vor allem viel über die Erwartungshaltung aus, dass man freiwillig einfach nicht zurücktritt." Auch wenn es trivial klingt: Jeder Rücktritt, selbst ein freiwilliger, braucht einen triftigen Grund. Nur so wird die Entscheidung für die Öffentlichkeit nachvollziehbar.

Ebenso wichtig ist das Informationsmanagement: Von innen nach außen, lautet die Devise. Mit wem muss man sprechen? Wer kann den Rücktritt akzeptieren? Wen informiert man - intern wie extern? Und wann? Wie lässt sich zunächst Vertraulichkeit wahren und anschließend eine kontrollierte Informationspolitik sicherstellen?

Erst erklären, dann Klappe halten

Zu Beginn des Prozesses ist vor allem Vertraulichkeit entscheidend. Diese gewährleistet man am besten durch möglichst wenige Mitwisser oder gar einsame Entscheidungen. Ex-Außenminister Kinkel sprach mit seiner Frau, seinem besten Freund, aber auch mit engen Mitarbeitern, denen er vertraute. Andere zogen den Kreis enger: "Ich habe meine Frau und meinen Sohn an den Tagen informiert, bevor es dann endgültig soweit war", erinnert sich der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident und SPD-Vorsitzende Kurt Beck, "ansonsten habe ich mit niemandem wirklich drüber geredet."

Dann schließlich die Bekanntgabe: Wer zurücktritt, sollte diesen Moment so gestalten, dass die Öffentlichkeit ihm persönlichen Respekt zollen kann. Dazu gehört, wenn möglich, auch ein persönlicher Auftritt. Dessen Bedeutung ist nicht zu unterschätzen, unterstreicht er doch einen aufrechten Abgang - und keine Flucht. Denn es sind Bilder, die in Erinnerung bleiben. Das wusste auch Roland Koch bei seinem Rückzug als Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Bilfinger, wo er das Vertrauen der Anteilseigner verloren hatte. Dennoch gelang ihm ein offensiver Abgang: "Wir haben zwar gesagt, dass wir das schnell regeln müssen", erinnert er sich. Doch es sollte kein Abgang durch die Hintertür werden"

Konkret bedeutete das, dass er am Montag die Gremien informierte und erst am darauffolgenden Freitag ging. "Da habe ich dann noch mit den 300 Leuten der Zentrale Kaffee getrunken." In der letzten Woche habe er alles geregelt, "sodass ich mich mit einer gewissen Fröhlichkeit vom Pförtner verabschieden und sagen konnte: ,Das machen jetzt andere.'"

Der letzte Akt: Rückzug. Still und damit glaubwürdig sollte er sein. So überzeugend, plausibel, umfangreich und auch persönlich ein Rücktritt erklärt werden sollte, anschließend muss es heißen: Rückzug - und Ruhe. Es ist klug, sich zunächst komplett aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Ansonsten könnte alle Mühe zuvor umsonst gewesen sein.

Dieser Text ist ein verkürzter Auszug aus dem kürzlich erschienen Buch "Rücktritte. Über die Kunst ein Amt zu verlassen". Darin berichten prominenten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen über ihre Rücktrittserfahrungen.

Moritz Küpper ist Korrespondent beim Deutschlandradio und hat zuvor als Sport- und Wirtschaftsjournalist gearbeitet und schreibt als Gastkommentator für manager-magazin.de - trotzdem gibt seine Meinung nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Nachrichtenticker

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH