Montag, 20. November 2017

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Kengeter, Ackermann, Kohl, Thatcher Wer sagt dem Chef, wenn es Zeit ist zu gehen?

Carsten Kengeter: Sein Abschied als Chef der Deutschen Börse kam spät - zu spät
Bloomberg via Getty Images
Carsten Kengeter: Sein Abschied als Chef der Deutschen Börse kam spät - zu spät

Das Phänomen des verpassten Rücktritts ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Man findet es bei Spitzenkräften in der Politik ebenso wie in der Wirtschaft, in der Verwaltung, auch im Sport. Von außen sieht jeder, dass hier eine Führungskraft in eine Situation geraten ist, in der nichts mehr zu gewinnen, aber alles zu verlieren ist.

Ulrich Goldschmidt
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    Gerhard Blank
    Ulrich Goldschmidt ist Vorstands-vorsitzender des Berufsverbandes "Die Führungskräfte" (DFK) in Essen. Der Jurist ist Spezialist für Führungsfragen, Vergütung und Corporate Governance. Außerdem ist er Ansprechpartner für die Sprecherausschüsse der Leitenden Angestellten sowie Berater und Coach für Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder.

Der letzte Fall, der für einiges Aufsehen sorgte, war der erst nach langem Zögern erfolgte Rücktritt des Deutsche-Börse-Chefs Carsten Kengeter, der in den Medien gern auch mal als "Börsen-Rambo" bezeichnet wurde. Aber schon davor gab es genug andere warnende Beispiele.

Erinnert sei an den quälend langsamen Abschied von Josef Ackermann als CEO der Deutschen Bank. Ein Prozess, der nicht nur die Person Ackermann beschädigte, sondern das komplette Unternehmen in einen Zustand der Lähmung versetzte.

Dass dies nicht nur ein männliches Problem ist, zeigt Marissa Mayer, die sich als CEO von Yahoo trotz nachgewiesener krasser Managementfehler bis Juni 2017 an ihren Posten klammerte. Die Probleme des Unternehmens verschärften sich dadurch dramatisch.

Die Reputation stirbt auf Raten

Josef Ackermann: Deutsche Bank in Zustand der Lähmung versetzt

Klassische Beispiele für eine akute Rückzugsallergie in der Politik sind Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und die ehemalige britische Premierministerin Margret Thatcher. Bei beiden war das politische Haltbarkeitsdatum weit überschritten, beide hielten sich gleichwohl für unentbehrlich und bei beiden war bis zuletzt ein Prozess der Selbsterkenntnis nicht im Ansatz zu erkennen.

All diese Fälle haben ein verblüffend ähnliches und simples Muster: Jeder sieht, dass die Personen in ihrer Spitzenfunktion nicht mehr zu halten sind - nur die Betroffenen selbst haben eine solche Leseschwäche entwickelt, dass sie die Zeichen nicht mehr erkennen. Stattdessen nehmen sie es hin, dass ihr über Jahre mit viel Arbeit und Mühe aufgebautes Renommee langsam aber nachhaltig Schaden nimmt. Die Reputation stirbt auf Raten. Und oft genug wird das Ansehen des Unternehmens dabei mitbeschädigt. Wie kann es soweit kommen?

Was im Weg steht

Helmut Kohl, Margaret Thatcher: Beide verpassten den richtigen Zeitpunkt zum Abschied

Nun könnte man es sich einfach machen und sagen: "Folgt der Spur des Geldes". Aber klammern Topführungskräfte tatsächlich nur deshalb an ihren Funktionen, weil es ihnen um den schnöden Mammon geht? Das wäre arg kurz gesprungen. In der Regel haben die hier gemeinten Topmanager finanziell längst ausgesorgt, verfügen über lukrative Versorgungszusagen und würden aufgrund ihrer unbestrittenen Expertise ohnehin bald eine neue Beschäftigung finden. Das Geld ist nicht der Treiber, zumal auch in solchen Fällen üblicherweise die Vertragsansprüche erfüllt werden müssen. Man muss also schon tiefer bohren.

Manager mit Rücktrittsallergie verfügen oft über bestimmte Eigenschaften, die ihren Aufstieg in diese Position erst ermöglicht haben, die ihnen dann aber irgendwann im Weg stehen. Es sind starke, resiliente Charaktere, die ihre Ziele mit großer Durchsetzungsstärke auch gegen interne oder externe Widerstände durchsetzen. Menschen, die sich von den Stürmen, die in diesen Höhen oft blasen, nicht gleich umwerfen lassen - genau deswegen werden sie ja von Aufsichtsräten bis zu den Mitarbeitern so geschätzt. Sie gehen ihren Weg, entwickeln dabei aber oft ein hohes Maß an Kritikimmunität.

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